Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- Seite 608 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Rechtsanwalt Generalvollmacht erteilen, um alle meine juristischen Angelegenheiten zu erlediget, und dann gehe ich zu der Schwester meines Vaters, die in New Pork als Witwe lebt." /. ' / - , ' .„So werden wir uns nicht Wiedersehen, Miß Smith?" „O, doch, morgen,, mein gestrenger Herr Richter," sagte sie scherzend, „in Ihrem ' hochnotpeinlichen Amtszimmer Lei der Testamen'tseröffnung."' „Und übermorgen sind Sie in der Residenz, und in acht Tagen trennt uns schon das Weltmeer." „Wenn Sie gern schreiben, können wir korrespondieren; ich beantworte jeden Brief umgehend; es ist dies eine meiner wenigen besseren Eigenschaften." „Als wenn Sie andere als die besten haben könnten." „Glauben Sie das nicht; ich kann heftig sein; ich glaube, das ist auch ein Erbteil meiner orientalischen Abstammung." „Die Heftigkeit ist kein Alleingut der Juden; darin tut's ihnen der Germane mindestens gleich, der nicht umsonst von seinen Berserkern zu erzählen weiß." „Und ich kann auch keinen Menschen mit niedriger Gesinnung ertragen, wie diesen Hildebrand." „Das ist doch nur ein Zeichen Ihrer vornehmen Gesinnung." „Vornehm? Auf dies Epitheton verzichte ich gern. Ich rühme mich nur, eine freie Bürgerin der großen Republik zu sein. Aber freilich. Sie, der als Edelmann geboren sind. Sie werden das nicht verstehen." „Noch gestern vielleicht nicht; heute begreife ich es nur zu gut," sagte der Kreisrichter mit einem schmerzlichen Zucken seiner Lippen.- „Lassen Sie mich Ihnen es mitteilen, was ich heute morgen erst in Erfahrung gebracht habe; ich bin kein Edelmann von Geburt, bin es nur durch Adoption." Der Brief des Justizrats, den er im fröhlichen Geplauder mit dem reizenden Mädchen ganz vergessen, trat ihm in die Erinnerung. Es wurde ihm wieder, wie am Vormittag dunkel vor den Augen, der Boden begann ihm unter den Füßen zu schwanken, er erblaßte und sank ohnmächtig vom Stuhle halb herunter. Miß Margrit war aufgesprungen und umfaßte ihn schnell, um den Fall zu hindern. Er öffnete nach einigen Minuten die Augen. „O, es ist nichts, teure Freundin", flüsterte er, indem er sich mit aller Mühe aufzurichten strebte, „es ist nichts." ' Aber die Schwäche wollte nicht ganz von ihm weichen, und er blieb an Schulter und Brust des ihm umfangenden Mädchen gelehnt,, deren Hand leise ihm über Haupt und Stirn strich. „Margarethe, süße Margarethe," flüsterte er, und zog ihre weiße Hand an seinen Mund und bedeckte sie mit heißen Küssen. In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen, Ulrike Müller erschien auf der Schwalle und stürzte wie eine Furie in das Zimmer. Höhnisch lachend deklamierte'sie: „Ich hab's gesehn, ich häb's gesehn; „Um euren Ruf ist es geschehen: „Der Erzantisemit, er küßt „Sie, die des Juden Enkel ist." Und höhnisch lachend stürmte sie hinaus. Neunzehntes Kapitel. Die Test am ents er Öffnung. Im Gerichtsgebäude war reges Leben. Der Kreisrichter war schon um 8 Uhr dort erschienen, obschon erst um 9 Uhr die Termine begannen. Er sah noch etwas blaß aus, aber er fühlte sich arbeitsfreudig. Die neu eingelaufenen Aktenstücke wurden mit großer Gewandtheit abdekretiert; nicht umsonst hatte er an dem Gericht, dem er früher als Hilfsrichter über-, wiesen gewesen und bei dem die Restenzettel sich bedenklich gehäuft hatten, durch sein schnelles Abarbeiten den Beinamen des Restkommissärs erhalten. Um 9 Uhr begannen die Audienzen. Auf Requisition des Nachbargerichts stand in einem Jnterventionsprozeß eine Zeugenvernehmung an. „Rufen Sie auf," befahl er dem Gerichtsdiener. > „In Suchen Scheftel wider Hofmann, der Zeuge Pinkus Walfisch." Ein kleiner weißbärtiger Mann meldete sich. „Sie heißen?" „Ich heiße. Pinkus Walfisch; aber wir kennen uns doch, Herr Gerichtsrat, ich habe Sie ja mit den anderen Chewreleuten im Wald aufgehoben." Langsam nur rückte die Vernehmung Walfischs weiter. Es lag offenbar eine Verwechslung vor, der Zeuge kannte die Parteien gar nicht; der Kläger hatte jedenfalls den Namensvetter des Zeugen in der Kreisstadt gemeint. Endlich war die Vernehmung beendet und auch der Eid geleistet; nicht ohne langes Sträuben des Zeugen, der, weil er doch von der Sache gar nichts wußte, gar nicht schwören zu müssen glaubte, und erst mit den Folgen der Verweigerung des Zeugeneids wiederholt bedroht werden mußte. „Merkwürdig," wandte der Kreisrichter nach der Entlassung des Zeugen sich an den Sekretär, „daß der Mann so eidesscheu ist; er hat ja unzweifelhaft die volle Wahrheit gesagt." „Ja," entgegnete der Aktuar, „man hat bei den alten frommen Juden immer die gleiche Mühe, sie zum Schwören zu bringen. Und wenn zwei Juden miteinander prozessieren, werden die Parteieide säst nie geleistet. Sie verlieren lieber den Prozeß, als daß sie schwören." „Seltsam, man behauptet doch so oft, daß die Juden es mit dem Eide weniger streng nehmen." „Hier in Mondenstein wenigstens," sagte der alte Fiedler, „habe ich diese Erfahrung nicht gemacht/und Meineide kämen leider oft genug auch bei den Christen vor." Aus den Anfrus in Sachen Goldenberg u. Co. wider Jäschke meldete sich sür die klägerische Firma als deren alleiniger Inhaber der Kaufmann Jakob Goldenberg; der verklagte Tischlermeister Friedrich Jäschke war auch erschienen. Der Kreisrichter legte ihm einen Wechsel von über 150 Mark vor und fragte ihn, ob er den Namen Jäschke selbst geschrieben habe. „Ja, das ist meine Unterschrift." „Wenn Sie's geschrieben haben, so müssen Sie's eben auch bezahlen; oder haben Sie etwas einzuwenden?" Der Tischlermeister kratzte sich hinter dem Ohr. „Ich habe für Tischlerarbeiten noch 100 Mark zu bekommen; die will ich abziehen und nur 50 Mark bezahlen." „Haben Sie diese Arbeiten für Goldenberg u. Co. angesertigt?" '; ' „Nein, aber für Joseph Mendel, und dem habe ich ja auch den Wechsel gegeben." „So müssen Sie gegen Joseph Mendel wegen der 100 Mark im gewöhnlichen Prozeß klagen; da die Firma Goldenberg u. Co. Ihnen nichts schuldig ist und den Wechsel formell richtig erworben hat, so braucht sie sich Ihre Gegenforderung an Mendel nicht abziehen zu lassen. In Wechselsachen geht das nicht an." Jakob Goldenberg nickte beifällig mit dem Kopfe. : „Aber Herr Kreisrichter," klagte der Tischler, „woher soll ich die 100 Mark nehmen, wenn Sie mich zu 150 verurteilen? Wenn der Exekutor morgen zu mrr kommt, mutz er mich pfänden, und dann Lin . ich vollkommen ruiniert." „Ja, warum unterschreiben Sie auch Wechsel? Davon sollten Sie doch Ihre Hand lassen."