Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- Seite 598 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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V ——. 598 luminoasa" («den Hellen Herd) für die -unglücklichsten der Menschen, -die Blinden. Nichts, was rumänisch haucht und atmet, könnte ihr das je vergessen, und doch ist das nur wenig im Vergleiche zu all den Anregungen, die von ihr für nationale Arbeit ausgingen, für rumänisch nation a l e A rbei t, von ihr, der deutschen Dichterin, dem Kinde aus de utschtm Fürstenhause. Aber wohl wäre sie weder in der Eigenschaft als Dichterin allein, noch nur in der Eigenschaft als Königin s o von einer Welt mit Liebe nmschwärmt worden, sondern nur in der Eigenschaft beider: als Königin und Dichterin zugleich. Und das bildet ihre Persönlichkeit. Als Dichterin mußte sie aus so manches verzichten, weil sie Königin ist, und die Königin hat so vieles in sich auszugleichen, in sich, zu überwinden vermocht, nur weil eine Dichternatur sie beseelt. Einmal wurde ihr vom Schicksal eine so schmerzende, wehe Wunde -geschlagen, die nimmermehr geheilt werden wollte.- Vor ein paar Jahren weilte sie hier in Jassy einige Tage zu Besuch. Einer Mädchenschule, die den Namen „Carmen Sylva" trägt, tat sie die Ehre an, hinzukommen. Als beim feierlichen Empfange eine niedliche Kleine ein Gedichtchen als Begrüßungsansprache hersagte, da hob sie die Königin, sobald sie zu Ende war, mit beiden Händen in die Höhe und küßte sie vor dem ganzen Publikum herzhaft, und eine schimmernde Träne rollte ihr die Wange herunter. Damals mochten in ihr süße Muttererinnerungen aufgestiegen sein, Muttergesühle von ihrem ersten, aber auch einzigen Kindchen, das ihr einst allzu früh entrissen wurde. Das ist der Schmerz, den die Königin, Carmen Sylva, niemals überwunden hat. Alles konnte sie, alle trübende Furchen ihrer Seele konnte sie glätten und überwinden, auch die manchmal früher zum Vorschein kommende ungestillte Sehnsucht zum Deutschen zurück — jedoch diese Muttergefühle nicht. Es ist auch nicht denkbar. Das wäre kein Ueberwinden mehr, sondern nur ein Zerstören und Vernichten der mächtigsten, heiligsten Sentimente, und das konnte s i e doch nicht, vor allem Carmen Sylva nicht! Die höchsten Stufen menschlichen Glückes hat sie erreicht: prächtigst schimmernde Vergangenheit und Gegenwart und verlockendste Zukunft — sie ist Königin und Dichterin zugleich, und dennoch: das Glück, das in den niedrigsten Hütten ihrer Untertanen lacht, das war ihr nicht beschieden, und d a s ist ihr ewiger Schmerz. Der flntilemit. Roman von Ernst Theodor Justi. XXIV. So erschüttert der Kreisrichter war, die alte Schachtel war doch p komisch, zumal sie den Veilchenstrauß mit bittender Gebärde ihm entgegenhielt; er brach in ein helles Gelächter aus. „Also Ihnen habe ich Verse und Blumen zu danken/' rief er. „Ich wagt'es, edler Freiherr, sie zu senden. Doch willst du, hört ich, leider nichts aus meinen Händen/' „Nein, Fräulein Müller, nichts; wenn ich aber einen Wunsch aussprechen darf . . . „Verlange, fordere, was du willst, mein Held; Ulrike Müller tut, was dir gefällt." „So lassen Sie, wenn möglich, den Gerichsdiener Greif schnell Herüberrusen und jedenfalls mich möglichst bald allein." „Das erste soll sogleich geschehen, Doch lieber bleib bei dir ich stehen. Um dir ins traute Aug' zu sehen." „Auch Ihren Herrn Bruder möchte ich später sprechen; aber bitte, gehen Sie bald." „So stößt du meine Liebe fort? . Und hast für mich kein 'zärtlich Wort?" „Lassen Sie mich mit Ihrer Liebe ungeschoren," brauste der Kreisrichter auf. Von dieser verschrobenen Person war ohne derbe Grobheit nicht loszukommen. „Ich geh' und schick' den Greis dir her. Doch fürchte meine Rache sehr, Denn Fehde muß ich dir entbieten, Dich hassend, lieb' ich die Semiten." „Gottlob," atmete der Freiherr v. Felseck aus, als die Tür sich hinter der Dichterin geschlossen hatte. Er setzte sich vor seinen Schreibtisch, um den Brief des Justizrates und die drei Kirchenatteste immer und immer wieder zu lesen. Nach geraumer Frist erschien der dicke Gerichtsdiener Greif. Felseck forderte ihn auf, ihn in das Gerichtsgebäude zu begleiten, und die kleine Bibliothek desselben zu öffnen, da er einige Bücher schleunigst Nachsehen müsse. Zum erstenmal seit seinem Eintreffen in Mondenstein schritt Felseck vom „Adler" über die Straße nach dem Rathaus, in dem auch die Gerichtslokalitäten sich befanden. Viele blickten den beiden Beamten nach, und bald munkelte man in Mondenstein von einem schweren Verbrechen, das sich pgetragen haben müsse, da der neue Herr Kreisrichter am Sonntag morgen mit dem Gerichtsdiener gemeinsam aufs Gericht gegangen sei. Die Gesetzsammlung enthielt in der Tat die Königliche Kabinettsorder, die die Nobilitierung des vom Freiherrn v. Felseck adoptierten Berg aussprach. Seltsam, er hatte den betreffenden Jahrgang schon früher wiederholt in der Hand gehabt; aber wer hätte auch das ganze Register durchgelesen, ob der Name Felseck sich darin fände. Aus dem Justizministerialblatt ergab sich nur soviel, daß Dr. Eduard Berg in Berlin in den Justizdienst eingetreten, daß er Auskultator, Referendar und Assessor, -1860 Stadtrichter in Breslau geworden und 1851 dort verstorben war; Berlin schien also Bergs Geburtsort zu sein. Mit dieser geringen Ausbeute mußte er sich begnügen. Im neuesten Terminkalender fehlten die Namen seiner beiden Taufpaten; das Ministerialblatt ergab, daß sie schon Jahre zuvor gestorben waren; bei ihnen konnte er sich also keine Auskunft mehr verschaffen. Und doch wollte er wissen, was seine Vorfahren gewesen und was sie geleistet. Vielleicht lebten noch etliche Kollegen seines Vaters; vielleicht auch ließ sich aus den Akten des Justizministeriums oder durch das Berliner Polizeipräsidium etwas ermitteln; aber das war freilich weitaussehend. Oder sollte er sofort an den Oberst schreiben? Mißmutig kehrte er vom Gericht kurz vor ein Uhr in den „Adler" zurück. - Achtzehntes Kapitel. Miß Smith. In seinem Zimmer fand Felseck die Visitenkarte des Assessor Hildebrand, die derselbe während seiner Abwesenheit abgegeben. Der Gastwirt Müller erschien sofort, um ganz ergebenst anzusragen, womit er ihm sozusagen dienen könne; seine Schwester Ulrike habe ihm mitgeteilt, daß der Herr Baron ihn zu sprechen wünsche. „Ja, mein lieber Herr Müller, es tut mir sehr leid, aber ich möchte bitten, daß Ihr Fräulein Schwester mich nicht wieder in meinem Zimmer aussucht. Sie könnte mich in der Arbeit stören, und sie ist zu, zu, nun sagen wir, zu liebenswürdig, zu phantastisch, zu sehr Dichterin." „Ach leider, leider, sie war lange krank, sozusagen nervös, sehr nervös."