Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- Seite 611 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229121--70021-3282354- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
611 Bis man sie nahm mit lautem Kriegsgeschrei? Sagt! War da nicht ein Sabbat auch dabei? Hananja: Das sind doch längst vergangene Geschichten. Jonathan (achselzuckend)-, 's steht in der Schrift! Wollt Ihr es mir nicht schlichten? Juda: Ach, laßt es recht sein, oder auch verkehrt! (zu allen): Ich bitt' euch, kümmert euch um euer Schwert! Ich weiß, nur eins, was mir die Seele kündet, Kann euch nur sagen, was mein Herz empfindet: Es gibt nicht Sabbat mehr und Feiertage, Nicht Ruhe mehr, nur Kampf und laute Klage, So lang' der Feind das Heiligtum entweiht Und meines Vaters Blut nach Sühne schreit. So lang' das Vaterland in Druck und Not> Kann eins uns mir beruhigen — der Tod. Aus diesem Grunde sind wir hier vereint Bote: Juda, der Feind! Der Feind ist da, der Feind! Juda: Hinaus zum Kampf, zum heil'gen Glaubensstreit! - Wer folget mir? Wer ist f ü r Gott bereit? — Und mag auch keiner mir zur Seite stehn, Will kämpfen ich allein und untergehn! Er stürzt hinaus nnd stößt Hananja zur Seite, der halb fällt. Die Rollen fliegen dabei nach allen Seiten. Alles eilt znm Waffenhausen und stürmt Juda mit gezücktem Schwerte nach. Laute Ruse: „Hierher", „vorwärts", „schnell". Draußen großer Tumult. (Vorhang.) Lelrkrüchtr. 1. In der „Allgemeinen deutschen Bibliothek" 1787, Bd. 81, Stück 2, Seite 708 ff. wird angezeigt „Gebete der hochdeutschen und polnischen Jaden, aus dem Hebräischen übersetzt und mit Anmerkungell begleitet von I. A. Euchel, Königsberg 1786, 478 Seiten". In dieser Besprechung kommt der merkwürdige Saß vor: „Inzwischen ist er nicht der Erste, welcher an eine solche Uebersetzung sich machte; schon Mardachai Venture hat von den Gebeten der Portugiesischen Juden eine französische Uebersetzung geliefert, und in Berlin ist eine mit hebräischen Lettern gedruckte vor einiger Zeit ans Licht getreten." Der Verfasser der Rezension ist mit I. K. bezeichnet. 2. M. G. Saphir ist, obgleich er ein geborener Jude war, in unseren Kreisen liicht besonders beliebt, teils, weil er manches Anstößige tat und schrieb, teils weil er dem Judentume -untreu wurde. Doch soll es ihm als Verdienst angerechnet werden, daß er seinem „Berliner Courier", Nr. 780, 10. September 1829, eine vierseitige Beilage hinzufügte, die ausschließlich M v s e s M e n d e l s s v h n gewidmet ist. Der Inhalt dieser Beilage besteht in einem Prosaartikel unter dem Titel „Festhuldignng", in welchem L. L r. (= Liber, nämlich Ludwig Lesser, der bekannte Schriftsteller und Dichter, langjähriger Sekretär der Gesellschaft der Freunde) die Verdienste Mendelssohns um Aufklärung und deutsche Literatur hervorhob. Am Schluß des der festlichen Veranlassung wohl entsprechenden Artikels wird von dem Plane gesprochen, zu Ehren ,des Tages eine „Mendelssohnsche Waisenerziehnngsanstalt" zu begründen, es wird ferner zu Beiträgen für dies Unternehmen aufgefordert. Außer dein Festartikel enthält die Nummer ein Gedicht „Dem Unsterblichen geweiht" von Dr. S.. (vielleicht Sobernheim, dessen Namen man in manchen damaligen Zeitschriften begegnet). Das Gedicht verrät gute Gesinnung, Zeichnet sich freilich nicht durch besonders schöne Verse aus. Mendelssohn wird darin als „Weiser, Volkstumbesörderer und Deutscher" gefeiert. Der Schluß des Gedichtes lautet: „Möge sein Beispiel uns lehren, so brüderlich als er zu leben, — Denn nur die Liebe allein führet den Menschen zu Gott." In Nr. 784 desselben Blattes, am 14. September, handelt ein kleiner Artikel über die Mendclssohnfeier der Gesellschaft der Freunde. Die Feier bestand in Reden von I. M. Jost und L. Zunz und einem Festessen, an dem etwa 160 Personen teilnahmen. Bei diesem Festessen wurden, wie in unserem Artikel berichtet wird, fünf Toaste gehalten, deren einer dem Könige, der andere Lazarus Bendavid, ein dritter dem Geiste Mendelssohns galt. Nach jedem Toaste würde ein Lied von M. Lehmann gesungen. Diese beiden Aufsätze des „Berliner Courier" sind um so mehr anzuevkennen, als das Blatt: sonst fast ausschließlich mit Theaterberichten, humoristischen Prosaaufsätzen und scherzhafter: Gedichten angefüllt ist. Das offene Auftreten für Mendelssohn, das Bekennen der Zugehörigkeit zum Judentum, macht Saphir alle Ehre. L. G. Literarische Mitteilungen. — Eine u n g e k a n n t e Welt. Zweiter Band: Zwischen Rhein and Wolga. Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben von Judäus. Verlag von Sänger und Friedberg, Frankfurt a. M. 5678. Preis 2.50 Mark und gebunden 3.60 Mark. Als ich auf dem Titel dieses Buches die Zahl 5673 sah, während ich doch weiß, daß wir im Jahre 1913 leben, fürchtete ich, ein Produkt vor mir zu haben, das auch inhaltlich etwas urweltlich anmuten müßte. Doch wurde ich durch die Lektüre einiger Skizzen — denn das Ganze habe ich nicht durchnehmen können — angenehm enttäuscht, obgleich ja die Sitten und Zustände, von denen hier die Rede ist, wirklich in eine ungekannte Welt führen; denn was hier berichtet wird, talmudische Unterhaltungen, spitzfindige Bibelerklärungen, sind Dinge, die den meisten von uns wirklich unbekannt sind. Von größerem Geschichten enthält das vorliegende Werk folgende vier: „Der Findling", „Kreuz-Bauer", „Eine vereitelte Hochzeit", „Das Minchagebet". Die drei kleinen Geschichten, die ich gelesen habe, sind recht anmutig. Die eine, „Wie Rabbi Israel Salant zu einer Uhr kam", führt uns in die Disputation Zweier Gelehrten, eines reichen und eines armen; der arme will von dem reichen, trotz dessen vielfachen Angebots, keine Uhr annehmen, empfängt aber eine solche vielbegehrte aus den: Nachlaß eines Verstorbenen mit Freuden. Dieser harmlosen Geschichte steht in der Novelle „Der grüne Heinrich" eine Satire entgegen. Ein jüdischer Knabe, der den Vornamen. Herz führt, nennt sich einem christlichen Trödler gegenüber mit Verschweigung seines richtigen Namens Heinrich, wird dafür von seinem Bater gezüchtigt und. behält sein Leben lang den Spottnamen der grüne Heinrich, der ihn gewissermaßen an seine Verleugnung des väterlichen Glaubens erinnern soll. Ich möchte doch meinen, daß in dieser Tendenz ein etwas zu starker Zelotismus steckt, denn so schön' es auch ist, seinen jüdischen Namen zu wahren, so hat man doch nicht nötig, einem Knaben die Verschweigung seines hebräischen Namens als ein Verbrechen anzurechnen. Auch mit der Art einer anderen Geschichte „Ein Sabbatengel in Uniform" kann ich nach nicht recht befreunden. Sie ist in ganz bestimmter Tendenz geschrieben, nämlich in der, die Sabbatheiligung zu empfehlen. Zwei jüdische Händler erhalten von der Züricher Behörde einen sonst nicht für Geschäftszwecke bestimmten Raum, in dem sie ihre Waren preiswerter als die christlichen Händler des Ortes verkaufen und haben infolgedessen großen Zuspruch. Trotzdem wollen sie als fromme Juden beim Eintritt des Sabbat ihr Geschäft schließen, vermögen aber ungeachtet aller Anstrengung das kauflustige Publikum nicht herauszudrängen. Da erscheint ihnen als rettender Engel ein Polizist, der infolge des Drängens der Konkurrenz voll der Behörde abgeschickt, das Publikum vertreibt. Ganz abgesehen davon, daß die Geschichte höchst llnwahrscheinlich ist, denn die Behörde wird, wenil sie einmal die Erlaubnis gegeben hat, sich nicht so schnell voll ihren: Entschlüsse zurückbringen lassen, erscheint mir die Erzählung in ihrer Tendenz verfehlt. Ist es den jüdischen Händlern ernst mit ihrer Sabbatheiligung, so müssen sie trotz der Schädigung, die ihneil zuteil wird, Mittel finden, das Publikum zu elltfernen. Sie hätten ja einfach Zettel ankleben können, aus denen die Schließung des Geschäftes verkündet wird, oder trotz des Andrängens des Publikums sich einfach ablehnend zeigen könnell. Eine Sabbatheiligung, die durch die Polizei ermöglicht ist, die ihre Autorität geltend macht, nicht etlva, un: den-Sabbat zu erzwingen, sondern um den Konkurrenten genug zu tlln, darf doch als eine fromme Handlung ilicht in Anspruch genoinmell werden. Das ist ja das Schlimme an diesen Werken, daß sie Wert und Bedeutung des Judentums nicht in seinen großartigen Lehren, sondern bloß in seinen Gebräuchen finden, und daß sie damit ein Ideal preisen, das von verhältnismäßig wenigen noch lvirklich als ein Ideal angesehen wird. Aber dem Verfasser ist es mit seiner Ueberzcugung ernst, und die Art und Weise, wie er seine Geschichten vorträgt, wird wenigstens teilweise auch von solchen goutiert, die nicht auf seinem Standpunkte stehen. L- G* *■ ---Onkel u n d Tante V a n t e e. Roman von Georg Hirschseld. Berlin, Verlag von Gebr. Paetel, Dr. G. Paetel. Ein ernstes, reifes Buch, freilich mit vieler: Seltsamkeiten gespickt, denn die darin vorkommenden Menschen sind so unmodern und zugleich