Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- Seite 599 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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599 „Also Sie verstehen mich undverübeln mir meine Bitte nicht." Der Gastwirt seufzte, danrifuhr er fort: „Es ist Mittagszeit. Will der Herr Barori^wieder -auf dem Zimmer dinieren oder unten an der Table <Tböte?" „Nur nicht an der großen Wirtstafel mit den Handlungsreisenden und Konsorten.". „Ich habe heute auch im Honoratiorenzimmer einen kleinen Lisch decken lassen; wir haben zu Tisch noch ein Paar sozusagen vornehme Gäste; dürfte es dem Herrn Baron gefällig sein, mit diesen zu speisen?" „Wer sind denn Ihre vornehmen Gäste? Vielleicht der Herr Landrat?" „Nein, Herr Assessor Dr. Hildebrand, der den Herrn Baron sozusagen vertreten hat, und das englische Fräulein." „Welches englische Fräulein?" „Aus der Tiefenbacher Mühle." „Wie, Miß Smith?" rief der Freiherr überrascht. „Jawohl, sie ist mit ihrer Bedienung soeben per Schlitten eingetroffen. Sie hat morgen sozusagen Termin wegen des Testaments und will dann übermorgennach England zurückkehren. Darf ich für Sie auch ein Kuvert auslegen lassen?" Der Kreisrichter überlegte. „Hm, muß doch wohl den Herrn Kollegen Hildebrand, der mich vorhin vergeblich ausgesucht hat, kennen lernen." „Gut, also zu dreien? Darf ich um baldiges Erscheinen . bitten, da der Herr Assessor schon Punkt Zwei mit der Post abfahren?" „Gut. Muß mir nur den Aktenstaub noch etwas abschütteln; komme im Augenblick." Der Augenblick dauerte doch etwas recht lange; denn der Freiherr verwendete heute ganz besondere Sorgfalt auf seine Toilette, und so waren die beiden ersten Gänge schon abserviert, als er das vom Dienstagsverein ihm wohlbekannte Honoratiorenstübchen betrat. An der Spitze des Tisches saß Miß Smith; das enganliegende schwarze Tuchkleid brachte ihre anmutigen Formen besonders zur Geltung; die Wangen waren -nach der langen Fahrt im Schlitten-vom Winterwind rosig angehaucht; in dem blonden Köpfchen blitzten die schwarzen Augen ihm bei seinem Eintritt freundlich und fast schalkhaft entgegen. Ihr zur Rechten saß der Assessor im tadellosen schwarzen Gehrock; die Lorgnonschnur war wieder kühn über die rechte Ohrmuschel zurückgeschlagen. Hildebrand hatte sich . der Dame, deren Name und Verhältnisse ihm ganz unbekannt . waren, deren Schönheit ihn aber sofort entzückte, als er neben ihr Platz genommen, vorgestellt, auch wiederholt versucht, eine Konversation mit der reizenden Nachbarin in Gang zu bringen. Seine Anfrage, ob gnädiges Fräulein erst heute in Mond enstein eingetroffen, hatte Miß Smith mit einem höflichen „Ja wohl" soeben beantwortet, auch die galante Ueberreichung des Menus, das ihr Auge suchte, mit einem freundlichen „Danke" angenommen. Als er jedoch die landschaftliche Schönheit Mondensteins rühmend hervorgehoben und mit einem „nur schade, daß es so arges Judennest" abgeschlossen, hatte sie achzelzuckend geschwiegen, und alle Bemühungen, das Gespräch wieder aufzunehmen, waren gescheitert. Wodurch hatte er die Schöne gekränkt? Doch nicht durch seine harmlose Bemerkung über das Judennest? Die reizende 'Blondine mit dem pikanten Ausländerakzent war doch osfen- .bar keine Jüdin-. Er hatte ja nur die Differenz markieren 'wollen, die ihn von seinen einstigen Stammesgenossen trennte, er hatte gewissermaßen nur den etwaigen ungünstigen Ein- - Druck seiner Nasenbildung zu paralysieren gestrebt. Und doch in Ungnade gefallen! '-"'- Der Eintritt Felsecks machte dem stummen tote ä tete eist Ende. Er nahm den freien Platz zur Linken des Fräuleins ein. Die Herren verneigten sich, indem sie sich vorstellten. „v. Felseck." „Hildebrand." „Aeußerst bedauert, Ihren Besuch verfehlt zu haben, Herr Kollege." „Ebenfalls äußerst bedauert, Herr Kreisrichter; ich . . ." Aber ehe er den Satz vollenden konnte, hatte sich schon Miß Smith lebhaft an Felseck mit der teilnehmenden Frage gewendet, ob er wieder ganz genesen sei, und bald hatte sie ihn in eine so lebhafte Unterhaltung gezogen, daß der arme Hildebrand vollständig auf dem Jsolierschemel saß und mit Mühe seinen Ingrimm über seine totale Kaltstellung verbiß. Je mehr ihn die schöne Engländerin als Luft betrachtete, je liebenswürdiger sie den Kreisrichter als alten Bekannten behandelte und ihrem Mitgefühl mit seinem Unfall Ausdruck verlieh, um so mehr fühlte David Dagobert alle Flammen der Eifersucht in sich emporschlagen, und er stürzte ein Glas Wein um das andere herunter. Wie? Ihm hatte sie das bißchen Phrase vom Judennest verübelt, und jetzt verkehrte sie aufs herzlichste mit dem stadtbekannten Antisemiten?" Die süße Speise, die als letzter Gang gereicht wurde, schmeckte ihm bitter. Der schnell getrunkene Wein und die plötzlich geweckte Leidenschaft zu dem schönen Weibe, wie er sie nie zuvor in gleichem Maße empfunden, raubte ihm fast jede Ueberlegung. Sollte er den Kreisrichter brüskieren? Ein Duell provozieren? Glücklicherweise wurde dieser Plan durch Schellengeläut und die schmetternden Töne des Posthorns unterbrochen, und Herr Müller erschien im Zimmer, um den Herrn Assessor ergebenst zu benachrichtigen, daß der Postschlitten sozusagen bereits warte. So erhob sich Hildebrand, verabschiedete sich von dem Kreisrichter, der nochmals lebhaft bedauerte, warf einen glühenden Blick auf die Dame, die es gar nicht zu bemerken schien, daß er sich ehrerbietig vor ihr verneigte,und verließ das Zimmer, von Herrn Müller ganz ergebenst hinauskomplimentiert. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Geschichte Europas seit den Verträgen von 1815 bis zum Frankfurter Frieden von 1871. Erster und zweiter Band. (Erste Abteilung. Erster und zweiter Band.) Geschichte Europas von 1815 bis 1830. Bon Alfred Stern. Zweite Auslage. Erster und zweiter Band. Stuttgart und Berlin 1913. I. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger. Von den letzen Bänden dieses ausgezeichneten Werkes, das auf Grund umfassendster Archivstudien und mit souveräner Beherrschung der woitschichtigen Literatur ein prächtiges, objektiv gehaltenes Bild der neuesten Geschichte Europas gibt, ist -in diesen Blättern schon die Rode gewesen. Wir konstatieren mit großer Freude, daß endlich — denn der erste Band war bereits vor etwa 20 Jahren — 1894 — ausgegeben — eine zweite Auslage von Band 1 und 2 erschienen ist. Der Verfasser hat in überaus sorgsamer Weise seine Arbeit durchgesehen, und wenn er auch an den Grundanschnuungen und den meisten Partien nichts Wesentliches zu ändern fand, doch vieles einzelne berichtigt. Derartige Verbesserungen und Zusätze beziehen sich auch ans Stellen, in denen von Juden die Rede ist. Ich hebe Band 1, S. 318 hervor, wo die Posse „Unser Verkehr" und die Beschwerden der Juden 18.16 besprochen werden. Seite 418 (Verhandlung über die Lage der Juden 1816); Seite 455 (Juden- und Burschenschaft); Seite 581 (Die Judenhetze 1819); Seite 587 (Börnes Absetzung als Polizeiaktuar). Von besonderer Wichtigkeit ist Band 2, Seite 536 bis 540, wo der Abschnitt über Heine und Börne manche Veränderung erfahren hat. Wir wünschen dem vortrefflichen Werke weite Verbreitung in den Kreisen unserer jüdischen Leser. Trotz ihrer Abneigung gegen Treitschkes Einseitigkeit schöpfen diese zumeist ihre Kenntnis ans der zwar glänzend geschriebenen, aber einseitig abgefaßten Schilderung dieses Historikers. Es wäre sehr zu wünschen, daß sie sich das Werk Sterns anschasften, um eine wahrhaft unparteiische, mit vollster Beherrschung des Materials und in vornehmer Sprache geschriebene Darlegung der Geschichte Europas in 19. Jahrhundert zu erkennen. L. G.