Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1914)
- Date
- 1914-01-02
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 fettigen Verfluchungen gekommen ist wie in manchen Versammlungen von Bischöfen und Aebten (Konzilien). Bei der Kirchenversaininlimg zu Ephesus (im Jahre 449) ging es so stürmisch und gewalttätig zu, daß inan sie das „Räuberkonzil" nannte. Es mutet daher etwas sonderbar an, wenn Renan in seinem Leben Jesu" sagt: „Un des principaux defauts de Ja race juive est son äprete dans la controverse et le ton injurieux qu’elle y mele presque toujours.“ Alle diese Teilnehmer an den Konzilien gehörten doch nicht der „jüdischen Rasse" an, und „die Schärfe und der beleidigende Ton" in den Religionskontroversen des Mittelalters, Hu denen die Juden gezwungen wurden, waren doch eher auf seiten ihrer christlichen Gegner zu finden. Jeder schärfere Ton, alles was als Beleidigung der christlichen Religion erklärt werden könnte, hätte ihnen nur schwere Bestrafung zugezogen. Unparteiische Heiden haben die jüdische Religion der christlichen vorgezogen. Rach Porphyrius, der im dritten nachchristlichen Jahrhundert lebte, soll sogar das apollinische Orakel dies ausgesagt und auf den wahren höchsten Gott, den die Juden verehren, hingewiesen Habens. Der gelehrte Geistliche Newman, der von der englischen Hochkirche zum Katholizismus übergetreten und Kardinal geworden ist-), sagt, Juden und Katholiken können viel schwerere Sünden begehen als Protestanten, denn ihre Religionen sind die besten und corruptio optimi est maxi um (das beste artet am meisten aus). Und ein Jahrhundert vor ihm sagte der Präsident De Brosses in seiner Schrift „Du culte des dieux-fetiches": „Aus dem Fetischismus sind alle Religionen entstanden, mit Ausnahme der jüdischen", wobei er freilich die christliche als aus der jüdischen entstanden betrachtet zu haben scheint. Aus diese Abstammung konnten, wie ich bereits erwähnt habe, die christlichen Kirchenlehrer nicht verzichten; sie halfen sich, indem sie die Juden für ausgeartete Nachkommen der Patriarchen und Propheten, die Gott verworfen hat, sich selbst aber für seine echten geliebten Kinder erklärten. Das diente zugleich zur Entschuldigung oder zum Vorwand für die Verfolgung der „verstockten blinden Juden". Disputierte man mit ihnen oder mit Heiden, so scheute man sich nicht, zu Lügen, Fälschungen, Interpolierung und willkürlicher Auslegung des Alten Testaments seine Zuflucht zu nehmen. Dieses galt ja den Christen der ersten Jahrhunderte, auch nach Abfassung der Evangelien und Apostelbriefe, als die einzige „heilige Schrift". So gesteht schon der Kirchenvater Hieronymus in seiner Schrift gegen Jvvinianns: „Origines, Methodius, Eusebius und Apollinarius, die so enorm viel gegen die Heiden geschrieben haben, mußten manchmal nicht das sagen, was sie glaubten, sondern was sie als Argumente gegen die Heiden brauchten." Mit welcher Anerkennung spricht nicht derselbe Hieronymus von der Kunstfertigkeit, Schlauheit und Verstellung, mit der sich der Apostel Paulus des Alten Testaments bediente! Wenn im vierten Buche des Pentateuch erzählt wird, Moses habe auf einer Stange eine kupferne Schlange aufgestellt (21, 8), so macht der christliche Apologet Justin Martyr daraus em Kreuzeszeichens. Aber wir sind aus dem Mittelalter noch nicht ganz heraus, und Verleumdung der Juden schleicht sich' sogar in moderne, sogenannte wissenschaftliche Werke ein. So sagt zum Beispiel der Bibliothekar Dr. Georg Grupp in seiner „Kulturgeschichte der römischen Kaiserzeit" (II, 324): „Jahrhundertelang haben die Juden gegen übermächtige Feinde, gegen den Druck großer Reiche, innerlich und bei Gelegenheit auch äußerlich sich aus- 1) Zitiert vom Kirchenvater Augustinus, De civitate Dei, XIX, 23. 2) Er soll väterlicherseits von holländischen Juden, mütterlicherseits von einer französischen Hugenottenfamilie abstammen. *) Apologia I, 60. gelehnt und dadurch in sich eine Stimmung der Tücke und Rache genährt, die erblich wurde. Julius Asricanus, trotz seines Namens wahrscheinlich jüdischer Herkunft (?), schreibt, die Pharisäer (sie!) haben ein römisches Regiment (soll wohl heißen Legion) durch vergifteten Wein vernichtet. Da wird es einem begreiflich, daß im Mittelalter die Sage der Brunnenvergiftung durch die Juden entstehen formte."1) (Fortsetzung folgt). ms. Der familiant Eine Geschichte aus der Gasse. Von G u stavK a r p e l e 8"). E i n l e i t u n g. V^^emr du, mein lieber Leser, dem Gcwühle der öfter- V'V' reichischeu Reichs-, Haupt- und Residenzstadt Wien, ihren Menschenivogen und Häusermassen dich glücklich entwlmden hast rmd mit dem selbst auch hier schon schnaubenden Dampfrosse nach dem schönen Mährenlande fährst, so gelangst du in wenigen Stunden nach einem, in der Weltgeschichte sowohl, lvie in der Kulturgeschichte bekannten Orte - nach Nikolsburg, bekannt durch den letzten preußischösterreichischen Krieg, und vorher, als Geburtsort des berühmten österreichischen Rechtslehrers Josef v. Soirnenfels, sowie du aus jeder Geographie entnehmen kannst, durch seine große Judengemeinde. Das könntest du freilich auch ohne Geographie bald bei deinem Eintritt in das freundliche Städtchen entnehmen, wenn du schon nach wenigen Schritten in eine lange, lange Gasse gelangst — in die Judengasse. Die Judengasse von Nikolsburg! Schweig', du feiges Rückzugsherz und poche nicht so laut in mir, wenn du im Geiste die Leser durch diese Gasse führest, durch diese alte, traute, liebe Judengasse, die Stätte deiner Jugendlust und Jugendliebe, wo dich alles, jedes Haus und jeder Stein, so traulich anmutet, so freundlich grüßt, und die wehmütigsten wie die heitersten Erinnerungen an längst entschwundene Tage in dir wachruft. Und hier am Ende der Gasse, am „Berget", dieses kleine, halb verfallene unbewohnte Häuschen, wo ich so oft, so oft und einstmals ach, so gern geweilt — hier, mein teurer Leser, wollen wir Rast halten; es ist die Stätte unserer Geschichte. Hier wohnte er, der treue Freund meiner Jugend, der würdige Greis mit dem Silberhaare, Joel Rebeller, der ruhige Mann mit dem unruhigen Namen, der aber nie auch nur eine Fliege gekränkt hat, und von hier aus haben sie ihn hinausgetragen nach dem „guten Ort" und haben ihn neben ft Julius war ein Syrer und lebte im dritten Jahrhundert, warum Grupp ihn für einen Juden hält, weiß ich nicht. Uebrigens ist es bekannt, daß Apostaten gewöhnlich die ärgsten Feinde und Verleumder ihrer früheren Glaubensgenossen sind. 2) Diese kleine, anspruchslose Geschichte war mein erster und zugleich letzter belletristischer Versuch. In diesem Umstand liegt schon die Sühne für die Schuld selbst, wenn es eine ist. Wo ist aber die Sühne für diese Kühnheit, diesen Versuch aus dem Jahre 1869, einem geduldigen Jahre, fünfunddreißig Jahre später vorzuführen? Da bleibt nichts übrig, als an die so oft bewiesene freundliche Nachsicht und auch an die gefällig nachhelsende Phantasie eben dieser Leser zu appellieren, die aus dem hier gebotenen historischen Rohstoff sicher ein poetisches Gebilde zu formen verstehen wird. 6. X. Die vorstehende Novelle, mit der 1904 geschriebenen Anmerkung, wird nun 10 Jahre später in pietätvollem Gedanken an den Heimgegangenen erstmalig veröffentlicht. Die Red.