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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-02 · Heft 1 (2.1.1914) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 1 (2.1.1914)
Date
1914-01-02
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 sagen wir es mit einem kurzen Worte heraus, unsere Bildung ausmachen; sie muß vielmehr mit ihr in innigster Wechselwirkung stehen, muß sie einerseits tätig beeinflussen, so wie sie wieder anderseits ihre Einwirkung muß ausgenommen haben. (Fortsetzung folgt.) Was haben dir christlichen Theologen und Orielter aus dem Judentum grnommen und womit dskür gezahlt? Von Dr. Marcus Landau. I. braham Geiger hat erschöpfend dargestellt, was Mohammed aus dem Judentum genommen hat; eine schwierigere und für Juden und Christen lehrreichere und interessantere Darstellung könnte die Beantwortung der Frage ergeben: was hat das Christentum aus dem Judentum genommen, und was hat es davon verworfen? Zu einer erschöpfenden Beantwortung dieser wichtigen Frage fehlt es in dieser Zeitschrift an Raum und mir an dem erforderlichen umfangreichen Wissen. Was ich hier mitteilen kann, sind nur einzelne unzusammenhängende theoretische und Praktische Moinente, gewissermaßen Merkzeichen und Wegweiser auf dem beinahe zweitausendjährigcn Leidenswege des Judentums. Denn dem Juden erscheint, bei aller Anerkennung des moralisch und kulturell Guten und Nützlichen, das das Christentum für die Heidenvölker geleistet hat, dieses von seinem Gesichtspunkte aus nur als eine endlose Verfolgung von der einen, als endloses Martyrium von der anderen Seite. Ich sage endlos, weil trotz mancher Unterbrechung und Milderung ein vollständiges Aufhören der Leiden und Bedrückungen nur in wenigen hochzivilisierten Ländern in absehbarer Zeit zu hoffen ist. Geiger hat für sein gründliches Werk keine Vorarbeiten und Vorgänger gehabt, er mußte selbst von Grund aus bauen; zur Beantwortung der hier von mir gestellten Frage findet sich ein überreiches Material, drängen sich die zum großen Teil unberufenen und Parteiischen Antwortgeber heran. Und das Interessanteste dabei ist, daß es gerade die von ihrer Religion wenig oder gar nichts glaubenden Darsteller und Polemiker sind, welche am schärfsten das Judentum angreisen, wie es von Tacitus über Voltaire bis zur Gegenwart üblich ist. Die einen gönnen den Juden die Ehre nicht, das Christentum in die Welt gebracht zu haben und möchten Jesus zu einem Germanen machen, auf die Gefahr hin, ihn als sterblichen Menschen und unehelichen Sohn erscheinen zu lassen. Andere möchten ihn zu einem Mythos verflüchtigen, den die Juden nicht einmal selbst, sondern die Inder, Aegypter oder Griechen erfunden haben, wie ja auch die ganze mosaische Gesetzgebung und die Geschichten des Pentateuch von den Babyloniern, Persern und wer weiß von welchem Volke noch entlehnt sind. Am gemäßigsten und rücksichtsvollsten sind da noch die gläubigen -Christen, . denen das Alte Testament mit seinen Prophezeiungen und „vorbildlichen Geschichten" als Grundlage und Stütze des Neuen unentbehrlich ist. In den Schriften der sogenannten liberalen Kirchenhistoriker und Bibelausleger findet man dagegen manches, was an das polnische Sprichwort „Der Wolf soll satt werden und die Ziege unverletzt bleiben" erinnert. Man will eben von dem Professoren- oder Pfarrergehalt satt werden, und das liberale Prinzip soll, wie die Ziege, nicht geschädigt werden. Freilich gibt es auch ehrenhafte Ausnahmen, mutige Männer, die ohne an das Sattwerden zu denken, nur ihrer Ueberzeugung folgen. Aber diese werden von weltklugen Vorgesetzten abgesetzt oder sonst gestraft. Wirkliche Achtung und gründliche Kenntnis des Judentums findet sich da weder oben noch unten. Nicht mehr Gnade als bei den Kultus- und Unterrichtsministern finden die Juden bei den Kriegsministern. „Nur ein guter Christ kann ein guter Soldat sein" ist gesagt worden. Das beweisen mehr als die Tausende im russischen Kriege gegen Japan und jetzt am Balkan gefallenen Juden, der öffentlich geführte Prozeß der „Kornwalzen" und der sorgfältig vertuschte Verrat des Obersten Redl mit dem befohlenen freiwilligen Selbstmord. Doch kehren >vir zu unserem eigentlichen Thema zurück. Das Alte Testament galt den Aposteln und ersten Christen als vom heiligen Geist inspiriert, erst im zweiten Jahrhundert oder noch später nahm man dies auch vom Neuen an. „Das Alte Testament," sagt Gustav Hoennickeh, „galt als Quelle religiöser Erkenntnis, als Mittel der Erbauung, als Weissagungsbuch. Die Beweisführung der Gläubigen den Ungläubigen gegenüber wurzelte in der ersten Zeit des Christentums vollkommen auf alttestamentlichem Boden. Beispiele, mit denen man die Heilswahrheiten illustrierte, lvnrden den: Alten Testament entnommen." Ein großer Teil der christlichen Feste, Zeremonien und Gebete ist den jüdischen nachgebildet, hat sich aus ihnen eutwickelt. Und wie viel würde den christlichen Gebet- und Erbauungsbüchern fehlen, wenn man alle Stellen aus den Propheten und Psalmen aus ihnen entfernen >vürde! Die christlichen Ostern wurden in den ersten Jahrhunderten gleichzeitig mit dem jüdischen Pessach und nach jüdischem Kalender gefeiert. Erst als im Christentum Sekten aufkamen, welche den Gott der Juden für den Geist des Bösen erklärten, so daß man sich gegen sie nicht mehr auf das Alte Testament berufen konnte, das schon fast ganz von dem Neuen verdrängt war: da den Laien das Lesen der Bibel überhaupt verboten wurde, brauchte man auch keine Jnterpretations- und Jnterpolierungskünste mehr. Was an Fälschungskunst und -lust vorhanden war, verwendete man, um Schenkungsdokumente für Klöster und Bistümer zu fabrizieren. Zugunsten der Päpste wurde im achten Jahrhundert die berüchtigte konstantinische Schenkung ganzer Länder erfunden. Auch Heiligenlegenden und Konzilsakten wurden manchmal gefälscht. In bezug auf letztere muß ich mir eine Abschweifung erlauben: Paul de Lagarde, der gewiß kein Judenfveund war, sagt in seinen deutschen Schriften: „Mischna, Mechilta, Sisra, Sifri sind gewiß tötend langweilig^, aber es ist doch ein sittlicher Ernst in ihnen, es handelt sich um Dinge, die den von ihnen Sprechenden, so gleichgültig sie uns scheinen, am Herzen liegen. In der griechischen Kirche redet die Sophistik und Rhetorik des späten Griechenlandes ohne griechischen Geist und ohne griechische Anmut; sie redet mit erborgter Gelehrsamkeit von Religion ohne Religion, vom Leben in Phrasen und mit Selbstgefälligkeit." Aehnlich sagt Ad. Hausrath in seinen kleinen Schriften religionsgeschichtlichen Inhalts: „Mit Widerwillen würgen wir, wenn historische Zwecke es verlangen, die läppischen Reden des Basilius, des großen Johannes des Goldmündigen und des heiligen Ambrosius aus die Märtyrer Barlaam, Gordius, Sisinius, und wie die gepfählten, geschundenen und gerösteten Phantasiegestalten sitzist getauft worden sind, in uns." Lagarde hätte noch erwähnen sollen, daß die Talmudautoritäten wohl miteinander gestritten und disputiert haben, daß es aber nicht zu Schlägen, Beschimpfungen und gegenh Das Judenchristentuui im ersten und zweiten Jahrhundert. Berlin 1808, S. 258. h Das mag wohl von einem Teil dieser Schriften gelten, aber jedenfalls nicht von der G e m a r a, die eine Geistesgymnastik enthält und zum großen Teil nicht langweilig ist.

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