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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-12-19 · Heft 51 (19.12.1913) · p. Seite 612

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 51 (19.12.1913)
Date
1913-12-19
Page
Seite 612 (sequence 12)
Language
German
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so übermodern; ein Zusammenkommen dieser Menschen, u. a. eines Pastors, ferner eines ehemaligen Viktualienhändlers und verschiedener junger Künstler so wenig begreiflich, daß man aus deur Köpfschütteln nicht herauskommt. Der eigentliche Gegenstand -des Buches ist das bewußte Verschwinden aus dem Leben zweier ältlicher Menschen: des Herrn Gerson Vantee, des Sohnes eines Wucherers, der ehemals Sozialist, nun ein kleines Kapital seines Väters, ohne Zinsen davon zu nehmen, in zehn Jahren verbraucht, und seiner Ehefrau Elfriede, der Tochter eines höheren Militärs, die, bevor sie den älteren Nachbarn heiratet, genau weiß, daß sie nur noch zehn Jahre.zu leben hat. Ueber die psychologischen Schwierigkeiten, die schwere Frage der Berechtigung und Nichtberechtigung des Selbstmordes soll hier nicht gehandelt werden;'nur soviel mag gesagt sein, daß das Buch, wenn man die Prämissen zugibt, höchst folgerichtig aufgebaut ist. Wenn ich das Buch, das ja der allgemeinen Literatur angehört, an dieser Stelle anzeige, so glaube ich dazu durch einige Stellen S. 100, 148, 205, 206 berechtigt zu sein; denn dieser Gerson ist durch seinen Vater jüdischen Ursprungs, und eine Stelle kommt vor, in der der Verfasser den unvereinbaren Gegensatz des Juden und des Ariers anzudeuten scheint. Schließlich finden sich, wie schon angedeutet, die beiden zehn Jahr geeinten Personen zu gemeinsamem Tod, der freilich nur diskret angedeutet wird. Wie gesagt: ein Buch, das trotz seiner Seltsamkeit und vielleicht Gesuchtheit zum Denken anregt. L. G. . * ■ — Lilly Rosne r, die jüdische Haup tm a n n s fr a u. Novelle von Bruno Gerl ach. München, Verlag: Vereinigte Kunstanstalten A. G. Daß das Papier geduldig sei, wußte ich längst, aber solche Geduld, wie das Papier dieses Buches äusgeübt hat, hätte ich kaum für möglich gehalten. Ein junges jüdisches, natürlich hübsches und vermögendes Mädchen will durchaus einen Hauptmann heiraten, setzt diesen Plan durch trotz des Widerstandes der Ihrigen und trotz der Abreden der Vorgesetzten dös Hauptmanns. Sie wird seine Frau, nachdem auch der Kaiser zugestimmt hat,, der sogar an Stelle des Pastors, welch letzterer infolge der Anwesenheit des Kaisers sehr' verlegen ist, eine zehn Seiten füllende Rede gehalten hat. Von dem blühenden Unsinn, den törichten Abschweifungen, der Banalität und Trivialität der Verse — denn die ganze Novelle ist in Versen geschrieben, kann man sich keine Vorstellung machen. Man kommt manchmal auf den Gedanken, der Verfasser habe ein humoristisches Epos schreiben wollen, aber man erkennt dann wieder, daß es ihm leider völlig ernst ist. Daß er dabei gelegentlich antisemitische Bemerkungen macht, soll nicht verschwiegen werden, aber das ganze Werk ist nicht etwa nur als judenfeindlich abzuweisen, sondern auch als ein höchst törichtes Machwerk zu bezeichnen. Es istwirklich schade, daß man seine schöne Zeit zum Lesen derartiger Dinge verwenden muß, und es ist wahrhaft betrübend, zu konstatieren, daß ein Gegenstand, der einer ernsten Behandlung wert wäre, mit so völligem Unvermögen behandelt ist. — Sexual - Prvbleme, Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Sexualpolitik. Herausgeber Dr. med. Max Marcuse. I. D. Sauerländers Verlag. Frankfurt a. M. 8. Jahrgang. Oktober 1912. Die genannte Zeitschrift verdient an dieser Stelle eine Erwähnung, weil das vorliegende Heft einen Aufsatz des Herausgebers Max Marcuse enthält: „Die christlich-jüdische Mischehe". Es ist eine recht umfängliche Studie, die fast 60 Seiten, etwa drei Viertel des vorliegenden Heftes, einnimmt. Der Verfasser logt dar, daß die Zahl der Mischehen in Deutschland sehr groß ist und sich ständig vermehrt. In Preußen ist sie vöü den Jahren 1875 bis 1879, wo sie nur 259 betrug, in den Jahren 1904—1908 auf 3297 gestiegen, also während eines' einzigen Jahres hat sie in dem letztvergangenen Jahrfünft etwa die Zähl von 650 erreicht. Im ganzen Deutschen Reich betrug die Zähl der Mischehen im Jahre 1900 658 und ist gleichfalls' in unaufhörlichem Steigen begriffen, so daß man im Jahre 1908 939 Msch'ehenzählte. Im Jahre 1905 machten die Mischehen bereits 21 Prozent, also mehr als ein Fünftel der rein jüdischen Ehen aus. Noch beträchtlicher ist die Zahl solcher Mischehen in einigen anderen Ländern Europas. In Kopenhagen betrugen sie zum Beispiel 96,5 Prozent. Sehr merkwürdig, ja höchst betrüblich, ist die Angabe des Verfassers, daß auch die Zahl der unehelichen Geburten bei den Juden außerordentlich zunimmt; von 100 jüdischen Geburten waren im Jahre 1900 unehelich 3,4, im Jahre 1907 4,2 Prozent, während bei den Christen die Zahl der Unehelichen siel,-steigt sie bei den Juden. Ich bin nicht in der Lage, die Richtigkeit aller dieser Angaben nachzuprüfen, muß daher die Verantwortung dafür dem Verfasser-überlassen. Zu den wichtigsten Ausführungen des Verfassers gehört die, daß diese christlich-jüdischen Mischehen eine geringe Fruch'tbarkeitsziffer darstellen. Als Gründe dafür gibt der Verfasser an: 1. Die christlich-jüdische Ehe ist vor' allem eine Großstadterscheinung. 2. Sie ist in der Regel eine Spätehe. 3. Sie ist fast ausschließlich eine Erscheinung der höheren sozialen und intellektuellen Schichten. 4. Sie ist im allgemeinen eine noch junge Erscheinung, so daß ganz bestimmte Folgerungen sich noch nicht ziehen lassen. Trotzdem sieht der Verfasser in diesen Mischehen die einzige Lösung der Judenfrage, denn er hält die von Teilhaber gegebene. Theorie von dem Untergang der deutschen Juden für eine «mit' unzweifelhaften'Tatsachen und überzeugten Gründen belegte" und bekennt daher am Schluß: „es wird zur positiven Lösung der Judenfrage kein anderes Mittel vorhanden sein". Gegen statistische Aufstellung kann man nur mit dem gleichen Material antworten, und dazu bin ich, wie schon angedeutet, nicht in der Lage. Zu den Folgerungen des Verfassers aber muß ich doch bescheidentlich ein recht entschiedenes Fragezeichen setzen. , L. G. * — Deuts ch e s S t u d e n t e n b u ch 1913. Im Aufträge des Akademisch-Literarischen Vereins Berlin herausgegebeu von Dr. Edgar Groß und Georg J.Plotke. Leipzig. Verlag von K. F. Koehler 1913. 3.50 Mark, in ganz Pergament gebunden 6.50 Mark. Der eine der genannten Herausgeber ist unseren Lesern durch manchen schätzenswerten Beitrag bekannt. Dem vorliegenden Buche hat er nur drei stimmungsvolle Gedichte beigesteuert; der zweite, der bisher hauptsächlich auf dem Gebiete der Theatergeschichte tätig war, ist in dem Buche durch die Schlußszene eines Dramas vertreten, das in kraftvoller Weise Sozial- und Familienkonflikte behandelt. Das Buch' selbst ist nicht etwa ein jüdisches Buch, sondern ein allgemeines Studentenbuch, das auf Grund einer Aufforderung des Akademisch- Literarischen Vereins erschienen ist. Es enthält in seinem ersten Teile Dichtungen der verschiedensten Art, in dem fast ausschließlich christliche junge Leute zu Worte kommen, in seinem ersteren, nmfangreicheren Teile Aufsätze über Studentenwesen und über Geschichte des Studententums. Auf diese Arbeiten allgemeineren Inhalts einzugehen, ist natürlich nicht Aufgabe dieser Blätter; erwähnenswert sind nur zwei Aufsätze, der eine von Richard Cahen-Lehmann: Nationalismus und Internationa lismus, der andere, noch mehr unseren Zwecken nahestehende von Bruno Feilchenfeld: Die Entwicklung des Antisemitismus in. der deutschen Studentenschaft und seine Einwirkung auf die jüdischen Studenten. Der Aufsatz, der die Ausschließung der Juden aus Lands- "'mannschaften und Burschenschaften, die Begründung jüdischer Studentenvereine behandelt, ist klar und mutig geschrieben und gibt von den allerdings meist recht traurigen Zuständen ein lebhaftes Bild.' — Der Buddhismus und das Christentum. Von P. Bernstein, ehemaliger jüdischer Theologe. Gewidmet dem evangelischen .Oberkirchenrat in Berlin. 1911. Kommissionsverlag Karl Deutschste, Göppingen. Die uns zugesandte Broschüre hat infolge ihres Titels und eines Satzes in dem kurzem Vorwort unser Interesse erregt. In diesem liest man nämlich folgenden etwas geheimnisvollen Satz: „Da die trostlose Daseinsweise, die mir der aus lauter Nächstenliebe die sogenanme Judeumission fördernde evangelische Oberkirchenrat in Berlin vergönnt hat, mich aus den Gedanken gebracht hat, den das Leben als leidvoll anfchauenden Buddhismus und fein Heilsideal zu., studieren, so kann ich es nur als eine Pflicht der Dankbarkeit erachten, vorliegende Broschüre dieser Behörde zu widmen." Nach der Lektüre sind wir indes nicht klüger geworden. Wir wissen nach wie vor nicht, warum der Verfasser sich seinen Lesern als „ehemaliger jüdischer Theologe" vorstellt. Ebensowenig erfahren wir, wofür er dem Oberkirchmrat Dank schuldet. Wir sind freilich gar nicht neugierig, dies zu erfahren. Wozu aber hat der Verfasser -unsere Neugierde wach gerufen, wenn er sie nicht befriedigen wollte?! Ueber den Inhalt des . Vortrages zu referieren, liegt kein Grund vor, da unsere Zeitung nicht das geeignete Organ dafür ist. Wir können nur den Empfang der Broschüre bescheinigen, was hiermit geschehen ist. G. K.

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