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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-02 · Heft 1 (2.1.1914) · p. Seite 7

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 1 (2.1.1914)
Date
1914-01-02
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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7 Schon diese Abgrenzung des Begriffes der Ueberlieferung führt uns auf eine Unterscheidung innerhalb der großen Masse von Traditionen. Diese Unterscheidung ergibt sich eben aus der Erwägung der subjektiven Beziehung, in der wir zu dem als Tradition bezeichneten Objekte stehen. Wir werden von diesem Gesichtspunkt aus zwei Arten von Traditionen unterscheiden. Es liegt sehr nahe, diesen Unterschied durch eine Analogie zu veranschaulichen aus jener Sphäre, in der das geistige Sein des Menschen in hervorragendster Weise zum Ausdruck kommt: aus dem Leben der Sprache. Auch sie ist ja übrigens Gegenstand der Ueberlieferung; sie wird nicht von jedem Individuum, das sich ihrer bedient, neu erfunden. Jeder von uns besitzt sie als von früheren Geschlechtern überkommene Erwerbung, an deren Leben und Entfaltung jeder einzelne tätigen Anteil hat, der sich ihrer zum Ausdruck seines Seelenlebens bedient. Durch letzteres Moment, durch welches ein großer Kreis von Sprachtraditionen von vornherein ausgeschlossen wird, drängt sich uns eine augenfällige Unterscheidung aus, von der wir ja jetzt alle Tage auch in der Reihe der kontroversen Schulsragen bis zum Ueberdruß belästigt werden: der Unterschied nämlich zwischen toten und lebenden Sprachen. Beide Arten der Sprachen sind Gegenstand der Tradition. Während wir jedoch z. B. die in Hieroglyphen- und Keilschrift einbalsamierten Sprachdenkmäler als Zeugen längst entschwundenen geistigen Lebens gleichsam aus den Grüften hcrausholen, in denen sein Angedenken vor völliger Vergessenheit bewahrt wurde; während der Gelehrte, dem es gelungen, durch Deutung und Verständnis dieser rätselhaften Monumente einer nebelhaften Urzeit den Bildungsschatz der Gegenwart zu bereichern, der Sprachtradition, deren Erläuterung sein Fleiß und Scharfsinn gewidmet sind, als einem verknöcherten, für ewig abgeschlossenen Objekt gegenübersteht, an dessen Leben sein e eigene Seele keinen subjektiven Anteil hat: sind wir mit dem vollen Leben unserer Seele, mit allen Regungen unseres eigenen Geistes mitarbeitend beteiligt an dem Leben unserer Muttersprache, der Quelle und dem Organ unserer geistigen Persönlichkeit. Mit dem Lallen eines jeden Kindes lvird sie neu geboren. Lebendes aus Lebendem, im geistigen Sein und Weben unserer Vorfahren hat sie sich lebendig entfaltet, und wir haben sie als lebenden Besitz übernommen; sie spricht, was in unserer Seele lebt, und durch ihre Verflechtung mit unserem tätigen Leben wächst sie, gedeiht sie, entfaltet sie sich, wird sie immer reicher mit der Bereicherung unseres Geistes, dessen adäquater Ausdruck sie zu werden strebt. Jawohl, wir haben sie vorgefunden, sie ist uns als Tradition überliefert worden, aber sie wurde nicht aus Grüften herbeigehvlt und wird nicht in den Bvrratskammern der Erinnerungen ausbewahrt; aus dem Leben und mit demselben haben wir sie erlernt, und als Lebendes und Wirkendes übergeben wir sie, bereichert und verschönt, dem kommenden Geschlecht. Diese Betrachtung bietet uns den Gesichtspunkt für die Unterscheidung der Traditionen, Wir müssen zweierlei, ihrer Wirkung nach voneinander grundverschiedene Arten von Ueberlieferungen unterscheiden: es gibt tote, abgestorbene; es gibt lebende, wirksame Traditionen. Wer das herrliche Altertumsmuseum in Kairo besucht, wird in einem Saale des ersten Stockwerks unter Glas bewahrt fünf Mumiensärge von Pharaonen/der 17., 18. und 19. Dynastie aufsuchen und mit Bewunderung und Staunen ganz besonders vor den unter Glas bewahrten und mit den Nummern 1777 und 1180 versehenen und katalogisierten Mumien der großen Pharaonen des vierzehnten Jahrhunderts v. Ehr. Seti I. und Ramses II. stehen bleiben, die man aus den Gräberschlachten von Dair al-Bahri hervorgeholt hat. Die Geschichte dieser epochalen Entdeckung ist in jedem Katalog erzählt, und wir Aelteren haben mit innerer Bewegung die Beschreibung des königlichen Leichenzuges gelesen, in welchem im Juli 1881 die in ihren mehr als dreitausendjährigen Sarkophagen unversehrt aufgefundenen körperlichen Reste der einstigen Beherrscher des Landes aus prachtvollen Schissen, mit königlichen Ehren nilabwärts geleitet wurden, um - nun um in einem Staatsmuseum der Altertümer als nicht alltägliche „Attraktion" unter Glas gesetzt ihre Katalogsnummer freilich eine recht fett gedruckte - zu erhalten und mit deni DvPPelftern der Reisehandbücher begünstigt zu werden. Allerdings, es gibt wohl kaum etwas Interessanteres. Aber auch ich könnte Ihnen kaum ein Beispiel anführen, das uns vollkommener veranschaulichen könnte, lvas wir unter einer toten, abgestorbenen Tradition verstehen. Die Mumien der alten Pharaonen sind erwünschte Objekte für ein Museum; dem geschichtlichen Bewußtsein der heutigen Bewohner des Landes sind sie fremd geworden; es besteht keine bewußte Kontinuität zwischen jener entschwundenen Zeit, in der sie Großes für dies Land wirkten; ihr Angedenken ist nicht lebendiges Element des Patriotismus. Es wird ihnen kein Mausoleum errichtet, zu welchem die Nachfahren pilgern, um mit einer lebendig nachwirkenden Vergangenheit mit tiefempfundener Pietät in seelischer Verbindung zu bleiben; sie sind nicht Symbole des historischen Berufes und der historischen Aufgabe, Begeisterung erzeugend und das nationale Selbstbewußtseiu nährend; sie sind abgestorbene Trümmer einer toten Vergangenheit, historische Hieroglyphen, an denen sich zur Not der täuschende Funke erheuchelter R omantik entflaminen könnte. Sie haben hier ein Beispiel von toter, abgestorbener Tradition gesehen. Was haben wir demgegenüber unter lebendigerTradition zu verstehend Wir wollen darunter verstehen: eine vvn vorangegangenen Geschlechtern, mit denen wir in geistiger Kontinuität stehen, überkommene Idee, Uebung oder Institution, die infolge ihres organischen Zusammenhanges mit dein Seelenleben von einer jeden der aufeinanderfolgenden . Generationen, die an ihnen lebendigen und tätigen Anteil haben, neu erworben und g e s ch a f s e n wird. Ich darf mir nicht schmeicheln, hier eine kunstgerechte Definition gegeben, wohl aber damit, die wichtigsten Kennzeichen der lebenden Tradition im Unterschiede von der abgestorbenen hervorgehoben zu haben. Wir sagen: 1. Vorangegangenc Geschlechter haben eine die religiöse Anschauung bestimmende Idee oder Uebung geschaffen; 2. wir Nachfahren stehen durch unser geschichtliches Leben in bewußter Kontinuität mit der Reihe von Geschlechtern, die jene Idee oder Institution entwickelt haben; 3. wir sind Mitarbeiter unserer Vorfahren in der Weiterbildung jener in einem Gedanken oder einer Uebung sich bezeugenden Tradition. Denn darin, daß wir einmal in bewußter geistiger Kontinuität mit den Geschlechtern stehen, die jene Tradition gebildet, entwickelt und uns übermittelt haben, daß wir ferner an der organischen Wirkung derselben durch unsere Geistestätigkeit Mitarbeiten, indem wir das Erbe des Altertums durch unsere Teilnahme an ihr immer wieder neuerschaffen — darin betätigt sich die Tradition als lebendig, als wirksam in der Seele der Gemeinschaft, die die Bewahrerin, die der Depositär der Tradition ist. An diesem Punkte sind Sie berechtigt, mir die Frage entgegenzuhalten: wie wir uns denn diese von Geschlecht zu Geschlecht sich unaufhaltsam erneuernde, niemals rastende und nie zu definitiver Ruhe gelangende N e u s ch ö p f u n g der Tradition zu denken haben? Davon gibt uns die Entwicklungsgeschichte jeder lebenden Institution die bestimmteste Anschauung. Soll sie ein organisches Element unseres geistigen und sittlichen Lebens sein, so kann sie nicht abseits stehen von der Gesamtresultate unserer geistigen Kräfte, von allen jenen Faktoren, die zusammen unser geistiges und sittliches Leben,

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