Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1914)
- Date
- 1914-01-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229125--70061-3282386- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
Hebraisten Palästinas haben doch anerkannt, daß niemand für die jüdische Sprache m Palästina so viel getan hat wie der Hilfsverein. Es handelt sich um einen Gegensatz, der aus verschiedenen Meinungen über Zweckmäßigkeiten herrührt, und den nur der Unverstand und die Massensuggestion gewaltsam vertiefen, so daß ein Haß heranwächst, der geeignet ist, diejenigen Freunde Palästinas zu verärgern und zu vertreiben, die bisher in ausdauernder Arbeit voll Liebe und Verständnis organisatorisch das Beste geleistet haben, was in diesem Lande überhaupt geleistet worden ist. Die Aufstellung eines Programms hat den Kamps hervorgerufen. Bisher haben die deutsche und die hebräische Sprache an den Hilfsvereinsschulen in Eintracht nebeneinander bestanden. Die Devise war: Hebräisch sei Volkssprache, Deutsch Wissenschaftssprache, aber je nach Gelegenheit und Möglichkeit ersetzte das Hebräische das Deutsche, auch im wissenschaftlichen Unterricht; aus den unteren Stufen herrschte die hebräische Sprache allein. Nun aber sollte das Technikum gegründet werden, und die Vertreter der verschiedenen Or- * ganisationen, die im Kuratorium zusammensaßen, fühlten das Bedürfnis, ein Sprach'enprogramm festzulegen. Angenommen wurde ein Programm, das entsprechend der bisherigen Praxis im Technikum und in der Mittelschule, die für den Unterricht im Technikum vorbereiten soll, und die als eine Einheit mit ihm betrachtet wird, für den Unterricht in den naturwissenschaftlichtechnischen Fächern die deutsche Sprache festlegte: dagegen nimmt es in beiden Schulen für alle anderen, auch die übrigen wissenschaftlichen Disziplinen kein Prinzip auf, sondern betont, daß es keine offizielle obligatorische Unterrichtssprache geben und daß dem Hebräischen, entsprechend dem jüdischen'Charakter des Technikums, die eingehendste Pflege zuteil werden soll. Von einer „Verdrängung" des Hebräischen kann also keine Rede sein. Weshalb mag der Hilfsverein sich wohl entschlossen haben, der deutschen Sprache neben der' hebräischen ein weites Wirkungsgebiet im Technikum zu geben? Wir brauchen nicht anzunehmen, daß es die Rücksicht auf den r eichsdeutschen Charakter des Vereins war, der bestimmend wirkte. Immerhin mag der Vorstand der Ansicht sein, daß er dem Deutschen Reich', unter dessen Schutz er arbeitet und dessen Vertretung in der Türkei sich noch vor ganz kurzer Zeit wieder mit allergrößter Energie und vollem Erfolge für seine palästinensischen Schulen eingesetzt hat, eine gewisse Rücksichtnahme'schuldig ist und sich bei der Ausstellung des Programms den Wünschen der Reichsregierung anzupassen hat. Selbst die deutsche Botschaft wird dem ausgesprochenen Mißtrauen gegenüber, das die türkische Regier u n g, und vor allem die jetzige unionistische, gegen Zionismus und jüdische Volksbewegung hegt, nicht imstande sein, für eine Schule, welche die hebräische Sprache programmäßig zur Schulsprache erklärt i hat, Examens- und andere Privilegien durchzusetzen:! wenn sie es überhaupt für nötig hält, für eine solche Schule einzutreten. Aber lassen wir diese diplomatischen, wie uns allerdings scheint fundamental wichtigen Rücksichten beiseite! Ein Teil der Zionisten in der Türkei, allerdings nur ein Teil von ihnen, ist ja der Ansicht, daß es vorteilhaft für die palästinensischen Juden sei, überhaupt nicht mehr mit den diplomatischen Missionen, sondern nur mit der türkischen Regierung zu arbeiten. Der Schreiber dieser Zeilen wünscht von Herzen, daß in Palästina eine eigene jüdische Kultur erwachse, die sich der hebräischen Sprache als Gefäß bediene. Und deshalb möchte er, daß die Juden Palästinas und vorzüglich die Juden der heute aufwachsenden Generation eine europäische Sprache gründlich lernen und beherrschen. Sonst werden die Palästinenser, d. h. die echten eingesessenen Palästinenser, immer abhängig von den Landfremden, die mehr Fühlung mit dem Ausland haben, von ausländischen Juden und von nichtjüdisch'en Palästinensern. Als kleines und relativ einseitig produzierendes Land wird Palästina immer in reger Wechselwirkung mit dem Ausland stehen. Die ganze Levante ist angefüllt von einem heißen Wettbewerb der Nationalitäten um Geschäft, Ansehen, Reichtum. Sprachenkenntnis ist die stärk st e Waffe in diesem Kampf, die genaue Kenntnis des Geistes irgendeines europäischen Landes, dessen Kultur und Geschüstskreis der Armenier oder Grieche, der Syrer oder Jude bearbeitet. Deshalb stürzen sich die Levantiner mit solchem Eifer auf die fremden Schulen. Man hüte sich, dem Juden wohtzutun, indem man ihm bei der Aufrichtung eines Volkstums hilft, und ihm zugleich wehe zu tun, indem man ihm das Mittel nimmt, mit dem er in die Welt hinausgreift X und sich ihre Werte zunutze macht. Sonst werden die besten Kausleute in Jaffa und die tüchtigsten Professoren in Haifa, die Führer auf allen Gebieten, und auch diejenigen, die das Beste im * Lande ernten, niemals palästinensische Juden sein. Es droht bei der zu schnellen Hochzüchtung der hebräischen Sprache die Gefahr, d a der Jude zu einseitig zum Bauern eines kleinen weltabgelegenen Staates Zurückgeschraubt wird, daß er wirklich nur Bauernqualitäten in jedem Sinne behält, in der Handelswelt der Levante konkurrenzunfähig und in seinem eigenen Land jedem fremden Einfluß unterworfen wird. Der junge Mann, der heute aus den jüdischen Kolonien ins Ausland kommt, ist häufig täppisch und setzt sich dadurch, daß er aus Mangel an Sprachenkenntnis weder an einen deutschen noch einen französischen oder englischen Kreis guten Anschluß findet, außerordentlich schwer durch. Da gerät er dann meist in die Abhängigkeit von jungen russischen Herren, deren Einfluß ihn sehr schnell nicht zu seinem Vorteil verändert. Vor allem aber braucht die Wissenschaft in Palästina noch eine fremde Sprache. Die Frage, ob die hebräische Sprache schon reis sei für Wissenschaftsbetrieb, wird nicht mit der Antwort erledigt, daß man alle technischen Ausdrücke ins Hebräische übersetzen könne Das leisten Volapük und Esperanto auch. Wissenschaft und Sprache, Gedanke und Wort, hängen ganz anders zusammen, wie nur mit bell termini techniei. Wie selten dringt ein Ausländer ganz in die Tiefen der deutschen, französischen Kultur ein! Um eine neue Kultur zu schaffen, die keine armselige Zwergkultur, sondern eine erlesene und vollsastige sein soll, ist es nötig, mit dem Saatgut der europäischen Kultur zu säen. Dazu muß man diese Kultur kennen. Mühselige Lektüre, eine Reihe guter Nebersetzungen und einzelne Lehrer genügen da nicht. Laßt die die Palästinenser zunächst mit Eifer und Hingebung vom Ausland lernen: wenn sie ein Volkstum haben, wenn eigene Kultur in ihnen und ihrer Sprache keimt und wächst und blühen kann, dann wird kein Feind diese Kultur töten oder verkümmern lassen, und je mehr sie gelernt haben, desto eher werden sie vor der Gefahr der Plattheit und der primitiven Einfalt, von der Art forcierter Kulturen anderer Natiönchen bewahrt bleiben. Schreiber dieser Zeilen möchte sich nicht anmaßen, mit diesen Argumenten ein Problem gelöst zu haben, das nur die Zukunft lösen kann oder etwa den einzig richtigen Weg zu zeigen. Er wollte nur dartun, daß es Gründe gibt, starke Gründe für den Hilfsverein, und daß es sich nicht um das pathetisch zu behandelnde Für und Wider des jüdischen Volkstums, sondern um Fragen der Zweckmäßigkeit handelt. Wenn man das einmal erkannt hat, wird man auch vielleicht dazu gelangen, die K a m p f e s w e i s e der H e b r a i st e n nicht ganz so zu loben, wie es die zionistische Presse tut. Schulstreik und I Boykott sind Kampfessormen, die in Rußland gut sein mögen, Volks-! Versammlungen und Hetze gegen Mißliebige sind für ein Land, das eben ansängt, sich zu organisieren, in dem bei dem Uebermaß an unruhigen Intelligenzen und Intrigen starke Hände und Disziplin und ausbauende Kräfte nötig sind, ein Unglück. Es ist der nicht sehr glückliche Einfluß der jüngeren russischen Generation, deren Einfluß sich hier unheilvoll geltend macht. Tatsächlich streiksreudig sind diese Russen und nicht sowohl die alten Palästinenser der zweiten und dritten Generation. Im Anschluß daran sei noch eines erwähnt: diese jungen Russen sind als Russen und jüdische Russen Feinde von allem Deutschen, das sie schlecht und höchst oberflächlich kennen, und das ihnen als das Prinzip des Unfreien, Rückständigen gilt. Ihr Kamps ist ebensowohl ein Kampf gegen das verhaßte „Taatsche" als für das Hebräische. E. J. * Aus Petersburg wird uns geschrieben: N a ch k l ä n g e zu m K i e w e r P r o z e ß. Die reaktionär antisemitischen Blätter haben ebenso wenig wie die Pogromprediger die R i t u a l m o r d h e tz e ausgegeben. Für die „Nowoje Wremja", „Semstschina" und ihresgleichen ist I selbst der F a l l B e i l i s trotz Ablaufs der Berufungsfrist noch durch- > aus nicht erledigt. Die sich an den Kiewer Prozeß anschließende nationalistische Berichterstattung nimmt geradezu gefahrdrohende Formen an, Sa Uly slow skr selbst hatte in einer „feierlichen" Versammlung des allrussischen Nationalistenklubs den Reigen eröffnet, worauf S ch m a k o w mit einem Sonderbericht kam. Eine Fortsetzung fanden diese entschiedenen Pogromvorträge in einer Versammlung der