Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1914)
- Date
- 1914-01-02
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 seine Vorfahren zu sanfter Ruh gebettet, die er im Leben gar so selten genossen haben mag. Als wäre es gestern, so steht vor mir der Abend meines Scheidens von diesem würdigen Greise und auch von der lieben „Gasse". Es war ein schöner Spätsommerabend. — Wir saßen aus der Holzbank vor -ein kleinen Häuschen, das die Grenze bildet zwischen der „Gasse" und dem „Gürtel" -- dem Proletarierviertel Nikolsburgs und da erzählte mir der würdige Greis jene Geschichte, die ich dir, mein Leser, nun Mitteilen werde, die Geschichte seines Leidens und des seiner Kinder, die sein ganzes Sein und Sinnen vom Morgen bis zum Abend nun schon mehr denn fünfzig Jahre lang ausfüllte, und an die er so gern zurückdachte in den stillen Tagen seines Alters.. „Merken Sie sich die Geschichte" — schloß er gerührt seine Mitteilungen. „Ihr jungen Leute, die ihr jetzt so frei und glücklich in die Welt hinausgeht, was wißt ihr von den Leiden, die unsere Väter und wir zu tragen hatten. Sehen Sie den alten Mann" es ging eben der alte, stumpfsinnige Wasserträger des „Gürtel" vorüber — „der war vor dreißig Jahren der größte Judenfeind. Er war Gensdarm, und wenn er einem armen Juden etwas Böses zusügen konnte, so ging er geschwind in die Kirche und dankte seinem Gott mit zehn „Vaterunsern" und „Rosenkränzen" dafür. Ja, ja, ihr habt es besser! Die Zeiten sind anders geworden -- („Gelobt fei der, der die Zeiten ändert" - - ein frommer jüdischer Segensspruch) die Regierung ist den Inden gutgesinnt - aber die jetzige Welt ist auch deswegen verdorben, weil sie sich nicht mehr erinnert, was nur gelitten und getragen haben. Und darum habe ich Ihnen diese Geschichte erzählt. Es liegt mir daran ja, ich wünsche es, daß Sie die Geschichte weiter erzählen. Vielleicht nimmt sich doch einer oder der andere von der jetzigen Welt die Sache zu Herzen, wie unglücklich und gedrückt seine Väter waren und wie glücklich er ist." Nun, ich habe mir die Geschichte gemerkt und wahrscheinlich viele andere auch, denen er sie erzählt, bis er aus dieser „jetzigen Welt", in die er sich gar nicht mehr hineinleben konnte, in eine andere, wahrscheinlich bessere, ewige hinüberging. Und so will ich sie denn auch hier wiedererzählen. Sie ist n u r ein Kapitel aus der großen, tränenreichen, märtyrergleichen Leidensgeschichte des jüdischen Stammes. Vielleicht nimmt sich einer wirklich „aus der jetzigen Welt" die Sache zu Herzen und Joel Rebellers Wunsch ist dann erfüllt. Es ist aber kein Roman und keine Novelle, was ich hier erzählen werde, sondern nur eine einfache, schlichte Geschichte, die ich eben so einfach und schlicht, ohne jede romantische Zutat, wiedergebe: das teure Vermächtnis Joel Rebellers — nimm es gütig ans, mein geneigter Leser! I. Sabbatnachmittag! Wer, der nur einmal im Ghetto gelebt hat, erinnert sich nicht der ganzen Lieblichkeit eines solchen Sommersabbatnachmittags, und wem steigen da nicht, wenn er gar erst das entzückende Bild von Moritz Oppenheim gesehen, in der Erinnerung die lieblichsten, anmutigsten und heitersten Bilder auf! Das Essen ist vorüber, die „Kugel" und der „Schalet" — des jüdischen Olymps koschere Ambrosia — waren Gott sei Dank wohl geraten, „Cheile Schaletsetzerin" hat wieder einmal ihre ganze kulinarische und strategische Allmacht und Tüchtigkeit bewiesen - die Predigt ist auch „ganz fein" gewesen - „g a n z f e i n kritisiert" Meier Einöhrl, „denn ich Hab nicht ein Wort davon verstanden", — und so in der ganzen Seligkeit und Freudigkeit eines echten „guten Sabbats" hält nun die Gemeinde ihr Mittagsschläfchen in des Wortes kräftigster Bedeutung. Seht ihr dort auf der Bank vor dem kleinen Häuschen am „Bergel" Joel Rebeller und neben ihm seine wackere Ehegattin Gitel - sanft schlummern? Und glaubt ihr nicht, daß diese beiden alten Leute so ganz glücklich sind, weil ihr seligen Frieden auf ihrem Gesichte, eine sanfte, zufriedene Heiterkeit selbst in den Mienen während des Schlafes bemerkt? Und doch träumt jetzt Joel von der morgigen Vorstandssitzung, bei der möglicherweise wieder über die „Familien" verhandelt werden ivird, und ein düsterer, schwermütiger Zug zieht über sein Gesicht, oder auch von den Hasenfellen, die ihn« der „Pawlvner" Richter auf seinem morgigen Kirchgänge mitzubringen versprochen hat und von dergleichen welterschütternden Dingen mehr, und Gitel mit der gelbgebänderten Sabbathaube träumt entschieden von Vögele - ihrer einzigen, geliebten Tochter — wie sie sie unter das Trauzelt führt mit den, „kurantesten" Manne von der ganzen „Gasse" und wie sie dann unter Trompeten- und Paukenbegleitung nach Hause gebracht werden: den ganzen holden Traum einer Mutter, der. keine Beschreibung wohl ausreichend zu schildern vermag — bis endlich eine Fliege das schlummernde, träumende Ehepaar erweckt. Du böse, böse Fliege; nicht einmal am Schabbes hat man Ruhe vor deinen steten Angriffen! Doch dagegen wissen sich die guten Leute bald zu helfen; ein „Patsch" mit dem „Fliegenklapper" einem der gebräuchlichsten Mordinstrumente des Ghetto - und das Untier ist zur Ruhe ge-- bracht — und das alte, würdige Ehepaar ruht fort und schläft - und träumt von neuem. „O, Gott der Armut, laß sie weiter träumen!" — Und dasselbe Gruppenbild wiederholt sich mit geringen Variationen durch die ganze „Gasse", die wie ausgestorben daliegt, ein tiefes Friedensbild, ein Landidhll, wie's malerischer nicht oft sich darbietet. Aber da unten im „Gürtel", da ists nicht so ruhig, dä tönt ein bald unterdrücktes, bald Helles Gelächter herauf, bald ein Schreien und Rufen, bald ein Singen und Lärmen —- da unten sind die „Jungen" und „Mädchen" der „Gasse" zu frohem Genüsse beisammen. Denn die junge Welt des Ghetto hält keinen obligaten Sabbatschlummer. Die ganze Woche im Dorfe hausierend oder die Märkte befahrend, oder dem „Lernen" obliegend, weiß sie den Säbbatnachmittag besser zu verbringen als mit Schlafen. Da versammeln sie sich in Gruppen und Paaren, wie sie leider auch hier der unselige, überall vorhandene Kastengeist geschaffen, und gehen spazieren. Am Eck des „Gürtel" dehnt sich eine lange, lange Wiese aus; hier ivird in der Regel Rast gemacht, hier verschwinden auch die Kastenuntcrschiede, die in der „Gasse" allerdings beim Herausgehen noch trennten, und hier wird denn in lieblicher Naivität und in heiterster Unschuld der „liebe Schabbes" gefeiert, und zwar durch die allerverschiedenartigsten Dinge von der Welt, durch Pfänderspiel zuvörderst, dann durch Tanz und Gesang, ivohl auch durch Spott und Witze, Neckereien und Klatschgeschichten — - bis die Stentorstimme des Ghettoherolds, des Schulklopsers: „In der Schul!" ruft, und mit diesem ungrammatischen Kommando alles zum Abendgebete in oie Synagoge versammelt. Aber freilich, so weit halten wir noch gar nicht; es ist ja erst drei Uhr nachmittags, und zum Abendgebete geht man gewöhnlich um halb fünf, wir haben also noch Zeit, die junge Welt des Ghetto in ihrem Sabbatvergnügen zu beobachten und ihren Unterhaltungen zu lauschen; aber nur hübsch vorsichtig, denn sonst könnte es uns schlimm gehen; unberufene Horcher, die dann in die „Gasse" gehen und alles erzählen, was „hinter der Mauer", aus der Wiese vorgegangen ist, werden von den Leuten furchtbar abgetrumpft, es sind schon dadurch die größten Streitigkeiten herausgekommen — also vorsichtig, mein lieber Leser, hier in die Ecke gedrückt und chibsch zugehört. Ja, zugehört! Wenn wir nur aus dem wirren Gelärm etwas heraushören könnten; denn das Pfänderspiel ist schon längst vorüber; es wurde durch einen Streit zwischen Fanni