Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1913)
- Date
- 1913-12-26
- Page
- Seite 623 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Kinder verloren. Er hat nur einen Knaben nach Deutschland gerettet, der aber auch bald stirbt. Solange der Knabe lebt, besucht er mit ihm den Friedhof, um seine Trauer über die verlorenen Lieben zu stärken,, mit) bildet sich ein, daß die in seiner Heimat elend in einem- Massengrab Verschauselten in den reinlichen Gräbern eine saubere Ruhestätte gefunden hätten. Sobald aber sein Knabe gestorben ist, ist die Poesie des Kirchshofs für ihn 311 Ende.- Er erwacht zu neuem Lebensdrang, der um so stärker wird, als er unter den Büchern seines Kindes eine illustrierte biblische Geschichte gefunden hat, und in den zwei hier darstellenden Bildern Hiobs sein eigenes Schicksal angedeutet findet. Sich selbst erkennt er, sowohl in dem Mtraften, seiner Kinder beraubten, als in dem wieder glücklich gewordenen, mit neuer Nachkonunenschast gesegneten und im Besitze eines schönen Hauses glücklich lebenden Hiob. Durch' tätige Hilfe eines Glaubensgenossen Mandelblüth wird er in dessen Geschäft angestellt, kommt allmählich zu Wohlstand und vermag durch sein erspartes Geld ein kleines hübsches Haus zu kaufen. Er heiratet ein armes, schönes, kräftiges Mädchen Jochbet, eine Waise, die in einer Familie Lasch ausgenommen ist, nachdem er die durch einen Heiratsvermittler, ihm angetragene unschöne, aber reiche Röse Lasch ausgeschlagen hatte. Mit dieser lebenslustigen Frau zeugt er viele Kinder, lebt glücklich, uueingedenk seiner Vergangenheit, bis er durch einen Todesfall einer älteren Freundin Rebekka Fränkel nach langer Zeit wieder den Friedhof besucht, das lange vernachlässigte Grab seines Knaben ausfindet und in einen wahnsinnigen Schmerz gerät. Die Toten scheinen ihm wieder aufzuerstehen, seine Freude an Weib und Kind verschwindet, er hegt die schwärzesten Gedanken, zündet Lebenslichter für seine Toten an und kann sich mit dem Leben nicht befreunden. Da erwirkt seine Frau eine neue Empfindung in seinem Leben, daß er, der Vergangenheit eingedenk, doch wieder Lust an Weib und Kind empfängt, seinen Schmerz läutert und eben in dieser Läuterung fähig ist, das Leben zu genießen. Diese trefflich erfundene Geschichte ist mit feinster Psychologie erfaßt. Der Charakter dieses modernen Hiob wird ungemein poetisch dargestellt. Zu diesen ernsten Partien gesellen sich viele heitere:, das Wesen des Händlers Mandelblüth; die auf einen Schwiegersohn lüsterne Familie Lasch, die Freudheim ungemein zuvorkommend empfängt und naturgemäß sehr erzürnt ist, da er statt der ihm angetragenen Röse die arme Jochbet zur Gattin wählt; die zwei Schwestern Fränkel, Rebekka und Friederike, die ältere aufgeklärt, die jüngere den alten Bräuchen ergeben; die kleine Geschichte, wie Rebekka kurz vor ihrem Tode Rührei mit Schinken verlangt und trotz des Widerspruchs der Friederike sich den verbotenen Genuß verschafft, ist ein humoristisches Juwel. Ich halte die Erzählung, die eine intime Kenntnis jüdischen Wesens verrät, eine köstliche Darstellung jüdischer Gewohnheiten und Sitten enthält, für ganz ausgezeichnet. Diese Mischung von Tragischem und Kölnischem, dieses tiefe Schürfen in dem Seelenleben eines vereinsamten, dein Leben wiedergewonnenen, durch' eine plötzliche Erinnerung arg verdüsterteir und durch die starke Liebe eines gesunden Weibes zur Daseinssreude zilrückgesührten Mannes ist ein herzerfreuendes Kunstwerk. Das Buch verdient in allen jüdischen Kreisen gelesen und gekauft Zll werden. L. G. M A rchiv für jüdische F a m i l i e n f 0 r s ch u n g, K u n st - g e s ch i ch t e u n d M u s e u m s w e s e n. 1. Jahrgang. Nr. 2 und 3. Wien 1913. Sehr nützliche Untersuchungen, die natürlich sehr ins Detail gehell. Es handelt sich nicht etwa nur um Genealogie, sondern es werden Urkunden zur Familiengeschichte und ähnliches mitgeteilt. Besonders interessant ist z. B. das Testament der Baronin Eleonora Wetzlar von Plankenstern; sehr merkwürdig ist auch der Anfang der hier mitgeteilten Memoiren des Simeon von Geldern, des Großoheims Heinrich Heines. Die andereli Beiträge, so interessant sie auch find, können nicht alle einzeln erwähnt werden. Unter den Mitarbeitern finden sich verdiente Gelehrte, wie Ignaz Schwarz ilnd Bernhard Wach'stein. Auch ein christlicher Gelehrter, der bekannte Genealoge Stephan Kekule von Stradonitz, hat einen Beitrag beigesteuert: „Wie Kaiser Wilhelm II. lmd Bernhard Dernburg miteinander verwandt sind." Nur muß man nicht etwa glauben — wie die Redaktion gleich warnend bemerkt, — daß etwa unserem Kaiser jüdischer Ursprung nachgewiesen werde, vielmehr wird gezeigt, daß die beiden genannten Männer (Dernburg durch feine Mutter) verwandt und verschwägert mit der Familie Besserer sind, die schon im 13. Jahrhundert in Ulm urkundlich nachzuweisen ist. Das ganze Heft wird vielen Lesern höchst interessante Mitteilungen bieten. L. G. . * . — Hebrcw Slieltering and Immigrant Aid Society. Fourtli Annual Report. 1912. Headquarters 229—231 East Broadway. New-York. Eine sehr interessante Zusammenstellung, aus der einzelne Zahlen und Daten .hervorgehoben werden mögen: Vom 1. Januar bis 31. Dezember 1912 kamen im Hafen von New Bork 64 738 jüdische Einwanderer an. Dazu gehörten 6526 Teilfamilien, d. h. Frauen und Kinder, die zu ihren bereits anwesenden Männern oder Vätern kamen, und 2598 ganze Familien. Die Häupter der erstgenannten Familien waren wohlhabend geworden, so daß sie ihre Familie Nachkommen ließen. Die letzteren, im ganzen 12 990 Seelen, .müssen >rilsy neue Pioniere für das Judentum in Amerika betrachtet werden. Unter der großen Zahl sind 2b 644, also 40 Prozent der- Gesamtzahl, junge Leute. Von den 64 738 jüdischen Einwanderern waren 19 056 verheiratet, 2017 verwitwet, 47 geschieden. 15 279 Kinder unter 14 Jahren. Der Bericht enthält noch viele andere interessante Mitteilungen, auf die im einzelnen hier nicht .hingewiesen werden kann. — Wintzer, Richard: „M enschen von andere m Schlag e". Ein Buch für Kämpfer und Freie. 2 Bände. 380, 408 S. Leipzig, O. Wigand 1913. Geb. 12 Mark. Kein eigentlich unterhaltendes Buch, es ist eine zeitgenössische Autobiographie in Romanform. Als Hauptperson tritt auf der Landprediger Prudentior Stark, stark in der Selbsterkenntnis, abhold allen Vergnügungen, stets bereit, seine tiefernsten, aber äußerst herb sittlichen Anschauungen ins Leben zu übersetzen. Selbst die Ehe erscheint diesem neuzeitlichen Aszeten eine Verirrung. Trotz alledem überragt bei dem alten Stark die verstandesmäßige Richtung. Schon frühzeitig hat er mit der überkommenen Religiosität und Kirchlichkeit g-brvchen, aber ohne dagegen schroff zu kämpfen, sie vielmehr als Sinnbilder der alten und als Ueberleitung zur neuen Religion be-! trachtend. Unentwegt steht der Prediger im Dienst der Volksaufklärung und erweist sich auch in leiblichen Nöten als treuer Helfer der Bauern. Sein Freimut, sein Mangel an Klugheit nötigen ihn zur Amtsniederlegung. Aeußerer Mittel entblößt, will nun der starre Idealist durch die Feder für die große Öffentlichkeit wirken, stirbt aber bald darauf. Reinhard, des Landpredigers Sohn, wird ein Jünger der bildenden Kunst und ist auch der Musik nicht fremd. Er geht ganz auf in den künstlerischen Idealen, ist von tiefem Schmerz über die Entweihung der Kunst um des schnöden Mammons willen erfüllt. Er ist ernstlich bestrebt, durch sie auf das Landvolk erhebend und veredelnd einzuwirken. Sein großes, der Gemeinde gestiftetes Altarbild ist aber für die einen ein verständnisloser Anblick, und für die anderen ein Aergernis. Mit großer Anschaulichkeit werden die Landschaft und die Art und Weise der Dörfler geschildert. Benjamin Nord, der philosophische, kunstsinnige Gutsbesitzer und spätere Gemahl von Starks Tochter, erkennt, durch eigenes Leid gereift, den Wert 'einer starken ungebrochenen Menschlichkeit für eine befreiende Kunst. Frühzeitig der Selbstzucht entwöhnt, ist es seine Wonne, allezeit Trost und Hilfe im Unglück zu spenden. Wie eine Wunderblume erscheint Veronika Stahl, die spätere Gattin Reinhard Starks. Ihre knospenhaste, erst allmählich zum vollen Verständnis ihres Frauenberufs erwachende Jungfräulichkeit weiß der Verfasser lieblich zu schildern. Um so mehr befremdet, daß au einer Stelle von dem Grundsatz „dem Reinen ist alles rein" etwas reichlich Gebrauch gemacht wird. Das Buch verdient gelesen zu werden — aber langsam — es ist ein beachtenswerter Versuch zur Lösung von Fragen der Religion, Kunst- und Erziehungsfragen. E. S. * — Juli >u s Bachem. „Erinnerungen eines alten Publizisten und Politikers". 65 S. Köln, I. P. Bachem 1912.