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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-02 · Heft 1 (2.1.1914) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 1 (2.1.1914)
Date
1914-01-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 macht die Behandlung völkischer Fragen unmöglich", klagt Herr- PH. Staufs in der „Wandervogel-Führerzeitung". Allerdings, sobald ein Jude in der Gruppe ist, der sich die Achtung seiner Kameraden erworben hat, ist der antisemitischen Hetzerei das Wasser abgegraben. JmWandervogel selbst muß der Kampf durch gejochten werden." Ueber Sir E r n e st Cassel entnehmen wir der nischen Zeitung" nachstehenden Artikel: Sir Ernest Cassel, von dessen Millionenspende für unsere Stadt der Oberbürgermeister Mitteilung gemacht, hat schon vor vielen Jahren seine deutsche Heimat und seine Vaterstadt Köln verlassen, aber beiden hat er ein treues Andenken bewahrt. Geboren am 8. März 1852 als Sohn eines hiesigen Bankiers, verbrachte er seine Jugendjahre in Köln, kam dann mit 16 Jahren nach Brüssel in das Bankhaus Bischoffsheim m die Lehre und siedelte 1870 nach London über, wo er in der Frrrna Bischosssheim u. Goldsmit allmählich die höheren Stufen der Geschäftsleiter bis zum angesehenen Bankherrn erstieg und schon in jungen Jahren an den größten Börsen- und Anleihegeschäften des Londoner Marktes einen tätigen Anteil hatte. Daß er dabei ein beträchtliches Vernrögen erwarb, versteht sich von selbst. Sein Name ist indes mit den Schöpfungen selbst verknüpft, die seine Geschäfte ermöglichten, unter denen irr erster Linie die Schiffbarmachung des Nils bis nach Assuan als ein bedeutendes Kulturwerk zu erwähnen ist. In den letzten Jahren widmete er seine Tatkraft dem Gelingen des Bagdadbahnunternehmens. Indes hat er sich seit einiger Zeit von den eigentlichen Geschäften zurückgezogen. Frühzeitig auch kam er in der großen Welt zu Ehren und Ansehen. Er war ein vertraulicher Berater des Königs Eduard, ohne daß etwas Wahres an den Gerüchten wäre, die einst über die Beziehungen des Monarchen zu Finanzleuten umgingen; das Nichtige wird wohl sein, daß er manchmal dem König nützliche Ratschläge gegeben hat. Das Wesentlichste an den Ehrungen, die ihm in England zufielen, ist, daß er sie einer gemeinnützigen Tätigkeit verdankt, die sich nach vielen Richtungell, aber auch nicht immer öffentlich, geltend machte. Seit mehr als zehn Jahren ist er Mitglied des Geheimen Rats (Privy Council), würde also in Deutschland etwa das Prädikat Exzellenz führen, und schon früher war er als Großkomtur des für überseeische Verdienste verliehenen Michaelsimd Georgsordens in den Ritterstand des Vereinigten Königreichs übergegangen. Seine englischen Mitbürger verdanken ihm u. a. eine Schenkung von vier Millionen Mark, die er dem König Eduard für die Errichtung von Lungenheilstätten überwies. Aber auch nach Deutschland wandte sich sein gemeinnütziger Sinn. Vor zwei Jahren stiftete er, immer auf die Pflege guter Beziehungell zwischen Deutschland und England bedacht, zwei Millionen Mark für hilfsbedürftige Engländer, die sich in Deutschland aufhalten; die Stiftung steht unter dem Schutz der Kaiserin. Eine entsprechende Einrichtung ließ Sir Ernest dann in England für Deutsche entstehen; dort hat das Königspaar die Schutzherrschaft übernornmen. Die Stadt Köln, die er jetzt in so hochherziger Weise bedacht hat, verdankte ihm schon eine Spende von 300 000 Mark für den Baufonds des israelitischen Krankenhauses und eine Beteiligung von 200 000 Mark an der Gesellschaft für Wohnungsfürsorge. Nun gibt es wohl manchen Millionär, der Gutes stiftet und auch ein gutes Herz zeigtr Sir Ernest Cassel aber ist mehr als ein Mann, reich an Geld: stets, nahm er einen lebhaften Anteil an den geistigen Bestrebungen und Strömungen, und nicht mit Unrecht hat jemand von ihm geschrieben/wenn er nicht in England ein großer Bankherr geworden wäre, hätte er in Deutschland wohl einen tüchtigen Universitätsprofessor abgegeben. Das ist ein Lob, wie es auf den größten Kölner der Neuzeit, auf Gustav v. Mevissen, auch gepaßt hätte, und die Kölner werden Sir Ernest Cassels Namen neben demjenigen dieses Mannes nennen. Es sei noch erwähnt, daß vor einigen Monaten der deutsche Kaiser Sir Ernest eine hohe Auszeichnung verlieh: die Brillanten zum Roten Adlerorden erster Klasse. Wie viele andere hätten nach so vieleil Jahren die alte Heimat vergessen! Daß Sir Ernest ihr treu geblieben, ist eine Tatsache, die ihm ebenso hoch ungerechnet'werden muß wie seine Millionenspenden. Ludwig Max Goldberger. A Geheimer Aommerzienrat Ludwig Nax Goldberger. m 22. Oktober 1913 ist der Geheime Kommerzienrat Ludwig Max Goldberger gestorben. Aus den vielen, bei dieser Gelegenheil erschienenen Nachrufen gibt der der „Neuen Freien Presse" das beste Bild seiner Entwicklung. Er sei daher im folgenden mitgeteilt: „Mit Goldberger ist ein hervorragender Kaufmann, geschult durch langjährige Erfahrung in großen Geschäften und auSgestattet mit sicherer Empfindung für die Strömungen des öffentlichen Lebens, dahingeschieden. Erst in den letzten Tagen trat Geheimrat Goldberger infolge seines leidenden Gesundheitszustandes von der Würde eines Präsidenten der Ständigen Ausstellungskommission für die Industrie zurück. Dieser Anlaß wurde von zahlreichen wirtschaftlichen Korporationen des Deutschen Reiches benutzt, um dem hochverdienten Manne die Anerkennung für seine Wirksamkeit auszusprechen. Geheimer Kommerzienrat Goldberger wurde in weiteil Kreisen durch sein Buch „Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten" bekannt. In diesem Buche, das sofort nach seinem Erscheinen größte Aufmerksamkeit fand, hat er mit klugen kritischen Augen und nicht mit vorgefaßten Ideen seine Beobachtungen in Amerika niedergelegt Die Studienreise, die Goldberger damals nach Amerika unternahm, erfreute sich der Unterstützung der deutschen Regierung, und namentlich förderte sie der Staatsminister Graf Posadowsky. Vielleicht noch wirksamer war der Beschluß der deutschen Reichsregieruno die Studiensahrt durch einen ossiziellen Rechtstitel zu fördern und Goldberger in den „Wirtschaftlichen Ausschuß zur Vorbereitung und Begutachtung handelspolitischer Maßnahmen" zu berufen. Das Buch, welches Geheimer Kommerzienrat Goldberger als Frucht seiner Studien veröffentlichte, hatte nicht allein den Reiz höchst anschaulicher, anmutiger und lebendiger Darstellung sowie praktischer Gegenständlichkeit, es gab auch zugleich treffende Schilderungen

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