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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-02 · Heft 1 (2.1.1914) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 1 (2.1.1914)
Date
1914-01-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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des industriellen und wirtschaftlichen Lebens und der Wirksamkeit der amerikanischen Industriekapitäne^ Auch heute, da schon zehn Jahre seit der Veröffentlichung des Buches verflossen sind, kann es noch immer mit stutzen gelesen werden. Das Schwergewicht der Tätigkeit des Kommerzienrats Goldberger ruht in seiner Anteilnahme an allen großen wirtschaftlichen Fragen, welche den deutschen Handel und die deutsche Industrie in den letzten Jahrzehnten beschäftigt haben. Die Gründung der Berliner Handelskammer ist auf seine Initiative erfolgt, und als langjähriger Borsitzender des Vereins der Berliner Kaufleute und Industriellen hat Goldberger eine erfolgreiche Tätigkeit entfaltet. Goldberger war am 17. Mai 1848 in Oberschlesien geboren und trat in das von seinem Vater begründete Bankgeschäft E. T. A. Goldberger ein, welches später in die Internationale Bank umgewandelt wurde, die später in die Handelsgesellschaft übergegangen ist. Das Bankgeschäft wurde längere Zeit von dem Verstorbenen im Vereine init seinem Bruder Georg Goldberger geführt. Nachdem sich Kommerzienrat Goldberger aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hate, verwendete er seine große Arbeitskraft im Dienste wirtschaftlicher Korporationen. Goldberger war ein hervorragender Fachmann auf dem Gebiet des Ausstellungswesens, und nach seinen Ideen betätigte sich der deutsche Gewerbefleiß auf den meisten internationalen Ausstellungen der letzten fünfzehn Jahre mit großem Erfolg. Die Berliner Gewerbeausstellung des Jahres 1896 war, was die Organisation anbelangt, seine Schöpfung. Allgemein wurden die Verdienste Goldbergers anerkannt, und die deutsche Regierung hat wiederholt Anlaß genommen, ihm ihr Vertrauen zu bezeigen. Sie bestimmte ihn zum Mitgliede des Wirtschaftlichen Ausschusses der deutschen Reichsregierung für die Vorbereitung und Begutachtung handelspolitischer Maßnahmen und ernannte ihn zum Mitglied der Sachverständigenkommission für amerikanische Sammlungen des Museums für Völkerkunde. Goldberger gehörte auch dem Hansabunde als Mitglied des Direktoriums an und war stellvertretender Vorsitzender der Zentralstelle zur Vorbereitung von Handelsverträgen. In Wiener Finanz- und Jndustriekreisen besaß Goldberger zahlreiche Freunde, von denen sein Tod schmerzlich empfunden wird. Im Hause Goldbergers in Berlin wurde die Geselligkeit gepflegt, und Staatsmänner, Gelehrte und Männer aus den Kreisen des Handels und der Industrie versammelten sich dort gern. Kommerzienrat Goldberger wurde vom deutschen Kaiser wiederholt mit hohen Auszeichnungen bedacht, und anläßlich seines Regierungsjubiläums hat ihm der Kaiser die Brillanten zum Kronenorden zweiter Klasse mit dem Stern verliehen." Dem Vorstehenden ist zunächst hinznzufügen, daß der deutsche Kaiser bald nach dem Hinschciden des verehrten Mannes seine Witwe mit einem längeren Besuch beehrt hat. Vor allem muß an dieser Stelle daraus hingewiesyn werden, daß Goldberger ein treuer Jude war und sein lebhaftes Interesse an allen jüdischen Angelegenheiten betätigt hat. Es gab wohl kaum eine jüdische Organisation, der er fern blieb. Kurze Zeit gehörte er auch dem Vorstand der jüdischen Gemeinde an, er trat aber wegen Differenzen aus, die allgemeine wichtige Angelegenheiten betrafen. Eine ganz besonders segensreiche Tätigkeit entfaltete er im Kuratorium der Lehranstalt für Wissenschaft des Judentums, dessen stellvertretender Vorsitzender er jahrelang war. Er hat der Lehranstalt reiche Mittel zugewandt und ihre Interessen in jeder Weise gefördert. Ich hatte schon längst den Wunsch, ein Bild Goldbergers und eine Skizze über sein Leben in dieser Zeitung zu bringen. Zu seinem 65. Geburtstage, zum 17. Mai 1913, war ein Artikel über ihn bereits geschrieben und gesetzt. Auf seine dringenden wiederholten Bitten mußte der Satz abgelegt werden. so daß er während feines Lebens nicht erscheinen konnte. Nun nach seinem Tode, der den Kräftigen nicht unerwartet, sondern nach schmerzvoller Krankheit traf, soll das Wort des Lobes und der Anerkennung für eine reiche unermüdliche Tätigkeit nicht zurückgehalten werden. Er war ein eifervoller Mann, der stets bemüht war, der Sache zu dienen. Er wirkte für die Sache, war nicht bestrebt, sich hervorzudrängen, wollte aber als Führer anerkannt werden, weil er selbständig zu denken und durch eigene Kraft zu handeln verstand. „Von ihm darf uran", wie es im einen Nachruf der „Zukunft" heißt,, „aussprechen, daß er mit eigner Glut gewärmt, mit eigenem Feuer geleuchtet und daß gerade deshalb auch seines Lebens Gestirn Licht wie Schatten zeitigen, daß derselbe Funkenstrahl ebenso zünden und erwärmen, wie verbrennen und zerstören konnte. Und in der Meinung derer, auf deren Urteil er Wert legte, nicht als eine weltentrückte Jdealgestalt, nicht als ein ausgeklügelt Buch, sondern als ein Mensch mit seinem Widerspruch dazustehen, war eben nach dem Sinn dieses Kämpen, den die Stunde reute, die nicht Harnisch trug, und der Tag, der keine Wunden schlug." L. G. Tradition und Dogma. Vortrag, gehalten in der Synagoge zu Stockholin am zweiten Neujahrstage, 3. Oktober 1913, von Ignaz Goldziper. I. nter einer Reihe von Unterredungsstoffen, die sich mir zur Wahl stellten, als ich mich gern entschloß, der ehrende» Einladung Ihres Vorstandes Folge zu leisten, schien mir aus dem Gesichtspunkte der religiösen Fragen der Gegenwart keiner mehr angemessen zu sein, als das für diese weihevolle Gelegenheit gewählte Thema. Ich erlaube mir damit, Ihre Aufmerksamkeit zu erbitten für einige Gedanken, die in den Mittelpunkt eines der grundlegenden Interessen des religiösen Lebens und Denkens im allgemeinen, somit im besonderen auch den des jüdischen, greifen. Denn es gibt wohl keine Frage, deren Beantwortung die Lebensbedingungen aller Religion in entscheidenderer Weise ins Auge faßt,-als die Frage nach den Faktoren des organischen Zusammenhanges der religiösen Gegenwart und Zukunft mit dem religiösen Altertum. Der Exponent solchen organischen Zusammenhanges, das Organ solcher idealen Verbindung ist das, was wir innerhalb der Erscheinungen und Tatsachen des religiösen Lebens Tradition, Ueberlieferung, zu nennen Pflegen. Wir wollen nun in dieser festlichen Stunde miteinander erwägen: in welchem Sinne wir die Tradition und, ich gestatte mir, das sich uns ergebende Resultat vorwegzunehmen, nur die Tradition als den eigentlichen Lebensnerv aller den Kreis der Religionstatsachen bildenden Erscheinungen zu betrachten haben. , Wir begreifen unter der Benennung T r a d i t i o n im allgemeinen das von früheren Generationen in unmittelbarer Folge uns Ueberkommene. Das Objekt derselben kann erstlich ein konkret-faßbares, im eigentlichen Sinne gegen stündliches sein; sagen wir z. B. ein alter Text, ein altes Buch oder aus alter Zeit uns überkommene sonstige sachliche Denkmäler. Es gibt aber außer solchen konkret-faßbaren auch ideelle Gegenstände der Tradition: Gedanken, ethische Anschauungen, die wir von vorangegangenen Generationen, in denen sie entstanden waren, überkommen haben, und zu welchen wir selbst in einem inneren Verhältnis stehen. Diese subjektive Beziehung gibt uns das Recht, jene Gedanken und Vorstellungen im Verhältnis zu uns selbst, als Traditionen, also näher als unsere Tradition zu bezeichnen.

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