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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-12-19 · Heft 51 (19.12.1913) · p. Seite 607

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 51 (19.12.1913)
Date
1913-12-19
Page
Seite 607 (sequence 7)
Language
German
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607 ihn verwünschen und bereit sind, ihm alles-Böse anzutun; blutdürstige Christenseinde, die ohne Rücksicht darauf, daß sie mit' ihren Worten die schwerste Gefahr laufen, ihrem Ingrimm den lautesten Ausdruck verleihen. Den Juden gegenüber stehen die Christen, zunächst der rohe Pöbel, der, entweder von Glaubenshaß getrieben oder in der Hoffnung, seine Schulden los zu werden und Beute zu erlangen, die Juden als willkommenes Objekt seiner Gier betrachtet, sodann eifervolle Pfaffen, die nicht bloß aus Haß gegen den Bischof, den sie nicht als ihren Oberherrn anerkennen wollen, selbständig handeln, den Haß der rohen Menge nähren, wenn sie ihn nicht geradezu erregen. Ihnen gegenüber der milde Bischof, der nicht aus gewinnsüchtigen Absichten,, sondern aus wirklicher Nächstenliebe die Juden zu schützen sucht. Endlich der Rat. Einige der Stadtväter sind mit dem Arzt Nasson befreundet, andere sehen in dem Juden ein nützliches Steuerobjekt, das man möglichst unverletzt lassen muß; wieder andere glauben teils aus Haß gegen den Bischof, den Judengönner oder wider den geistlichen Fürsten, der die städtischen Freiheiten verletzen könnte, den Feldzug gegen die ihrer Meinung nach Ungläubigen führen zu müssen. Ist in der Zeichnung aller dieser Personen der Historiker wirksam, so tritt in der Darstellung des Arztes Nasson und seiner Geliebten Bellet das psychologische Moment hervor. Man braucht mit dem Verfasser nicht weiter darüber zu rechten, daß diese beiden Namen recht willkürlich gewählt sind und schwerlich wirklich vorkommende jüdische Namen sind. Einen berechtigteren Vorwurf muß man ihm aber daraus machen, daß beide Charaktere nicht genugsam psychologisch begründet sind. Der der Frau geht wohl noch an. Daß ein jüdisches Mädchen bereit ist, Eltern und Glaubensgenossen zu verlassen und dem Mann seiner Wahl zu folgen, war vielleicht im 14. Jahrhundert selten, aber immerhin möglich. (Der reinen Bellet steht die lüsterne Miriam gegenüber, die, während Bellet einen Patrizier, der nach ihrer Liebe strebt, aus Keuschheit, nicht bloß, weil sie verlobt ist, zurückweist, ihrerseits den Zuslüsterungen eines anderen Patriziersohnes nur zu leicht Gehör schenkt). Aber der Charakter des Arztes ist nicht richtig erfaßt. Wohl ist es denkbar, wenn auch nicht übermäßig häufig, daß ein Jude im 14. Jahrhundert das Christentum annimmt, ungezwungen, nur von dem Wunsche getrieben, der Menschheit zu Helsen; in diesem Falle besonders denkbar, weil von Nasson angenommen wird, daß er innerlich dem jüdischen Glauben niemals besonders nahe stand. Auch ist es wohl begreiflich, daß dieser Arzttrotz seiner Annahme des christlichen Glaubens, nicht zum Verächter der Juden wird. Aber dasist ebensowenig begreiflich wie dichterisch motiviert, daß er hin und her schwankt, sich vom Judentum losgelöst hat und doch innerlich kein Christ wird, die Gemeinschaft der Juden meidet und doch alles, tut, um bei den Machthabern schwere Schicksale von seinen ehemaligen Glaubensgenossen abzuwenden, daß er diese durch Mittelsleute zu bestimmen suchte, eine finanzielle Bedrückung ihrer Schuldner aufzuschieben, ja sogar zu ihnen schleicht, in einer Verkleidung, die ihn bei Christen und Juden in gleiche Gefahr bringt, um sie im Moment der höchsten Not zur Flucht zu mahnen. . Diese Mischung von Lauheit, Philosophie, Menschenliebe und einer unzerstörbaren Anhänglichkeit an die frühere Gemeinschaft ist kaum möglich und wenn möglich, dichterisch nicht ausreichend begründet. Das Stück endet tragisch. Bellet, die zu Nasson hält, ja sogar bereit ist, auch ihrerseits den väterlichen Glauben auszugeben, wird von einem jüdischen Fanatiker getötet. Nasson bricht an der Leiche zusammen. Von dem Nachspiel, in dem schließlich der Held des Stückes dem Feuer preisgegeben wird, will ich nicht reden: es ist höchst unnütz und gekünstelt. Aber das Drama selbst, obwohl es durchaus frei von jedem antisemitischen Gedanken ist, kann ich als Kritiker nicht unbedingt loben. Drr Untilemit. Roman von Ernst Theodor Justi. XXV. Unangenehme Visage," bemerkte Felseck, als sie allein waren. — „Die Visage lasse ich noch passieren," sagte Miß Smith, „aber ein erbärmlicher Charakter." „Der Mensch hat Sie doch nicht etwa beleidigt, mein Früusein? Er sah Sie während unserer Unterhaltung und beim Weggehen so eigentümlich an." „Mich, bewahre, aber können Sie sich etwas Erbärmlicheres denken, als jemanden, der seine eigene Sippe schmäht? Spricht dieser Mensch, dessen jüdische Abstammung doch außer jeden Zweifel ist, in den ersten drei Minuten unserer Unterhaltung von dem elenden Judennest Mondenstein! Glaubt sich bei mir, deren jüdische Abstammung er nicht kennt, dadurch zu introduzieren; bei mir, die ich stolz bin aus die Verwandtschaft mit den heiligen Männern und Frauen, die je auf diesem Planeten gewandelt, ich, die ich stets eingedenk bin des Herrenworts: „Denn das Heil kommt von den Juden." „Vergebung, Miß Smith, auch ich bin durch meine Erziehung zum Antisemiten geworden und habe mich leider am Dienstag hier öffentlich dazu bekannt. Ich sage leider, weil ich seit jener Rede in meinen Anschauungen erschüttert worden bin und schwankend zu werden beginne." „Ja, ich habe von Ihrer Brandrede gehört, Herr Kreisrichter, und auch ich sage leider. Aber Sie kannten eben die Juden nicht selbst, hatten nur von ihren Fehlern gehört, nichr ihre Vorzüge gesehen, ihren Familiensinn, ihr tiefes Gottvertrauen, ihre Mildtätigkeit. Sie sagten soeben selbst, daß Ihre Erziehung die Hauptschuld trage. Und am Dienstag sprachen Sie ja noch aus voller Ueberzeugung." „Sie sind meinem Fehler ein gütiger und bereiter Verteidiger, mein verehrtes Fräulein." „Ja, dem als Christen geborenen und erzogenen Antisemiten grolle ich nicht, wenn ich ihn auch als einen Irrenden und dem Gebot unseres Heilands Zuwiderhandelnden bedaure. Auch den ungebildeten Pöbel verdamme ich nicht, denn es ist leider der großen Masse eine rohe Genu <uuug, immer noch einen unter sich zu wissen, sich über ihn zu erheben. Aber dem übergetretenen Juden und dem Abkömmlinge der Juden vergebe ich es nie und nimmer, wenn er sein eigenes Nest beschmutzt, seiner Väter und Vorfahren geringschätzig gedenkt wie dieser Assessor; wie war doch sein Name?" „Hildebrand. Mich erinnerte er immer in seiner Häßlichkeit an den Doktor Loewisohn." „O, auf den lasse ich nichts kommen. Wären alle Juden wie der, so gebe es keine Judensrage mehr.. Aber das ist eben das Unglück, daß man ganze Stände und Klassen nicht nach ihren guten, sondern nach ihren schlechten Mitgliedern beurteilt." „Nur zu wahr. Aber lassen wir, verehrtes Fäulein, diese leidige Antisemitensrage, über die ich während meiner Krankheit mehr gehört und nachgedacht, als in meinem ganzen vergangenen Leben. Darf ich nicht von Ihnen sprechen? Sie wollen, wie mir der „Adlerwirt" sagt, nach Amerika zurückkehren?" „Zunächst nach Berlin. Sobald das Testament meines sel. Großvaters publiziert ist, will ich in devResidenz einem tüchtigen

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