Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-02 · Heft 1 (2.1.1914) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 1 (2.1.1914)
Date
1914-01-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229125--70069-3282394
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

11 Nosenstock und Rosi Katz auf die bedauerlichste Weise gestört, und dieser Streit hat die junge Welt in zwei Parteien geteilt, die sich nun gegenseitig aus das heftigste bekämpfen. Allerdings scheint Rosi Katz im Recht zu sein, und die meisten „Jungen" sind auch aus ihrer Seite, und sie ist schön, sehr schön in ihrem Zorn mit den glühenden Wangen — und ein schönes Mädchen hat immer recht, auch im „Gürtel" zu Mkolsburg - sie ist ja auch von Fanni Rosenstock provoziert worden; diese hat Rosi ausgelacht, weil ihre Frisur verwirrt war, worauf Rosi Katz schlagfertig repliziert hatte: „Freilich, so eine wie du bin ich nicht.dnß ichmich am Samstag extra frisieren lassen werde." Hiermit waren die Wogen des Parteikanrpfes entfesselt, der jetzt mit Witzmitrailleusen und Spottzündnadeln so heftig ausgekämpft wird. X Aber da, am äußersten Ende der Wiese, nahe beim Teich, ) sitzt ein junges Paar, ganz unbekümmert um das Toben der streitenden Parteien, in leises Flüstern versunken; sie sind froh, daß das Spiel zu Ende ist und daß sie nun miteinander dasitzen ' und plaudern können, so innig und vertraut, so lieb und so herzlich, so Vieles und so Mannigfaltiges — und mit ihnen und über ihnen befindet sich dort noch ein dritter, der kleine blinde Gott und träufelt leise, leise seine süßen Wonnen in die nichtsahnenden Herzen der beiden Ueberglücklichen- „In der Schul!" Das ist der Ruf, der das holde Liebespaar aus seinen süßen Träumen scheucht und den einen Teil zur Ausgabe des Rendezvous zwingt. Allein, das liebende Paar wird durch diesen plötzlich ertönenden Donnerruf weder gestört noch erschreckt. Einen Konflikt zwischen Religion und — Liebe kennt man im „Gürtel" noch nicht; das Abendgebet zu versäumen, hätte niemand versucht, und dann kam ja erst die schönere Hälfte des Sabbattages! Nach dem Abendgebet hat die „Gasse" wieder eine ganz veränderte Sabbatphysiognomie. Die aus den Banden des Schlummers befreite Gemeinde gibt sich da ganz den Freuden der Geselligkeit hin; alles geht spazieren, jung und alt, und nur einige wenige ganz alte Weiber, gebeugt von der Last der Jahre, bleiben gewissermaßen als Hüterinnen der „Gasse" daheim -- bis die Abendsonne ihre letzten Strahlen in die „Gasse" wirst und das Bild der heimkehrenden, plaudernden, scherzenden und lachenden Gesellschaft untergehend beleuchtet. Da werden nun in „Rändel" alle Ereignisse: groß und klein, wichtig und unbedeutend, vom russischen Kaiser und den ungarischen Rebellen bis herab zu den Beleidigungen, welche heute in der „Schul" vorgefallen, und allenfalls noch dem neuen Seidenkleide, das die Gattin des Fleischhauers heute getragen, eingehend besprochen und kritisiert -- bis der Abend heraufdämmert und die drei flimmernden Sternlein die Gemeinde zum letzten Gebete rufen, verkündend, daß zu Ende die „Sabbatfreud'", und daß nun beginne das „Wochenleid". Inzwischen - da ich und wahrscheinlich auch meine Leser schon das letzte Gebet verrichtet haben — will ich ihnen das liebende Paar am Teich in aller Form und Höflichkeit vorstellen. Sie kommen ja da eben in die „Gasse" eingebogen, und wir können sie nun auch genauer betrachten. D a s ist sicher, daß sie beide schon mehr als zwei Dekaden frischer Lenze kommen gesehen und die Kinderschuhe ziemlich ausgetreten haben. Nicht so sicher ist die Entscheidung, wer von den beiden der ge- oder verliebte Teil ist, ob Vögele Rebeller, deren würdiges Elternpaar wir bereits zu kennen die Ehre haben, oder Meier Herzfeld, ein würdiger Sprosse von der großen und weitverzweigten Familie derer von „Schlemihl", deren Stammbaum bekanntlich bis in die Bibel hinaufreicht, und deren Ahnherr Herr Schlemihl ben Zurischaddai gewesen ist. Allein, wir wollen uns darüber nicht den Kopf zerbrechen; die sicherste Quelle für derartige Dinge, die Reichshistoriographin, das heißt: das Oberklatschrnaul der „Gasse", Vögele Ochs, meint, „sie hätten beide an sich genug zu tragen." (Fort etzung folgt.) Literarilche Mitteilungen. —Year Book of the Central Conference of American Rabbis. \olume XXII. Ldited by Samuel S-cluilman and Solomon Fasler. 1912-5671 Confaining the Proceedings of the Convention hehl in Baltimore, Maryland. April 12 to 17, 1912. Unsere deutschen Rabbiner berfammeln sich ja auch alljährlich, sowohl die freisinnigen, als die gesetzestreuen, als der allgemeine Rabbinerverband; aber außer den Berichten, die in den Zeitungen, auch in der unsrigen, über diese Versammlungen erscheinen, dringt nichts daraus in die Oeffentlichkeit. Da sind die amerikanischen Rabbiner anders. Sie geben in stattlichen Bänden von ihren Vereinigungen Kunde. Schon ist der 22. Band dieser Mitteilungen erschienen, der sich von seinen Vorgängern wenig unterscheidet, von denen in diesen Blättern mehrfach Bericht erstattet worden ist. Auch dieser Band bringt wie seine Vorgänger kurze und längere Mitteilungen über die innere Organisation des Verbandes, über die verschiedenen, von dem Gesamtverbande eingesetzten Kommissionen, z. B. diejenigen über Erziehung, Synagogalmusik, Ehesachen, Ethik usw. Außer diesen Berichten werden die Reden, die bei den Hauptversaminlungen gehalten worden sind, sowohl Eröffnungs-, Schlußreden, als auch einzelne Vorträge wissenschaftlichen Inhalts abgedruckt. Hier können natürlich nicht alle einzeln erwähnt werden, ich begnüge mich daher damit aus eine Studie von G. Deutsch hinzuweisen: „Das Interesse der amerikanischen Iudenheit an der Entwicklung der jüdischen Religion in anderen Ländern" und M. Leskowitz „Die Stellung des Judentums zur christlichen Wissenschaft." Ich hebe diese beiden Studien besonders hervor, weil sie bezeugen, daß die amerikanischen Rabbiner sich nicht begnügen mit der Betrachtung der Interessen ihres Standes, sondern daß sie mit Aufmerksamkeit und Sachkenntnis die Angelegenheiten anderer Länder verfolgen und ihr Auge offen halten für die Stellung ihrer Disziplin zu anderen. Außer solchen rein wissenschaftlichen Arbeiter: enthält der Band auch drer Gedächtnisreden aus Verstorbene: Hermann Adler, Liebmann Adler und Heinemann Bogelstein. Die letztere rührt von David Philippson her, der durch seine sympathische Darstellung des Reformjudentums bekannt ist, und der dem verstorbenen, hochverdienten Manne eine gerechte Würdigung zuteil werden läßt. Das Werk ist, wie derartige amerikanische Erzeugnisse überhaupt, vortrefflich ausgestattet und bietet äußerlich und innerlich unseren Rabbinern ein höchst nachahmenswertes Beispiel. Moritz Rosenberg, Des Lebens und des Werde n s Z n g. Gedichte. Straßburg i. E. und Leipzig. Verlag oon Joses Singer, Hosbuchhandlung. 1912. Preis 1 Mark. Wozu der Verfasser dieses Buches Gedichte schreibt, weiß ich ebensowenig, als warum er sie gerade mir schickt. Dem Namen nach ist er wohl ein Jude, aber seine Gedichte enthalten nichts Jüdisches, aber auch absolut nichts Poetisches. Es ist die vollkommenste nüchternste Prosa in Gedanken und im Ausdruck. Der Verfasser sagt selber eimnal die Wahrheit über sich: „Was ich möchte — was ich möchte, ach, ich weiß es selber nicht!" L. G. # — D i e trennende Brücke. Wiener Roman aus dem Vormärz von Julius v. L n d a s s y. Erste und zweite Auflage. Schuster u. Loesfler, Berlin und Leipzig 1913. Preis: geheftet 3.50 M., geb. 4.50 M. Der Verfasser des vorliegenden Romans ist 1858 geboren, Königlich Ungarischer Sektionsrat, Journalist, Nationalökonom, Anhänger der radikalen Fortschrittspartei, jahrzehntelang Redakteur, seit 1893 als Schriftsteller tätig. Einer seiner früheren Romane „Die goldene Schlange" soll christlich-sozialen Charakter an sich tragen. Wir haben es also hier mit einem christlichen Autor zu tun und doch mit einem durch und durch jüdischen Roman. Der Titel „Die trennende Brücke" bedeutet Zweierlei: zunächst die Brücke, die die Leopoldstraße, die hauptsächliche Wohnstätte der Juden aus der Zeit vor 1848, von den Teilen Wiens scheidet, in denen die christliche Bevölkerung wohnt, sodann symbolisch: die Scheidewand zwischen Juden und Christen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.