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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-12-05 · Heft 49 (5.12.1913) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 49 (5.12.1913)
Date
1913-12-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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77. Jahrgang Nr. 49 Berlin, 5. Dezember 1913 Der Gemeindevote. Vellsge zur „Allgemeinen Leitung deK ZudentumK". Korrespondenten und Kschrichten. Deutschland. 22 Berlin, 2. Dezember. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Genier nde zu Berlin hielt am 24. vorigen Monats eine Mtgliederversammlung ab. Diese Versammlung hatte den Zweck, den Mitgliedern, ein Bild von der diesmaligen Wahlbewegung zu geben und ihnen die Gründe darzulegen, welche für die Vermeidung des Wahlkampfes maßgebend waren. Der Hauptredner des Abends war der Vorsitzende der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, Herr Justizrat Breslauer. Sein Thema -lautete: „Die Stellungnahme der Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu den verschiedenen religiösen Richtungen." Er führte etwa folgendes aus: Die.in öffentlichen Versammlungen von gewisser Seite so häufig angegriffene Verwaltung der jüdischen Gemeinde zu Berlin ist unter den Verwaltungen gleicher Art wohl als die beste zu bezeichnen und kann als musterhaft angesehen werden. Während in der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde die verschiedenen religiösen Anschauungen und Richtungen sich geltend machen, gibt es im Vorstände der jüdischen Gemeinde keine Verschiedenheit nach dieser Richtung hin. Der Vorstand führt die Beschlüsse, die in der Repräsentantenversammlung gefaßt sind, aus, keiner Richtung zu'Liebe und keiner 31t Leide. Dies zeigt sich bei allen Maßnahmen auf dem Gebiete des Gottesdienstes, des Schulwesens nsw. Allen Richtungen wird, soweit dies überhaupt möglich ist, Rechnung getragen. Aus den von dem Redner angeführten Beispielen heben wir hervor, daß es in der Berliner jüdischen Gemeinde unter den 22 Religionsschulen einige gibt, in denen der konservativen, andere, in denen der liberalen Richtung Rechnung getragen wird. Ja, auch für die Partei der sogenannten Gesetzestreuen ist in dieser Beziehung gesorgt. Was -ben Gottesdienst betrifft, so gibt es Synagogen mit liberalem Ritus und mit konservativem Ritus, außerdem. eine Anzahl von Synagogen der subventionierten Vereine, die zum Teil streng orthodoxer, zum Teil liberaler Richtung sind, auch zum Teil beide Richtungen in sich vereinen. Bei der Anstellung von Beamten sieht die Gemeindeverwaltung nicht daräus, ob einer Liberaler oder Konservativer, ja nicht einmal, ob er Zionist sei, sondern da sind allein die Persönlichkeit und die Fähigkeit ausschlaggebend. Agitatoren, die Unruhe in die Beamtenschaft zu tragen versuchten, würde sie allerdings -in ihrem Dienste nicht dulden. Redner ging dann kurz aus die diesmalige Wahl und die Verständigung der Parteien über die Kandidaten ein. Die Liberalen waren entschlossen, die Konservativen in der Verwaltung der Gemeinde zu erhalten. Der Liberale Verein will aus Liberalismus allen religiösen Richtungen eine Gelegenheit zur Mitarbeit verschaffen, und auch der orthodoxen Minorität, selbst der der äußersten Rechten, das Recht erhalten und verschaffen, ihre Wünsche zum Ausdruck zu bringen. Abseits aller stünden die Zionisten, deren Bestrebungen nicht religiöse, sondern nationaler Natur seien. Mit einem warmen Appell an die Versammlung, auch weiterhin in liberaler Weise zu wirken und alle Richtungen zu Worte kommen zu lassen, schloß der Redner seine sehr .eingehenden und interessanten Ausführungen. Die Versammlung dankte dem Redner durch starken Beifall. Der Vorsitzende des Liberalen Vereins, Herr Justizrat Plonsker, betonte in seinem Danke an den Referenten, daß ihm die Liberalen zu besonderem Danke dafür verpflichtet seien, daß er trotz seiner Berufung in den Vorstand der jüdischen Gemeinde seine Aomter im Liberalen Verein und in der Vereinigung für das liberale Judentum nicht, niedergelegt habe. Herr Justizrat Breslauer zeige, wie es mit seinem Takte möglich sei, diese Ehrenämter mit dem Amte als Gemeindeältester in einer Person zu vereinen. Zum Schluß richteten die neuen Kandidaten des Liberalen Vereins, Herr Stadtverordneter und Redakteur Dr. jur. I. Levy, Herr Zahnarzt M. Lipschitz, Herr Dr. Alfred Metzenberg und Herr Königlicher Gewerberat Emil Plotke kurze Ansprachen an die Versammlung, in denen sie ihren Standpunkt aus religiösem Gebiete skizzierten. 22 Berlin, 2. Dezember. Bei den diesmaligen Wahlen zum Nepräsentantenkollegium der jüdischen» Gemeinde zu Berlin haben diejenigen Führer der Zionisten, die im „Neuen jüdischen Gemeindeverein" tonangebend sind, Wahlenthnltung proklamiert und sämtliche „bewußt jüdische Wähler" der Gemeinde aufgesordert, sich an der Wahl nicht zu beteiligen. Eine Reihe bekannter Zionistenführer hat sich dieser Anweisung nicht gefügt, vielmehr die Parole ausgegeben, zur Wahl zu gehen, die Konservativen zu streichen und die Liberalen zu wählen. Dieser Aufforderung, kam eine Reihe von Zionisten nach. Sie haben es anscheinend dadurch bewirkt, daß das von dem Verein zur Erhaltung des überlieferten Judentums präsentierte Mitglied, der praktische Arzt Dr. Adolf Wechsel mann, mit 3 Stimmen hinter dem letzten Repräsentanten zurückblieb und deshalb nur zum Stellvertreter gewählt wurde. 2/D Berlin, 2. Dezember. Nach Berichten, die an das Kuratorium des jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina gelangt sind, nimmt der Bau der Anstalten des Instituts in Haifa einen sehr guten Fortgang. Die Mittelschule und das Technikum sind im Rohbau sertiggestellt, die Kuppel des Technikums wird jetzt montiert. Die sehr schwierige Frage der Wasserversorgung hat sich auch nunmehr glücklich gelöst. Nach mehrmonatlicher Bohrung hat sich jetzt Wasser im Brunnen ergeben, und zwar genau auf Meereshöhe, das ist in Tiefe von 92,5 Meter. Das Wasser schmeckt sehr gut; die Bohrungen werden fortgesetzt, um noch einen größeren Wasserzufluß zu erzielen. y. Berlin, 2. Dezember. Der Verband für jüdische Wohltätigkeitspslege hielt am 26. v. M. im zweiten Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde seine diesjährige Generalversammlung ab, die sich eines außerordentlich reichen Besuches erfreute. Nachdem der Vorsitzende Herr Geheimer Sanitätsrat Dr. F e i lch e n s e l d den Bericht erstattet hatte, der einen gedeihlichen Fortschritt des Verbandes zeigte — es sind dem Verband jetzt nahezu 100 Vereine angeschlosien — hielt Herr Rechtsanwalt Dr. Lamm einen ungemein interessanten Vortrag über die Geschichte der Armenpflege der Berliner jüdischen Gemeinde. Auf Grund eines reichen Aktenmaterials gab er ein instruktives Bild der Entwickelung, die die jüdische Armenpflege in den letzten acht Jahrzehnten genommen hat. Die Armenpflege in der jüdischen Gemeinde ist bekanntlich erst in neuerer Zeit von der Gemeinde selbst übernommen wurden. Sie war bisher eine Institution rein Privater Natur. Sie umfaßte schon in frühen Zeiten alle jene Zweige der Armenpflege, die heute in besonderen Kommissionen verwaltet werden. Die Durchreisendenkommission ist von der jüdischen Gemeinde erst 1898 geschaffen worden. Eine spezielle Waisenfürsorge ist erst 1860 organisiert worden. Die Fürsorgekommission hat sich der Kinder der Strafgefangenen erst 1895 angenommen. Als Begründer der Armenkommission darf Carl Heymann betrachtet werden, ihm folgte 1890 Goldberger, der grundlegende neue Ideen mitbrachte. Von besonderer Bedeutung aber sei der Nachfolger Goldbergers Justizrat Breslauer, dessen Denkschrift, obwohl sie am 31. Dezember d. I. ihr zwanzigjähriges Jubiläum feiern kann, als Antrag Breslauer noch heute als Grundlage des weiteren Ausbaues betrachtet werden kann. Der Vortragende gab ein übersichtliches Bild über die Art der Beiträgserhebung, über die Finanzlage, und gewährte soweit auch einen Einblick in das gewaltige Wachstum der Armenpflege unserer Gemeinde, soweit die aufgewendeten Beträge in Betracht kommen. Die Gesamtauswendungen betragen zurzeit zirka 270 000 Mark, im ganzen werden für die offene Armenpflege 380 000 Mark verausgabt. Nach 'feiltet- Auffassung wird sich die Entwicklung nach der Seite besoldeter Pfleger bewegen. Ein Anfang ist gemacht worden mit der Anstellung der Gemeindeschwester. Das Arbeitsgebiet wird sich nach der Seite der Jugendpflege wenden müssen. Der Herr Referent schlägt schließlich vor, daß die Bilder derjenigen Männer, die seit 80 Jahren an der Spitze der Armenverwaltung gewirkt haben, hier die Wände dieses Saales schmücken sollen. Der anregende Vortrag führte zu einer sehr lebhaften Debatte. Die Frage der Mitwirkung der Frauen wurde vom Geheimrat F e i l ch e n f e l d erörtert. Einige historische Ergänzungen gab Herr Justizrat Breslauer, der zugleich die Richtlinieu seines alten Antrages von neuem betonte. Herr Emil P i n c u s beklagte es, daß die Gemeinde nicht größere Mittel für die Armenkommission bewillige. Der Fonds für verschämte Arme müsse

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