Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-12-12 · Heft 50 (12.12.1913) · p. Seite 597

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 50 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
Seite 597 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229069-3229120--69998-3282330
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„ lvieihre Lyrik. Und in der Erinnerung einer ersten Flamme singt sie später: ^J : „Ich war'so stolz und frei. So wild wie Hirsch und Rehe — Nun, wo ich bin und gehe. Ist alle Lust vorbei. Ich kann nicht fröhlich sein. Nicht singen mehr so helle. Denn wie der Blitz, der schnelle, Trifst's mich ins Herz hinein. Der Wald hat's nicht getan. Auch nicht der Rhein, der stille. Der lang in reicher Fülle An mir vorüberrann. Es drängt so sehr, so sehr Hinaus mich in die Weite — Sag' Herz: bist du die Beute Vom großen, wilden Meer?" Als ganz kleine Prinzessin saß Carmen Sylva beim alten, zahnlosen, aber so freundlich lächelnden Ernst Moritz Arndt auf dem Schoße und lauschte diesem glühenden Freiheitshelden in Erzählungen und Liedern den deutschen Patriotismus ab. Es ist vielleicht nicht ganz Zufall, daß Carmen Sylva in ihrem „Penatenwinkel" dort auf Sturdza zu sprechen kommt, wo sie von Arndt erzählt. Obwohl sie zu Goethe kein rechtes .Verhältnis hat, ahmt sie ihn darin nach, daß sie mit einer Begebenheit ihres Lebens, die sie vor der Welt entschuldigen zu müssen glaubt, eine andere in Verbindung bringt, die jene verständlich und entschuldbar macht. So zum Beispiel erzählt uns Goethe in „Wahrheit und Dichtung" schon bei seiner ersten Abfahrt von Uhüke Brison aus Sesenheim von einer Art Fata Morgana, das ihm zu feinem größten Erstaunen auf dem'Wege erschien. Er sah nämlich auf demselben Wege, wo er-jetzt ritt, fein Ebenbild, aber etwas älter und ernster, dem Hause Pastor Brions zureitend. Goethe, der wie kein anderer die Fäden der Psyche zu spinnen verstand, wollte damit vorgreifend andeuten, daß er Ulrike verlassen wird. Carmen Sylva ahnte, daß beim Erwähnen von Arndt und seiner deutschen Glut ein deutsches Herz sie verwundert fragen könnte, warum sie selbst Deutschland und das Deutschtum verlassen hat. Da erzählt sie uns im Zusammenhänge damit, daß noch jemand in ihrem elterlichen Hause verkehrte, der eine solche Liebe für sein Land, sür sein Volk in sich trug wie Arndt, und das war der kleine Bonner Student.Demeter Sturdza aus den Fürstentümern der Moldau und Walachei, nachher oftmaliger Premierminister in Rumänien. Damit deutet die Dichterin an, daß sie nicht nur von deutschem Selbstbewußtfein und deutschem Stolz, von der Liebe zum Deutschtum erfüllt war, sondern überhaupt von allem angezogen wurde, was für uns Menschen das Reinste und Heiligste ist, nämlich die Liebe zum eigenen Lande und zum eigenen Volk, fänden wir sie auch bei entfernten, uns völlig unbekannten Völkern. Nicht verwässerter Kosmopolitismus ist dies, sondern abgerundetes Ich, abgeschlossener Nationalismus, und doch kein Chauvinismus. Denn Chauvinismus ist ihr fremd. Sondern sie schätzt dieses Hervorheben des Eigenen bei jedem und überall, sei es auch bei Chinesen, Japanern oder bei ihr damals so fremd und entfernt scheinenden, aber jetzt ihr über alles so nahestehenden Rumänen. Statt daß eine Zwiespältigkeit, eine innere Entzweiung, eine Tragik entstehe zwischen ihrem Deutschtum und dem Rumänentum, deutet sie uns in wenigen Worten an, wie sie über dem allen stehe, wie sie das alles in sich verarbeiteteres überwand und in sich ausglich. Und darin ist sie ganz goethisch, wenn sie auch meint, es nicht sein zu wollen. Das Hervorheben des Heldentums, des bis zur Verklärung über die Alltäglichkeit sich erhebenden Menschtums, das Hinweisen auf das Göttliche der Menschheit in ihrer Totalität und nicht im Splitter als Volk, als Nation — so versteht Carmen Sylva Stolz auf das Eigene, Selbstbewußtsein und Hervorheben des eigenen Jchs, und das ist auch ihre geistige und moralische Macht, auch wenn wir von ihr als Königin abstrahieren. Nirgends ist sie in Prosa so stark, als wenn sie auf Judentum und Christentum zu sprechen kommt, wo sie das Ursprüngliche beider hervorhebt und die Träger des heutigen Christentums mit dem Mute eines der Welt entrückten und in Einsamkeit völlig unabhängig von ihr lebenden Schriftstellers in harten Worten bitter geißelt. Sie tut dies mit dem Mute und dem aufrichtigen Pathos eines Tolstoi. So wie dieser, flüchtet sie sich ebenfalls in eine Welt der Ideale, und glaubt, diese zu einer wirklichen machen zu können. — Einst schloß sie innige Freundschaft mit einem ihrer Kammerfräulein und legte mit diesem einen idealen Plan zurecht, sie mit der künftigen Krone Rumäniens auszustatten; sie wollte sie mit. dem Thronfolger vermählen. Da stieß sie aber auf die harte Wirklichkeit, und als es ihr zur Gewißheit wurde, daß in dieser das Ideale fast immer dem Joche der Wirklichkeit sich beugen muß, so wollte sie von dieser wirklichen Welt überhaupt nichts mehr wissen und flüchtete sich in die erhabene Einsamkeit der Schweizer Alpen.' Doch tobte dieser innere Kampf nur kurze Zeit in ihr. Carmen Sylva sollte auch das in sich glätten und es überwinden; sie kehrte zur Welt der Wirklichkeit bald wieder zurück. So viel vermag sie die Wirklichkeit von sich abzustreifen, daß nicht nur sie selbst es vergißt, sondern auch uns oft vergehen läßt, daß sie die Trägerin einer stolzen, erst durch ihren eigenen König-Gemahl zu solchem Ruhme gelangten Königskryne ist, und so wie sie trotzig als Kind schon war, ebenso trotzt sie einer Welt, bei der sie mehr als Dichterin denn als Königin gelten will. Für sie gibt es keinen Zwang, der Situationen. Ihr eigenes Ich ist die feststehende Achse, um die sich ihr ganzes Wirken bewegt. Dieses Ich ließ sie von keinen Verhältnissen zerwühlen und entzweien. Sie glich es vielmehr mit ihnen aus. Mit. kindlich rührender und dennoch so überlegt reifer Teilnahme lauschte sie einst den Worten ihres Bräutigam- Fürsten über das Schicksal des neugeschaffenen, frischgeschmiedeten Völkchens der Rumänen, und sie entschließt sich, eine ganze ihr so liebe Welt zu verlassen und eine neue, in Regungen, Sitten und Gebräuchen ihr völlig fremde Welt in sich auszunehmen. Bei-Carmen Sylva war es nichts anderes als ein Verlegen ihrer Tätigkeit, ihrer moralischen, geistigen Tätigkeit, auf einen anderen Platz. Das allgemein Menschliche, das Moralische, ist ihr über Zeit und -Raum stets erhaben gewesen, und sie war sich dessen bewußt, daß, um dafür zu arbeiten-, es eigentlich gleich'sei, ob sie es im Deutschtum oder im Rumänentum tut. Vom ganzen rumänischen Volke ist sie, die deutsche Dichterin, wie eine zärtliche Mutter geliebt, -und es ist dies von uns allen so allgemein, so selbstverständlich empfunden und gefühlt, als ob wirklich nichts Widersprechendes darin wäre. Ihr alles ausgleichender Geist ist es, dem es gelang, auch diese Grenzen zu verwischen. Wenn sie meint, sie sei weniger Königin als Dichterin, so ist das freilich nur Selbsttäuschung. Diese Königin, im edelsten Sinne des Wortes echte deutsche Frau, wußte doch so stark den Stempel ihrer Persönlichkeit der rumänischen Seele auszudrücken, daß sie in den Augen der Bevölkerung als Muster und als Ideal dasteht. Wie das keiner lebenden Königin der herrschenden europäischen Häuser ist ihr Bild von Legenden umrahmt und blickt zu uns heraus wie das Bild einer Königin aus einem Märchen von uralter Zeit. So wie sie als Kleine bereits im Elternhause den Kranken Mut einzuflößen verstand, so suchte sie sich auch in der neuen Heimat, ein Gebiet, wo sie. beständig zu helfen, beständig zu trösten bereit fein konnte, und sie schuf die „V a tra

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.