Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- Seite 596 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Bankier Adolph Levin und den' Etatsrat: Herming, zu Feinden stempelt, die dadurch Feinde geworden sind, daß der Großvater Herming den Großvater Levin zum Bankerott brachte und daß der Etatsrat (richtiger Kommerzienrat) Herming den verarmten Jakob Levin nicht nur nicht gefördert, sondern ihn aus der von ihm geleiteten Bank mit der Benrerkung verwiesen hatte, er wollekeinen Juden in seiner Bank. Dadurch wird zu dem Glaubenskonflikt ein Persönlicher gefügt; beide Personen, Levin und Herming, werden dem Leser und Zuschauer gehässig: dpr alte Herming durch seine Beschränktheit und Jüdenfeindschaft, der alte Levin durch seine Rachsucht und durch sein Frohlocken darüber, daß er durch die Zerstörung des Glücks seines Sohnes dem Feinde einen Schmerz antun könne. Aber nicht bloß der eigentliche Konflikt wird dadurch verschoben, sondern es wird auch die Meinung erweckt, als wolle der Verfasser lehren, alle Christen seien Judenfeinde, alle Juden von Haß und Rachsucht gegen Andersgläubige erfüllt. Man muß. ferner daran festhalten, daß Nathansen weder einseitig die Juden noch die Christen verherrlichen will. Sein Titel „Hinter Mauern" bezieht sich auf beide Parteien und will sagen, daß die Vertreter beider Religionen sich von der wirklichen Welt absperren und daß sie, weil sie in ihren beschränkten Ansichten verharren, das Glück ihrer Kinder eigen- - willig zerstören. Sieht man von diesen höchst bestreitbaren Momenten ab — bestreitbar, weil es sehr viele gibt, die den Standpunkt des alten Levin für den einzig richtigen halten, und noch mehr, die den. rein praktischen Gesichtspunkt des alten Herming für den einzig rationellen ansehen, so muß man des Dichters Kunst durchaus bewundern. Die beiden Milieus sind .vortrefflich gezeichnet: der'Etatsrat in seiner geschwollenen'Würde, des reichen Geldmannes, der mit seinen Bildern, Weinen und Zigarren prahlt, der die alte Frau Levin „Levinchen" und Jakob Levin schlechtweg „Levin" nennt, die Etatsrätin: die vornehme, leidende Dame, der Sohn: ein Gelehrter,, der-zwar in Fragen der Welt etwas unpraktisch ist, aber tadellos, wie in seinem Anzug, so in seinen Manieren, fest durchdrungen von seiner Ueberzeugung und bereit, sie konsequent praktisch durchzusühren. Auf der anderen Seite das jüdische Milieu. Man hat wohl gesägt, derartige jüdische Familien gebe es in Kopenhagen nicht: schlichte Leute, die Gesinnungen, Lebens-, selbst Sprechweise vergangener Zeiten treu bewahrt haben. Darüber vermag ich nicht zü urteilen, wohl aber kann ich sagen, daß es in Deutschland solche Familien gewiß noch genug gibt: der alte Vater: bloßer Geschäftsmann, fromm aus Gewohnheit und Ueberzeugung, ein Familienpatriarch, der gern auch in der Familie Tyrann spielen möchte, aber seine Ohnmacht allmählich erkennt; die Mutter: ausschließlich Hausfrau und Mutter, die mit echt mütterlicher Liebe alle die Ihrigen umfaßt, aber nicht bloß für reichliche und gut zubereitete Kost sorgt, sondern, wie sie mit Würde zu repräsentieren versteht und mit Stolz über die Stellung ihrer Kinder erfüllt ist: — „mein Sohn, der Doktor, mein Sohn, der Großhändler" — der Tochter auch in ihren Herzensnöten beizustehen sucht, so schwer ' es ihr auch wird, bei ihrer Verlobung auf ihre Seite zu treten. Nicht minder ausgezeichnet sind die Söhne des jüdischen Paares geschildert: der polternde Kaufmann, der seine Kinder in Grund und Boden verzieht, etwas unmanierlich und täppisch im Benehmen gegen seine Frau und doch ein.grundguter Mensch; der Arzt, modern angehaucht, indifferent in religiösen Fragen und doch von der schönsten Pietät zu dem Elternhaus erfüllt. , Scherzhafte Einfälle, gute Witzworte, komische Personen, zum Beispiel der Buchhalter Meher^der, wenn auch von seiner Bedeutung durchdrungen, in Ehrfurcht vor dem reichen Chef erstirbt und der,, mit dem ungewohnten Zylinder angetan, mit welchem er die Werbung um die Töchter seines Vorgesetzten anbringt, die harmlosen Späße der ganzen Familie gutmütig erträgt. , Am wenigsten originell ist die Tochter. Sie ist das junge Mädchen von heute, ganz auf sich gestellt, das seine eigenen Wege geht, in der Richtung seines Lebens und in der Wahl seines Gatten. Sie hat sich scheinbar gänzlich losgelöst von den Gewohnheiten und Anschauungen des Elternhauses, die sie in ihrer nervösen Erregung „das tote Meer" nennt; und erkennt schließlich doch nach der Schmach, die sie durch Einwilligung in den Wunsch ihrer Schwiegereltern, sich und die Kinder taufen zu lasten, ihren eigenen Eltern angetan hat, den unlöslichen Zusammenhang an, in dem sie, die sich in das Freie gerettet zu haben meint, mit denen steht, die hinter Mauern leben., Das Stück ist eine vortreffliche Spiegelung modern-jüdischen Lebens. Mag es in seinem Ausgang den treuen Bekennern des Judentums nicht völlig sympathisch sein, so ist es doch ein Drama, das man gesehen haben sollte, und von dem man eine wahrhast innerliche Anregung heimbringt. Llilsbeth, ßünigin von Aumänien (LsrmrliSylos)?u ihrem 70. Geburtstag. 16./29. Dezember 1843 — 16./29. Dezember 1913. Von Dr. M. Thenen in Jassy. m Schlosse zu Neuwied, am liederumschwärmten Rheine, y stand die Wiege der Prinzessin Elisabeth, die Fürstin und dann Königin von Rumänien geworden ist. Aber auch die so prächtig schimmernde rumänische Krone hätte kaum vermocht, die unser-Gemüt mächtig ergreifende Melancholie ihrer tieseingegräbenen Augen mit einem so kindlich-lieblichen Tüll zu überziehen, -wie das -ihr als Urquell sprudelnde, dem Rheine abgelauschte Singen. Zur Leier ward ihr ihr eigenes Herz und die Saiten sind ihr die Sprache gewesen, und so trug sie in sich selbst ihr Glück inmitten der freudlosen, kränklichen Umgebung des Vaterhauses. „Demütig und stolz bin ich", sagte sie dem einstigen Fürsten von Rumänien, jetzigen König Karl, als er um ihre Hand warb, und sie ahnte nicht, daß sie nicht nurfür jenen Augenblick poetisch das richtige Wort fand, sondern daß sie darin ihr tiefstes Wesen gab. Vielleicht war es doch das Ahnen der eine Vergangenheit und Zukunft in sich tragenden Dichternatur, das ihr diese Worte damals in den Mund legte. ' ■ Auch die allzu steife und oft harte Erziehung deutscher Fürstenhöfe von der Mitte des vorigen Jahrhunderts vermochte nicht die angeborene Schwärmerei und den inneren Frohmut Prinzeßchen Elisabeths zu ersticken. Aber wie schwärmerisch sie auch veranlagt war, besaß sie doch etwas sehr Wertvolles, wodurch sie niemals das Gleichgewicht verlieren konnte. Das war das Ernstnehmen ihres eigenen Ich. Der Glaube an sich selbst und an ihren Beruf in allen Situationen und zu allen Zeiten, ob es galt, als kleine Krankenschwester im Hause behilflich zu sein, oder später als barmherzige Schwester die Wunden der Kriegshelden zu verbinden. Und dieses Vertrauen zu sich selbst gewann sie schon damals, als sie in der Umgebung kranker Eltern und eines ewig kränklichen kleinen Brüderleins als ein- . zige Gesunde das Haus versah. Damals schon lernte sie, an- , deren zu helfen, wenn es zunächst auch nur die eigenen Liebsten waren. Von der. heilenden Wirkung ihrer Güte überzeugt, suchte sich das ihr aus Klängen geschaffene Herz die Form, durch die sie eine Welt beherrschen sollte. Sie fand die Form und ward zur Dichterin. Sie, die allen zu helfen sich früh gewöhnte, ward auch nur zu geben geschaffen, zur Königin, und lyrisch zu singen. Keiner ihrer Töne klingt so ansprechend