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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-12-19 · Heft 51 (19.12.1913) · p. Seite 606

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 51 (19.12.1913)
Date
1913-12-19
Page
Seite 606 (sequence 6)
Language
German
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606 Leitung des erwähnten Gesangswerkes betraut. Schon nach einem Jahre legte Naumbourg dem israelitischen Konsistorium einen Teil seiner Arbeit im Manuskript vor. Als Neserent über diese Arbeit fungierte der gefeierte Komponist der „Jüdin", F. Halevh, der den Eifer und das Talent des Bearbeiters mit großer Anerkennung beehrte. Inzwischen, am 7. Januar 1832, starb der erste Kantor der Pariser Gemeinde, Israel Levy (Israel Glogau), der gleich Naumbourg deutsche Bildung besaß und als der erste bedeutende Kantor Frankreichs gilt. Das eben erwähnte Urteil Halevys über die Naumbourgschen Gesänge bewirkte zugleich dessen Anstellung als erster Kantor an der Pariser.Synagoge. Nun konnte Naumbourg seine Gesänge dem Druck übergeben, sie erschienen 1847 unter dem Titel „Semiros Jisroel", die von I. Singer außerordentlich anerkannt werden. Eine große musikalische Tat vollbrachte Naumbourg durch die Veröffentlichung der Gesänge Salomo Rossis aus Mantua. Naumbourg hatte »eselben 1877 in moderne Notation übertragen und in Pm.:tur gesetzt. Bevor Naumbourg an diese schwierige Arbeit heranging, wandte er sich in einem Ausruf an die Oeffentlichkeit. Der Ausruf hatte Erfolg. Baron Eduard v. Rothschild besorgte zwei der fehlenden Hefte aus Venedig und der Mantuaner Rabbiner Marco Mortara die letzten drei aus der Bibliothek zu Bologna. Im Besitze sämtlicher Stimmpartien ging Naumbourg daran, das Ganze nach modernem Notensystem korrekt umzusetzen und das epochemachende Werk durch den Druck zu veröffentlichen. „Der Verfasser hatte," wie wir darüber in literarischen Berichten lesen d, „erstaunliche Mühe und vielen Scharfsinn zu verwenden, um einige Notizen über diesen bedeutenden Musiker und Komponisten zusammenzubringen und den Namen des Vergessenen wieder aufzusrischen." Naumbourg gibt nun die nur nach vielen Forschungen und durch günstige Umstände ermöglichte Liste der Werke Rossis, beginnt mit dem ersten Buche von Kanzonetten zu drei Stimmen, welches 1589 zu Venedig erschien; das zweite Werk erschien 1600. Das wichtigste, originellste, dabei seltenste und am wenigsten bekannte Werk Rossis sind seine; Gesänge aus hebräische Worte, 1620 in Venedig gedruckt. Die Arbeit, diese Musikstücke für den jetzigen Gebrauch umzuschreiben, war eine sehr mühevolle und erforderte die ganze Liebe zur Sache, wie sie Naumbourg besaß. Interessant sind auch die im hebräischen Original und in französischer Uebersetzung mitgeteilte Widmungsschrist Rossis an Moses Sullam und die Empfehlung des R. Leon de Modena. Die Wiedererweckung eines alten regelrechten jüdischen Komponisten durch Naumbourg ist eine sehr bedeutsame Leistung* 2). So konnte Naumbourg aus ein arbeitsreiches Leben zurückblicken. Seine Kompositionen und seine musikwissenschaftlichen Arbeiten haben seinen Namen berühmt gemacht. Im Jahre 1879 wurde Naumbourg mit den Palmen eines Offiziers der Pariser Akademie geehrt. Nicht lange erfreute er sich dieser Auszeichnung. Schon am 1. Mai 1880 schloß er seine Augen. Das ganze Pariser Konsistorium sowie viele Personen der Akademie taten sich zusammen, um dem weltbekannten Komponisten und berühmten Kantor die letzte Ehre zu erweisen. Die Großrabbiner Isidor und Zadok Kahn hielten die Leichenrede. Zum Schluß seien noch die schönen Worte Singers angeführt: „Hätte Naumbourg nichts weiter vollbracht als die eine Tat, der traditionellen Melodie ihr vorenthaltenes Recht wieder eingeräumt zu haben, er hätte genügend gewirkt, um in den Blättern der Synagogengesanggeschichte einen Ehrenplatz einzunehmen. Allein er war nicht bloß -ein genialer Künstler, er *) Zeitung des Judentums, Jahrgang 41, Nr. 15. 2) Das Russische Werk befindet sich in der Bibliothek der Berliner jüdischen Gemeinde. war auch ein edler, moralisch hochstehender Mann, ein echter Priester im Heiligtum des Herrn. Nennt die Geschichte des Synagogengesanges die besten Namen, wird der Name Sani u e l N a u m b o u r g sicherlich auch genannt." SAUheim o. Schals: Der Iüdk arm Lonltsns". Von Ludwig Geiger. 3ch habe vor einiger Zeit von Berufs wegen die dramatische Literatur der letzten 25 Jahre durcharbeiten müssen und war im Grunde erstaunt, wie wenig dabei von den Juden die Rede ist. Denn außer den Dramen von Sudermann: Sturmgenosse Sokrates und Johannes, außer Schnitzlers „Professor Bernhardt" und den von Zionisten herstammenden Dramen gibt es doch kaum eines, in dem die Judenfrage selbst, behandelt wird, und verhältnismäßig wenige, in denen Juden als episodische Figuren Vorkommen. Eine Ausnahme macht das aus dem Titel genannte Trauerspiel. Es spielt im 14. Jahrhundert. Dabei ist zunächst das Erfreuliche zu konstatieren, daß der Verfasser von jedem Versuch einer archaistischen Sprechweise absieht. Ebenso von jedem Jüdeln oder Mauscheln; vielmehr reden die Menschen, ob Christen oder'Juden, wie solche des 20. Jahrhunderts. Ferner ist zu bemerken, daß der Verfasser frei von jeder. Tendenz ist, sowohl von antisemitischer als von philosemitischer. Er sucht einen historischen Stoff darzulegen und dabei ein Psychologisches Problem zu erörtern. Der historische Stoff, bei dem wir als Kritiker wenig danach zu fragen haben, ob die Vorgänge im einzelnen wirklich geschichtlichen Geschehnissen entsprechen, ist die Stellung der Juden in Konstanz. Diese ist merkwürdig dadurch, daß der judenfreundliche. Bischof, der aus Menschlichkeit, vielleicht auch aus Sympathie, für den jüdischen oder aus dem Judentum stammenden Arzt dem Stadtrate gegenübersteht, der, wie die Stadtverwaltungen des; 14. Jahrhunderts überhaupt, nur nach Finanzinteresse handelt', und von diesem bewogen, bald judensreundlich, bald judenfeindlich auftritt. Das erstere, wenn der Rat durch Duldung der Israeliten recht viel-Abgaben von ihnen erhalten konnte, das letztere, wenn die Vertreibung mit vorhergehender Plünderung oder nachträglicher Konfiszierung den Stadtsäckel mehr füllte. ■ In unserem Falle beschützt der Rat eine Zeitlang-die Juden, erwirkt aber zum Teil aus Feindseligkeit gegen den Bischof eine Ermächtigung des Kaisers, gegen die Juden loszugehen, so daß am Ende des Stückes die Juden, die schon zur Flucht bereit waren und sich entschlossen hatten, den Angreifern mit bewaffneter Hand entgegenzutreten, wirklich teils vertrieben, teils getötet, teils gefänglich eingezogen werden. Letzteres ist gewiß auch in Konstanz wie in vielen anderen deutschen Städten während des Mittelalters mehrfach geschehen; dagegen erinnert der Plan der Juden, eine bewaffnete Organisation zu bilden und sich nicht widerstandslos hinschlachten zu lassen, gar zu sehr an moderne Gedanken, an die „Selbstvehren", wie sie sich neuerdings mehrfach in Ruß? land zeigten. Sonst aber darf man die Zeichnung der Juden als eine konsequente und in ihrer Verschiedenheit zugleich als eine historisch wahre bezeichnen. Unter den Juden werden uns verschiedene Typen vorgeführt: einfache Handelsleute, die ausschließlich ihrem Geschäft leben, fromme Männer, die alles dem weisen Ratschlüsse Gottes zuschreiben und, dem Höchsten ergeben, der Zukunft vertrauen; Fanatiker, die einen jeden, der vom Glauben der Väter abweicht, als einen gemeinen Abtrünnigen betrachten. *) Tragödie in vier Auszügen mit einem Nachspiel. München und Leipzig, Georg Müller. 1905.

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