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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-02 · Heft 1 (2.1.1914) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 1 (2.1.1914)
Date
1914-01-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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8. Jahrgang. Nr. I Berlin, 2. Januar 1914 Der Gemeindevote. %eflage zur „Allgemeinen Leitung des Judentums" korrrlponlikn-m und Aachrichten. Sklttschlsnd. G. Berlin, 30. Dezember. Im Jüdisch-liberalen Jugendverein, Berlin, sprach, am 16. d. M. Prosessor Dr. Vlaschte über die „Jüdische Volksschule". Das zur Erörterung stehende aktuelle Problem und die Person des Referenten hatten dem Verein eine erhebliche Anzahl jüdischer Lehrer als Gaste zugeführt. Der Referent kam in seinem von gediegenster Sachkenntnis, großer Erfahrung und gleicher Beachtung der Realitäten des Lebens wie der idealen Forderungen zeugenden Referat zu folgendem Resultat: Die jüdische Volksschule sei, wo sie bestehe, zu erhalten und zu pflegen; wo sie in den Kleingemeinden nicht bestehe, solle man sie einführen; in den Mittelgemeinden sei die Frage der Einführung nach den Verhältnissen des Einzelfalles zu beurteilen; in den Großgemeinden sei eine Errichtung neuer jüdischer Volksschulen nicht wünschenswert.: Diese Stellungnahme begründete der Referent aus den verschiedenen Bedürfnissen der jüdischen Kinder in den verschiedenen Gemeinwesen heraus und aus der Stellung der Juden zu der nichtjüdischen Bevölkerung. Er würdigte auch die Stellung der jüdischen Lehrerschaft und betonte, daß für diese bis zur Einführung der Simultanschule, die er als erstrebenswertes Ziel für alle Liberalgesinnten hinstellte, neben den wertvollen Posten in den jüdischen Volksschulen der Kleingemeinden auch eine Anstellung an den jüdisch-christlichen Schulen als Neligionslehrer mit der Berechtigung, auch in anderen Fächern Unterricht zu erteilen, einen gewissen Ersatz biete. Zum Schluß behandelte der Redner auch die politischen Gründe, die gegen eine Vermehrung der jüdischen Volksschulen sprächen; er betonte jedoch, daß diese erst in zweiter Linie ständen. Lebhafter Beifall dankte dem Redner. In der überaus anregenden Diskussion, die sich bisin die Nacht hineinzog, vertraten unter anderen die Herren Lehrer R e m a k und Sirnson den Standpunkt des Referenten, während die Herren Lehrer Aue rbach, Hanfs und Dr. Fink für die Einführung der jüdischen Volksschule auch in den Großgemeinden eintraten. Letzterer bekannte sich als grundsätzlicher Anhänger der Konfessionsschule, während für die übrigen Freunde der jüdischen Volksschule der leitende Gedanke der war, daß bei den innerpolitischen Verhältnissen die Einführung der Simultanschule völlig aussichtslos sei, und daß durch das Ueberwiegen der christlichen Schulen für die jüdischen Schüler Schwierigkeiten und Gefahren entstünden, bei den jüdischen Lehrern aber sogar ein materieller Notstand hervorgerufen würde. Der Abend bot eine höchst wertvolle Belehrung über das behandelte, so heiß umstrittene Problem. 22 Berlin, 30. Dezember. In den Montagsvorlesungen, welche die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums alljährlich im Winter veranstaltet, und die sich in Berlin eines wachsenden angesehenen Rufes erfreuen, werden auch diesmal namhafte Gelehrte und Schriftsteller zu Worte kommen. Als erster Redner spricht am 12. Januar der hiesige Professor der Theologie D. Dr. Greß nt a n u , dessen Vortrag über: „Die Geschichte der messtanischen Hoffnung" in unserer Zeit der religiösen Gärung in weitesten Kreisen Interesse finden dürfte. Gleichfalls aus dem Gebiete der Religions- Philosophie ist das Thema des vor kurzem nach Berlin berufenen Rabbiners Dr. Lewkowitz entnommen,' der mit einem Vortrag über „Religion und Nationalismus^ am 2. März den Zyklus der Montagsvorlesungen beschließen wird. Am 19. Januar spricht Herr Seminarmusiklehrer Jdelsohn aus Jerusalem über „Das Verhältnis der orientalischen zu den europäischen Shnagogalgesängen". Es handelt sich dabei um das Ergebnis eines fast zehnjährigen eifrigen Studiums und Sammelns. Der Vortrag dürfte besonders dadurch an Reiz gewinnen, daß der Redner seine Ausführungen durch phonographische und gesangliche Reproduktionen illustrieren wird. Aus dem Gebiete der Kunst hat auch Herr Dr. K u t n a sein Thema gewählt, der am 9. Februar einen Lichtbildervortrag über: „Die alttestamentlich'en Gestalten in der bildenden Kunst" in Aussicht gestellt hat. Am 26. Januar spricht Frau Dr. Meyer, die Tochter des unvergeßlichen Sanitätsrats Neumann; sie will „Ein Kulturbild aus dem Leben der russischen Juden" geben. Frau Dr. Meyer, die in Riga lebt, ist mit den Verhältnissen in Rußland aufs genaueste vertraut, so daß die Persönlichkeit der Rednerin wie das angekündigte Thema allgemeinstes Interesse erwarten lassen. Schließlich hat auch Herr Chefredakteur Fritz Engel für den 23. Februar einen Vortrag über: „Max Reinhardt" zugesagt. lieber den Wert dieses Vortrags braucht man wohl nicht erst noch Worte zu verlieren. Der Reinertrag der Montagsvorlesungen fließt in die Kasse des Stipendienfonds der Lehranstalt, so daß neben der geistigen Anregung auch ein wohltätiger Zweck durch' die Veranstaltung erreicht wird. Es ist daher in doppelter Hinsicht zu wünschen, daß der Besuch der Vorträge sich rege gestaltet. Die Vorlesungen finden in der Aula der Lehranstalt, Artilleriestraße 14, Montags, abends 8 Uhr, statt. Einlaßkarten zu 5 Mark für den ganzen Zyklus respektive 1 Mark für eine Vorlesung sind zu haben beim Hofjuwelier Herrn Eugen Marcus, Unter den Linden 31, beim Sekretariat der Lehranstalt und am Eingang in den Saal. cs%> Berlin, 30. Dezember. Unter zahlreicher Beteiligung der Finanz- und Jndustriekreise fand am 24. d. M. die Trauerfeier für Kommerzienrat Leopold F r i e d m a n n in der Wohnung des Verewigten, Rauchstraße 24, statt. Hier war der Sarg in dem schwarzdrapierten Salon, umgeben von Blumen und grünen Blattgewächsen, aufgebahrt worden. Kränze hatten an dem Katafalk neben vielen andern niedergelegt: die Deutsche Bank, Vorstand und Repräsentanten der jüdischen Reformgemeinde, der Vorstand der Gesellschaft für Unterstützung jüdischer Handwerker und Künstler in Krankheitsfällen, der Brüderverein, das Kuratorium des L e h r l i n g s h e i m P a n k o w. In der großen Trauerversammlung bemerkte man außer der tiefgebeugten Witwe und den Kindern den stellvertretenden Stadtverordnetenvorsteher Geheimen Justizrat Cassel, Stadtrat Ring, Justizrat P inner, Generalkonsul Landau, Frhrn. v. Nicht Hofen, Direktor Dr. Minden, Bankier Arnhold, Negierungsrat Schoen, Geheimen Rat Fromberg, von der Großloge U. O. B. B. deren Vorsitzenden Geheimen Justizrat Timendorfer und mehrere Beamte, von der Berthold-Auerbach-Loge deren Präsidenten und Vizepräsidenten Dr. R o s e n b a u m und Dr. Glücksmann, vom Aeltestenkollegium der Berliner Kaufmannschaft Geheimen Rat Frankel und Direktor Stein thal, vom Vorstand der Maklerkammer Direktor A. B. Bosse, den Direktor der Commerz- und Discontobank S o b e r n - heim u. v. a. Eingeleitet wurde die Feier durch Chorgefang, woraus Rabbiner Dr. Jelfki von der Jüdischen Reformgemeinde die Gedächtnisrede hielt. Er schilderte in Anlehnung an das Wort der Sprüche Salomonis K. 15 V. 24: Orach chajim lemaeloh lemaßkil, der Weg des Lebens führt den Klugen in die Höhe, geht für den Verständigen aufwärts, das Wesen des Verewigten und das Wesentlichste seiner Verdienste, wie er aus kleinen Anfängen und aus eigener Kraft zu der Höhe einer einflußreichen und ansehnlichen Stellung emporgestiegen durch rastlose Arbeit, eherne Energie und durchdringende Geistesschärfe. Aber mit der durch keine Hemmnisse zurückgeschreckten Stärke seiner Willens- und Verstandeskräfte verband sich für diejenigen, die hinter die Außenseite ihm ins Herz zu blicken vermochten, ein reiches, weiches Gemüts- und Gefühlsleben, das sich in der innigsten Liebe zu den Seinen, in religiöser Empfänglichkeit, in pietätvoller Gesinnung und vor allem auch in gemeinnützigen Bestrebungen mannigfaltigster Art kundgab. Von den letzteren hob der Redner besonders hervor seine Tätigkeit innerhalb der jüdischen Reformgemeinde, der er ungeachtet traditioneller Regungen mit Leib und Seele anhing, und um die er durch seine das Große wie das Kleine mit gleicher Hingebung und Verständnis behandelnde und beherrschende, vielseitige Tätigkeit als Vorsitzender der Gottesdienstkommisston wie als langjähriges Mitglied des Vorstandes sich bleibende Verdienste erworben hat. Darum wird auch sein Andenken in ihrer Mitte zum Segen bleiben. — Im Anschluß hieran fand die Ueberführung der Leiche nach dem Friedhof in Meißensee statt, wo die Beisetzung erfolgte.

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