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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-02 · Heft 1 (2.1.1914) · page 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 1 (2.1.1914)
Date
1914-01-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Ly Wenn in diesem Falle der Gerechtigkeit geradezu Hohn gesprochen wird, so ist freudig zu konstatieren, daß der Beilisprozeß mit einem Triumphe des Rechts geendet hat. Gegen die Erwartung der Pessimisten — und zu diesen gehörten selbst solche, welche eine genaue Kenntnis der russischen Verhältnisse besitzen - hat jener denkwürdige Prozeß mit einem Freispruch des Angeklagten geendigt. Allerdings bedeutet dieses Urteil nur eine Befreiung des Angeklagten, nicht aber eine Zurückweisung des wahnsinnigen Blutrnärchens, des den Juden imputierten Ritualmordes. Vielmehr hat das Gericht entgegen den Erklärungen aller irgendwie in Betracht kommenden Sachverständigen geglaubt, die Tatsache des Ritualmords feststellen zu müssen. Durch eine solch ungeheuerliche Entscheidung ist leider für Rußland und auch für die Antisemiten in Deutschland ein furchtbares Kampfmittel amtlich bestätigt worden, und es ist zu befürchten, daß diese Legende, die alle Wahrheitsfreunde endgültig abgetan zu sehen hofften, immer und immer wieder vorgebracht wird. Das persönliche Schicksal des armen, zu Unrecht angeklagten Mannes hat für uns im Grunde wenig Interesse, da uns nur die Sache, nicht die Person erregte. Wir wünschen dem Unglücklichen eine glückliche Zukunft, haben aber keinen Anlaß, uns mit den einzelnen Schicksalen des Opfers eines verhängnisvollen Wahnes weiter zu beschäftigen. Was die inneren Angelegenheiten des Judentums betrifft, so waren es im Laufe des verflossenen Jahres drei Dinge, welche die besondere Aufmerksamkeit erregten. 1. Der Kampf um die Richtlinien. Unsere Zeitung steht ourckaus auf liberalem Standpunkt und billigt die Grundsätze, von denen diese Richtlinien diktiert worden sind. Sie wahrt sich freilich auch diesen gegenüber das Recht selbständiger Kritik, tritt aber mit Entschiedenheit gegen die Bemühungen der Gegner auf, welche sich das Recht anmaßten, die Verfasser der Richtlinien und diejenigen, welche auf ihrem Standpunkte stehen, als Nichtjuden zu bezeichnen und zu verdammen. Der Kampf ist einigermaßen zum Stillstände gekommen, und es ist freudig zu konstatieren, daß bei den letzten Repräsentantenwahlen der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands kein Gegensatz zwischen den beiden führenden Parteien bestand, sondern die Orthodoxen gemeinsam mit den Liberalen eine Kandidatenliste aufstellten. 2. Nicht minder lebhaft war in dem vergangenen Jahre der Streit um die jüdische Volksschule. Auch er ist, wenn auch nicht völlig beendet, so doch zu einem gewissen Stillstände gelangt. Unsere Zeitung, deren Spalten den Gegnern offen stehen, hat den jüdischen Lehrern, welche für die Schaffung neuer jüdischer Volksschulen eintraten, Raum gegönnt: aber der Standpunkt, den sie vertritt, ist der: keine neuen jüdischen Volksschulen zu schaffen, vielmehr auf die gemeinsame Erziehung jüdischer Kinder mit christlichen hinzuarbeiten. Sie will dadurch keineswegs das Schicksal der jetzt amtierenden jüdischen Lehrer gefährden, und noch weniger denen, die sich zum Lehrerberuf vorbereiten, den Lebenskampf erschweren. Vielmehr vertritt sie den Standpunkt, daß man mit alten gesetzlichen Mitteln darauf hinarbeiten muß, die Anstellung jüdischer Lehrer an den allgemeinen höheren, und besonders an den städtischen Volks- und Gemeindeschulen zu befördern. 3. Die liberalen Jugendvereine haben sich im Berichtsjahre segensreich entwickelt. Wir sind im allgemeinen die letzten, die einer Spaltung innerhalb des Judentums das Wort reden, da wir immer bemüht sind, gemeinsam mit unseren anders gesinnten Glaubensgenossen zu arbeiten. Hier aber wurde uns der Kampf aufgedrängt, die Spaltung notwendig gemacht. Denn man mußte zu der Ueberzeugung kommen, daß die sogenannten neutralen Jugendvereine ausschließlich oder vorzugsweise Tummelplätze einer wüsten zionistischen Organisation waren. Dagegen aufzutreten, das kommende Geschlecht dem Liberalismus zu gewinnen oder in freisinnigen Anschauungen zu stärken, war unsere unabweisbare Pflicht. Erst wenn die Leitung der sogenannten neutralen Jugendvereine eine sichere Gewähr dafür bietet, daß in ihnen jede zionistische Agitation ausgeschlossen ist, daß es sich also bloß um eine wirklich jüdische, nicht zionistische Weiterbildung unserer Jugend handelt, kann ein gemeinsames Wirken eintreten. Unser Programm sür die Zukunft bleibt das alte bewährte: unsere Zeitung soll ein Spiegelbild des jüdischen Lebens gewähren, allen jüdischen Interessen dienen, auch das literarische Leben beleuchten, aber sie soll nicht vorzugsweise ein Kampforgan sein. Sie dient den liberalen Ideen, sucht aber den Gegnern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und greift nur zu den Waffen, wenn sie ihr aufgezwungen werden. Nur gegen einen Feind macht sie unerbittlich Front: gegen den Zionisnurs. Sie verkennt zwar nicht manches Segensreiche, was der Zionismus für die Stärkung des jüdischen Bewußtseins geleistet hat, aber sie darf, wenn sie ihren eigensten Grundsätzen nicht untreu werden will, nie und nimmer dulden, daß die Anschauungen des Zionismus allgemeine werden. Sie will nichts wissen von der Idee eines jüdischen Volkes, noch weniger von der Bildung eines jüdischen Staates. Sie tritt lebhaft auf gegen die Ausschreitungen, wie sie von den Zionisten neuerdings in Jerusalem inszeniert wurden, sie erklärt sich gegen die Bemühungen der Zionisten, überall Spaltungen hervorzurufen, wo solche gar nicht eristieren, z. B. in den Organisationen des „Wandervogels". Sie hat bisher immer verteidigt und wird es stets verteidigen, daß die Juden Juden sind, d. h. Diener einer Religion, die als eine der ältesten und reinsten auch in der Zukunft bestehen soll und die Aufgabe hat, ihre Ideen über die ganze Welt zu verbreiten. Aber sie vertritt eifervoll die Anschauung, daß das Judentum nur eine Religion sei, und daß die Bekenner dieses Glaubens sich voll und ganz zu d e m Volke rechnen, dem sie durch Geburt und durch Gesinnung angehören, dessen Kultursegnungen sie genießen. Sie will sich die heilige Pflicht und das unverlierbare Recht, daß ihre Bekenner gleichberechtigte Mitglieder dieses Volkes sind, von keinem rauben lassen, weder von den Antisemiten, deren Stimmen immer leiser und immer furchtsamer werden, noch von den Zionisten, mögen sie and) noch so laut und prahlend ihre Stärke hervorheben und ihr vermeintliches Recht. Ter Kampf gegen den Zionismus muß eine Ehrenpflicht dieser Zeitung bleiben! Nik Wache. Berlin, den 30. Dezember 1913. u dem Sprachenkampf in Palästina geht uns mit der Bitte um Veröffentlichung nachstehender Artikel zu: In Palästina herrscht der Schulstreik. Die Zionisten haben zum Kampf gerufen gegen den Hilfsverein der deutschen Juden, gegen die deutsche Sprache. Die zionistische Presse schlägt begeistert den Takt zu den Kundgebungen Palästinas und weist triumphierend auf das „Kochen der Volksseele" hin: mit leidlicher Mäßigung (??) soweit sie in deutscher Sprache erscheint, ohne jedes Maß in der hebräischen. Und im Heiligen Lande tut man, als gelte es, die hebräische Sprache gegen ihren Erb- und Todfeind zu verteidigen. Sollte es sich wirklich um einen Kampf zwischen Feinden und Freunden der jüdischen Sprache handeln oder auch nur Zwischen denen, die das Volkstum Palästinas verstehen und erleben, ititb den Fremden und Fernen, die Wohltäter sein wollen nach ihrem Kopf und dafür Dank und Gehorsam erzwingen möchten? Tie ersten

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