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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-12-12 · Heft 50 (12.12.1913) · p. Seite 594

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 50 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
Seite 594 (sequence 6)
Language
German
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594 Ausschuß eine reine Verwaltungsbehörde fei. Die Leitung einer Körperschaft sei der Majorität verantwortlich und. dürfe auch nur von dieser gewählt werden. Der Beschluß der Liberalen Vereinigung, das Proportionalwahlrecht für die Berliner Repräsentantenwahlen einzuführen, sei von Herrn Löb erwähnt, aber dieser Beschluß bezieht sich nicht auf die Vorstandswahl, was Herr Löb nicht gesagt hat. Wer nicht gewohnt ist, die Dinge auch' anders als unter der Parteibrille zu sehen, gehöre nicht in den Gemeindebund, wer nicht gefällt, wird nicht wiedergewählt, bei der Proportionalwahl aber würden die Parteiführer doch gewählt werden, ohne daß die Möglichkeit besteht, etwaige Schädlinge zu beseitigen. Es müsse die Möglichkeit geschaffen werden, Friedensstörer hinauszuwählen, der Gemeindetag dürfe keine Plattform für politische oder andere Bestrebungen sein, die nichts mit dem Gemeindebund zu tun haben. Es sprechen noch die Herren Löb und Justizrat Mako wer, der das Vorgehen der Orthodoxie in Sachen des Antrages E a s s e l - C a m p e als einen Beweis erachtet, daß man auf jener Seite die gemeinsame Arbeit nicht wolle. Dann wird der Antrag der Kommission angenommen, durch den der Gemeindetag erklärt, daß er die Einführung des Proportionalwahlshstems für die Ausschußwahlen ablehnt. Der weitere Punkt der Tagesordnung: „Staatliche Beihilfen für notleidende Gemeinden" wird abgesetzt, da Herr Landtagsabgeordneter Wolsf-Lissa, der das Referat über diesen Gegenstand übernommen hat, durch Krankheit in letzter Minute verhindert worden ist. Schließlich gelangte die Frage der jüdischen öffentlichen Volksschule zur Erörterung. Dabei gab es bei Beginn der Debatte eine Ueberraschung. Bekanntlich war nur der Antrag des Verbandes Schleswig-Holstein vorhanden, der eine Beschlußfassung hierüber vom Gemeindetage verlangte. Herr Dr. Victor-Wandsbek gab nun die folgende Erklärung ab: „Wir haben unseren Antrag eingebracht, weil wir der Ueberzeugung sind, daß bei der durch das Schulgesetz von 1906 geschaffenen Lage alle Richtungen des deutschen Judentums die Verpflichtung haben, für die Gründung jüdischer Volksschulen in den Gemeinden einzutreten. Nach den Ereignissen der letzten Wochen sind wir jedoch zu der Einsicht gelangt, daß unser Antrag auf diesem Gemeindetage eine sachliche Beratung nicht erfahren werde; wir ziehen | daher denselben hiermit zurück und behalten uns eine spätere erneute Einbringung vor. Damit wäre eigentlich jede weitere Beratung der Volksschulfrage ausgeschlossen gewesen. Allein die Zurückziehung kam zu spät und der Gemeindetag trat in die Beratung der Frage ein, ob man auf dem Gemeindetage in eine materielle Beratung der Angelegenheit eintreten wolle. An der Debatte beteiligten sich die Herren Cohn- Dessau, M. A. Löb, Dr. Victor, Steinhardt, Waisenhausdirektor Peritz, Prof. W oh lauer, Prof. G u ttmann u. a. Angenommen wurde schließlich der folgende Antrag: Der Gemeindetag tritt dem Beschluß des Ausschusses bei, daß es der Autonomie der Gemeinden entspricht, wenn alle Gemeinden in der Schülfrage diejenige Stellung einnehmen, die sie auf Grund ihrer Bourteilung der örtlichen Verhältnisse für richtig halten und lehnt eine weitere Behandlung der zu Nr. 8 gestellten Anträge ab. Damit war die Tagesordnung erschöpft und der in durchaus würdevoller Weise verlaufene Gemeindetag wurde in der fünften Abendstunde mit den üblichen Dankesworten geschlossen. flugult Goldschmied, der Erfinder eines neuen Luftschiffes. Von Dr. Max G r u n w a l d. i^^n der diesjährigen Wiener internationalen Flug- \ Maschinenausstellung stieß ich auf ein Patent, das diesen mir bis dahin unbekannten Namen trug. Erkundigungen ergaben die folgenden Daten, deren Veröffentlichung sowohl der Sache als auch der Person des Erfinders dienen möge. 1841 in Lundenburg (Mähren) geboren, zeigte Goldschmied schon als Knabe im Reparieren zerbrochenen Spielzeugs eine solche Fertigkeit, daß er in weitem Umkreis der mit Naschwerk reichlich belohnte Liebling aller Altersgenossen wurde. Mit 13 Jahren, nach dem Verlassen der Volksschule, vor die Wahl eines Berufes gestellt, wollte er, da zum Studium die Mittel der Eltern nicht ausreichten, Mechaniker werden. Auch dieser . Plan erwies sich als unausführbar. Er kam zu einem Kürschner in die Lehre. Als Geselle arbeitete er dann in Wien, Pest und Graz. Nach Wien zurückgekehrt, wurde er Mitglied des dortigen Arbeiterbildungsvereines, dessen Bibliothek er eifrig benutzte. Hier konstruierte Goldschmied um das Jahr 1864 das Modell eines Maschinengewehres für Schnellfeuer, mit dem man 600 Schuß in der Minute abgeben konnte. Obwohl das Modell aus Holz erzeugt war, funktionierte der Mechanismus einwandsfrei. Ein Patent zu nehmen, fehlten Goldschmied die Mittel. Eine Eingabe an das Wiener Kriegsministerium wurde nach vielen Wochen ablehnend beantwortet. Zwei Jahre später ging durch die Presse die sensationelle Nachricht, daß der Amerikaner Maxim ein Maschinengewehr erfunden habe. Heute sind bekanntlich alle Armeen der Welt damit ausgerüstet. Von einer Verbesserung berichteten vor wenigen Wochen die Zeitungen. Von Goldschmieds Erfindung ist bisher nichts bekannt geworden. In den Ausschuß des erwähnten Vereines gewählt, lenkte Goldschmied durch einige öffentliche Reden die Aufmerksamkeit seiner Genossen auf sich. Als es zwischen der radikalen und der gemäßigten Richtung innerhalb des Vereines zur Spaltung gekommen war, wurde Goldschmied von den Gemüßigten zum Proponenten gewählt. Gleichzeitig wurde er von dem neugebildeten Gewerkschaftsverein der Kürschner mit großer Majorität durch die Wahl zum Obmann ausgezeichnet. Für die Wiener Weltausstellung 1873 betraute der Verein Goldschmied mit der Berichterstattung über die Fortschritte im Kürschnergewerbe. Sein Bericht ist 1874 im Druck erschienen. 1875 machte Goldschmied sich selbständig. Außerstande, die Kosten eines offenen Geschäftes zu bestreiten, arbeitete er als Stückmeister für Kundenschneider und.Konfektionäre. Nun gelang es feinen unablässigen Bemühungen, einen Verein.der Kürschnermeister ins Leben zu rufen. Wie für diese Gründung fand er die Unterstützung Gleichgesinnter auch für die Einrichtung einer Meisterkrankenkasse. Eine Fachpresse wurde ins Leben gerufen und Fachausstellungen veranstaltet. Goldschmied selbst beteiligte sich an diesen Ausstellungen mit einem neuen Erzeugnis der Kürschnerei. Es waren große Wanddekorationen und Teppiche aus Pelzmosaik, z. B. eine Tierbändigerin beim Füttern von Raubtieren, die in ihren natürlichen Fellen in Lebensgröße dargestellt wurden, oder eine Amazonenjagd nach demselben Prinzip. Die Landschaft war in gefärbten Lammfellen ausgeführt. Für diese Arbeit erhielt Goldschmied auf der Fachausstellung 4891 das Ehrendiplom. Ein weiteres Motiv bildete die Christenverfolgung unter Nero. Ein anderes Bild, das im Mittelfelde den österreichischen Adler und ringsum die Wappen sämtlicher Kronländer der Monarchie zeigte, wurde von Goldschmied dem Kaiser Franz Josef vorgelegt und für den Hof angekauft. 1893 war Goldschmied endlich in der Lage, sich einen eigenen Herd und gleichzeitig ein offenes Geschäft zu gründen (Mariahilferstraße 49). Da brachte die damals in Wien stark einsetzende antisemitische Bewegung einen Wandel, von dem auch Goldschmied empfindlich betroffen wurde. Er trat aus sämtlichen Fachvereinen aus, verkaufte nach sechsjährigem Bestehen sein Geschäft, um erst nach etlichen Jahren ein neues in der Taborstraße 3 zu erwerben. Hier stellte er einen photographischen Apparat her, der in einer Momentaufnahme den ganzen Horizont festzuhalten vermag. Die Patentanmeldung ist vollständig vorbereitet. Nur scheiterte sie bis heute wieder an der leidigen Geldfrage.

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