Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1913)
- Date
- 1913-12-26
- Page
- Seite 622 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Greif, holen Sie sofort den Doktor/ befahl der alte Fiedler. . . Loewisohn erklärte die Verwundung für unerheblich, den Fall gleichwohl für höchst ernst. Eine schwere Gehirnerschütterung läge vor, deren Folgen sich noch gar nicht übersehen ließen. Nachdem man den Bewußtlosen weggeschasft, wandte sich Jakob an den alten Fiedler: „Das Urteil in der Wechselsache," sagte er gelassen, „ist nichtig, da der Richter mein Neffe ist; und auch das letzte Testament gilt nicht, da es der Enkelsohn ausgenommen hat." Zwanzigstes Kapitel, Es war Herbst geworden; Regen und Kälte hatten sich Ende September in Deutschland eingestellt; aber in Lugano lachte der Himmel aufs freundlichste, und die Abendsonne vergoldete den Gipfel des Monte Brö. Auf der Terrasse der Villa Esperanza, von der aus man den Ausblick auf den See hatte, saß Margarethe Smith und die Diakonissin, während der Freiherr v. Felseck im Nebenzimmer auf einem Sofa schlummerte.. Er hatte nach wochenlangen Fieberdelirien sich körperlich ziemlich erholt; nur Sprache und Gedächtnis wollten nicht wiederkehren; teilnahmslos hatte er sich Pflegen und von Mondenstein nach Lugano bringen lassen. Der Gerichtsdirektor hatte ihm vom Minister einen Urlaub von einem Jahr ausgewirkt. Ein Seufzer drang aus dem Gemach, und die Diakonissin eilte schnell zu ihrem Kranken. „Ach, Schwester Kathrine," sagte der Freiherr; cs waren die ersten Worte, die er seit der Katastrophe gesprochen. „Der Fuß ist ja ganz heil. Sehen Sie," und er stand aus, „ich kann ja gehen. Aber, mein Gott, wo bin ich? Das ist doch nicht mein Zimmer im „Adler". Und so warm die Lust und das Fenster offen. Das ist ja ein italienisches Lied, das von der Straße hereintvnt, wahrhaftig, „La bella Napoli“; wo bin ich, Schwester?" „Beruhigen Sie sich, Herr Kreisrichter, Sie sind in Lugano. Sie waren lange, lange krank, aber nun sind Sie genesen. Und eine Freundin ist in der Nähe, die Sie gerne auch sprechen möchte." „Eine Freundin? Wen meinen Sie? Mein Gott, doch nicht Miß Margareth? O, jetzt fällt es mir wie eine Binde von den Augen. Vater im Himmel, bewähre mich vor Wahnsinn. Die Testamentseröffnung, mein Gott! O, der Jakob, der Bube, der lügnerische Bube; ich ein Enkel des Aron Goldenberg . . ." Und ein konvulsivisches Lachen durchzitterte seinen Körper. „O, beruhige dich, mein teurer Freund," klang es aus den: Munde Margarethens, die leise das Zimmer betreten hatte, das die Diakonissin verließ. „O, Margarethe, süßes Mädchen; wehe, wehe mir!" „Nicht wehe, nein Glück und Freude über dich. Nun bist du genesen, ganz genesen, und der Himmel ist unser, wenn wir ihn nur wollen." „Nein, nein," rief Felseck; „teures, süßes Lieb/ dir alles Heil; mein Hoffen ist der Tod. Ist es denn wahr, was der Schurke Jakob sagte? Ich von seiner Sippschaft? Ich von jüdischem Blut?" „Mein teurer Freund, jüdisches Blut rollte auch in den Adern der Propheten und Apostel; ja, als der Herr in Knechtsgestalt auf Erden wanderte, auch in des Herrn Adern. Und hast du nicht von deiner Mutter her auch germanisches Blut in dir? Und bin ich selbst nicht auch ein Goldenbergsches Enkelkind? Fühll ich mich darum schlechter und geringer? Nein, stolz fürwahr bin ich darauf, daß ich zwei Völkern entsprossen bin, die, so verschieden sie auch geartet, doch beide einzig und unsterblich sind," „O, Margarethe, Margarethe; ich kann nicht das sein, was ich verachtet und verhöhnt habe." „So hättest du mich vevhöhnt und verachtet?" „O, böse, und doch so gute Freundin." „Und liebst du mich? Glaubst du an meine Liebe?" Er zog sie an sich und in innigem Kusse berührten sich ihre Lippen. „Was fehlt uns nun zum Glücke, mein Geliebter?" „Ach, Margarethe, wie kann ich je mich unter meinen Freunden und Kollegen zeigen? Mit Fingern werden sie aus den Antisemiten weisen, der selbst ein halber Semit ist." „Unsere Zeit lebt und vergißt schnell; Mondenstein ist nicht die Welt. Ich bin vermögend, du ja auch, und nicht zum kleinsten Teil durch Großvaters Testament." Felseck lachte bitter. „Das nichtig ist, da der eigene Enkel es ausgenommen hat." „Ist es nichtig, so hast du doch den Pflichtteil, als einziger Sohn des ältesten Sohnes zu fordern. Und bleibt dir nicht die eigene Arbeitskraft? Dein Wissen wird überall begehrt sein, selbst wenn du aus dem preußischen Juftizdienst scheidest. Im großen Amerika kennt man nicht einmal den Namen Mondenstein, und ein neues Leben soll dort uns in Liebe erblühen." Sie strich ihm wieder leise über das Haupt, und wieder wie an jenem Sonntag, zog er die weiße, weiche Hand an seinen Mund, und wiederum drückte Margarethe ihre Lippen auf seine Stirn. - Die Dämmerung brach herein. Die Diakonissin erschien, schloß das Fenster und zündete die Gasflamme an. Sie bat Felseck, noch der Ruhe zu pflegen, da er doch immerhin Rekonvaleszent sei, Margarethe schloß sich der Bitte an. „Morgen, du Teurer, beginnt ein neues Leben für uns. Hörst du sie singen, „La bella Napoli“? Wenn es dir recht ist, reisen wir weiter nach dem Süden." „Morgen, morgen, ja, wenn Gott es will." Als der Freiherr sich allein sah, brach er in bittere Tränen aus. „Nein," rief er, „ich kann nicht weiter leben. Aus einein Saulus kann ein Paulus werden, aber der Antisemit v. Felseck kann nicht von Juden stammen. O, daß ich keine Waffe bei mir habe! Doch hier, Hab Himmel Dank für diesen Ausweg. Vergib mir, Herr, wenn ich dies Leben nicht ertrage und selbst beende, vergib mir, süßes Mädchen, daß ich dir diesen Schmerz bereite." Er löschte die Gasflamme, öffnete den Hahn und lagerte sich auf dem Sofa. „Margarethe", war sein letzter Seufzer. # S ch l u tz b e m e r ku n g: Der Roman, der in dieser Nummer sein Ende erreicht, ist von mir nicht in der Gestalt ausgenommen worden, in der er mir übersendet wurde. Ich habe es viellnehr für nötig gehalten, die zahlreichen Anmerkungen, die der Erzählung beigefügt waren, zu entfernen und die Gespräche über die Judenfrage stark zu kürzen, lieber das Gekürzte habe ich durch knappe Bemerkungen den Leser zu orientieren gesucht. Dieses für die Zwecke meiner Zeitung notwendige Verfahren ist im Einverständnis mit dem von dem Herrn Verfasser beauftragten Uebersender vorgenommen worden. Auf den Wunsch des Verfassers erkläre ich hiermit, daß der Roman voraussichtlich im nächsten Jahre in Buchform veröffentlicht werden wird, wobei die Gespräche über die Judensrage ungekürzt erscheinen sollen. D i e R e d a k t i o n. Literarische Mitteilungen. — Hiob. Erzählung aus dem jüdischen Leben von Gertrud Epstein. Dresden und Leipzig. Verlag von Heinrich Minden. Preis 1.80 Mark. Ich will gleich von dem eben (Mitte Dezember) erschienenen Buche nieinen Lesern Kenntnis geben. Ich' halte es für eine allsgezeichnete Erzählung. Salomon Freudheim hat in Rußland sein Weib und seine