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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-12-12 · Heft 50 (12.12.1913) · p. Seite 600

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 50 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
Seite 600 (sequence 12)
Language
German
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— Berthold Auerbach: Barfüßele. Deiltsche Bibliothek in Berlin. Joseph im S ch n e c. Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte von Berthold Auerbach. Mit einer Einleitung, von Dr? Engen Wölbe. Leipzig.- Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. Berthold Auerbachs Werke. Wohlfeile Volksausgabe. Ausgewählt und herausgegeben von Dr. Anton Bettelheim. 15 Teile in vier Ganzleinenbänden 8 Mark. Berthold Auerbachs Schwarzwälder Dorfgeschichten. 10 Teile in drei Originalbänden 6.50 Mark. Mit dem Aufhören der Schutzfrist von Auerbachs Werken mehren sich die Versuche neuer Ausgaben. Die Erzählung „Barfüßele" ist zu bekannt, als daß sie hier noch einmal erzählt zu werden brauchte. R. Fürsts Einleitung ist eine sehr hübsche Gesamtwürdigung des Dichters. Der Verfasser zeigte wie Auerbach wirklich die Probleme innerhalb der Bauernseele suchte, ihre Wohlhäbigkeit, aber auch ihre schlechten Seiten trefflich zu erzählen wußte. Wie er außer den Menschen mit der Natur vertraut war, und sie in schönster Weise zu schildern verstand. Außer den Vorzügen Auerbachschen Wesens werden auch die Schattenseiten seiner Kunst und Technik hervorgehoben; besonders richtig ist der Satz: „Er kann sich nicht genug daran tun, mit den Schätzen seines eigenen Jchs zu wuchern." Recht angemessen wird dann der Wert und die Eigenart des Buches „Barfüßele" hervorgehoben. Gerade eine solche Einführung vermißt man in der Ausgabe von Eugen ■ Wölbe. Mir ist bei erneuter Lektüre des „Joseph im Schnee" der ganze Zauber Auerbachscher Poesie wieder ausgegangen, wenn auch manches Gemachte und. Gesuchte in seinen Konstruktionen zum Bewußtsein konunt: die Geschichte „Joseph im Schnee" ist gewiß eine der besten Auerbachs. Die Zeichnung roher, kraftstrotzender^ auch böser Menschen gegenüber der Einfalt, Natürlichkeit der himmlischen Güte anderer. Viel Humor steckt in einzelnen Figuren, besonders der der Näherin, vortrefflich ist der Pfarrer und seine Frau gezeichnet. Freilich ist auch gar manches recht willkürlich, wie die plötzlich aufkeimende Liebe des Ingenieurs zur verlassenen Braut des Adam Rottmann; auch die Art, wie dieser Adam, ein Riese, sich von seiner bösen Mutter tyrannisieren läßt, ja bereit ist, die von ihr ihm aufgezwungene Braut heimzusühren, widerspricht nicht nur unserem Gefühl von Recht und Liebe, sondern ist auch mit dem Charakter des Dauern schwer zu vereinen. Aber es ist so viel Schönes in Erfindung und Ausführung vorhanden, daß man wohl wünschen möchte, daß die Erzählung sich wieder ihren alten Platz in deutschen, besonders auch in jüdischen Häusern erwerben möchte. Endlich hat-der Biograph Auerbachs, A. Bettelheim, eine größere Ausgabe der Werke erscheinen lassen. Leider keine Gesamtausgabe, sondern nur eine Auswahl, denn es fehlen,, was man vielleicht nicht sehr beklagen wird, drei «große Romane; es fehlen aber vor allem, was man recht schmerzlich empfindet, Auerbachs Briefe. Es liegen zwei Ausgaben vor, eine Gesamtausgabe der Dorfgeschichten und eine Auswahl aus den Werken, die neben diesen Dorfgeschichten die Romane „Auf der Höhe", „Spinoza" und eine Auswahl des „Schatzkästlein des Gevattermanns" bringen. Dieser großen Ausgabe hat Bettelheim eine ausgezeichnete Vorrede vorangeschickt; er hat ferner einzelne Schriften mit Einleitungen versehen. In der Gesamteinleitung gibt er eine trotz ihrer Kürze erschöpfende Biographie, die alles wesentliche des äußeren Lebens Zusammenstellt, die verschlungenen Lebensfäden erörtert und außerdem in ganz ausgezeichneter Weise eine Einführung in die Lektüre der Schriften liefert. Es wärewon Herzen zu wünschen, daß alle diese Ausgaben, besonders die von Bettelheim besorgte, ein Gemeingut des deutschen Volkes würden. Unsere Zeit, die der Auerbachschen Empfindungsweife etwas fernsteht, wird ja nicht mehr jene Begeisterung aufbringen können, die beim ersten Erscheinen der Dorfgeschichten sich geltend machte, aber der gemütvolle patriotische, tief religiöse, geistig selbständige Dichter, der keineswegs nur im Reiche der Phantasie lebte, sondern der die reale Welt kannte und trefflich darzustellen wüßte, tonnte noch heute ein Führer zum Guten und Gesunden werden.^ ' ' * — Die Lichtkrone im Vaterlande. Festpredigt zum 25jährigen Regierungsjubiläum Sr. Majestät -Kaiser Wilhelm II., gehalten im israelitischen Tempel zu Hamburg am 14. Juni 1913 zugunsten einer vaterländischen Stiftung vom Prediger Dr. D. Leimdörfer. Hamburg 1913. j In sehr beredten Worten werden als siebenarmige Lichtkrone, an die das Regierungsjubiläum unseres Kaisers gemahnt, Vaterlandsliebe, Pflichtbewußtsein, Familieninnigkeit, Kulturfortschritt,' Liebe (Nächstenliebe und humanitäre Fürsorge) und Pflicht bezeichnet. Der folgende Satz, dem-dann einzelne leuchtende Beispiele deutsch-patriotischer Gesilumng von Hamburger Juden -angereiht sind, verdient eine Hervorhebung: „Wir sind und bleiben treue Bekenner unserer Jahrtausende alten Religion, aber sind und bleiben auch treu nationalempfindende, nationalgesinnte und nationalwirkende Deutsche, so kernhaft treu und deutsch wie irgendein Bekenner irg-endeiner anderen Religion im deutschen Vaterland." Die beredte Predigt macht -auf den Leser einen trefflichen Eindruck. L. G. Die schönsten Märchen ans Tausendundeiner Nacht. Für die Jugend bearbeitet von Paul Moritz. Mit vier Farbendruckbildern nach Aquarellen von W. Hosfmann. Zehnte Auflage. K. Thienemanns Verlag in Stuttgart. Wir haben schon früher einmal von einer deutschen Ausgabe dieserarabischen Märchen berichtet; hier liegt eine für die Jugend bearbeitete Edition vor, die eigentlich kaum der Empfehlung bedarf, da sie schon in 10. Auflage erschienen ist. Der Druck ist anständig, die Bilder sind nicht übel, die Uebersetzung liest sich gut. L. G. O *= Herma nnHüsfer:L ebenserinner ungen. Herausgegeben von Ernst Sieper. Berlin, G. Reimer 1912. Gr. 8°, VIII, 408 Seiten, geheftet 10 Mark. Hermann Hüsfer (1830—1905) warein Gelehrter und Schriftsteller nicht gewöhnlichen Schlags.. Aus Münster stammend und zeitlebens ein echter Westfale geblieben, in Mundart, Denkweise und Lebensart, ergriff er die Rechtswissenschaft als Lebensberuf. Obwohl auch in diesem Fach Tüchtiges leistend, fühlte er sich mehr von der Geschichte und den Werken der Dichtkunst angezogen. Fast fünfzig Jahre gehörte Hüffer zu den bedeutendsten Lehrern der Bonner Hochschule. Als Geschichtsschreiber und Forscher behandelte er das Zeitalter der französischen Revolution, ein Meister gründlicher Forschung und eines sorgfältig gefeilten, anziehenden Htils. Die Kulturkampfszeit hatte den feinfühligen Gelehrten schmerzlich erregt. Die preußischen „Maigesetze" waren ihm verhaßt, aber auch auf das Programm der Zentrumspartoi wollte der allem Parteileben abholde Mann sich ebensowenig verpflichten- Aus der unleidlichen Gegenwart flüchtete Hüffer in das Reich der Ideale. Nicht nur die deutschen, sondern auch die übrigen germanischen, romanischen und sogar russischen Dichter alter und neuerer Zeit waren ihm in den Meisterwerken und in der Ursprache wohl bekannt — zumal bei seinem staunenswerten Gedächtnis. So entstanden die Aufsätze über Heinrich Heine (1877) 1906 in. erweiterter Auslage — ein bahnbrechendes Werk. Hier gewinnt man. überraschende Aufschlüsse über die Jugendzeit des Dichters. Wie wohl wenige hat Hüffer den so ganz und gar anders gearteten Heine psychologisch zu erfassen gewußi Hüffer wäre der berufene Kommentator von Heines Werken gewesen. Von seinem Charakter heißt es: ^,Jch glaube, die Briese geben den Beweisdaß Heinrich' Heine, der oft mit. Recht, oft mit Unrecht so bitter Getadelte, im innersten Kern seines Wesens nicht allein ein großer Dichter,, sondern auch ein guter Mensch - gewesen ist . . . Man denke sich einmal Heines Schriften aus dem Buche der deutschen Literatur herausgerissen, seinen Einfluß aus dem deutschen Leben entfernt, wer. könnte die aufgelösten Verbindungen wieder anknüpfen, die klaffenden Lücken ausfüllen? Die musikalischen Kompositionen seiner Gedichte belaufen sich, wie ich neulich las, auf mehr als 3000; erst lange nach ihm kommt'Goethe mit der Zahl von. etwa 1700, dann die übrigen Lyriker in weitem Abstande." Hüffers kürzlich wieder neuaufgelegte Lebensbeschreibung der Dichterin Annette von Droste-Hülshoss ist ein Musterwerk köstlicher Art. Mit wieviel bedeutenden Personen im In- und Ausland ist der Bonner Professorein nichts weniger als ausdringlicher Mensch, in nähere Beziehungen, in Freundschaft getreten. Auch umittelbar nach 1870 wurde er iß! seiner hohen Wertschätzung französischen Geistes und französischer Gtz-l selligkeit nicht im geringsten irre. Ebenso war/ Hüffer, unbeschadet! seiner Anhänglichkeit an die katholische Kirche, von konfessioneller Befangenheit gänzlich frei.- Im norddeutschen Reichstag (nach' 1870. per-., zichtet er aus die parlamentarische Tätigkeit) trat er für die Abschaf-: fung des Judeneides ein. Mit. einer Reihe Gelehrter jüdischer Abstammung stand. Hüsfer zeitlebens in freundschaftlichen Beziehungen, u. a. mit M. Bernays, M. Philippsön, I. Rodenberg, L. Geiger. Schade, daß der teure Preis der Verbreitung dieser Denkwürdigkeiten Abbruch tut. Sie bieten gar schöne Anregungen für Lehrer und Ler? nende der Geschichte. ' L. 8.

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