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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-12-05 · Heft 49 (5.12.1913) · p. Seite 587

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 49 (5.12.1913)
Date
1913-12-05
Page
Seite 587 (sequence 11)
Language
German
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587 Festungshast den Seinen zurückgab. Jedenfalls muß dieser unbewußt berühmte Mann von Rußland Weg,'um nicht in die ' Hände der „echt russischen Bande" zu kommeri, die versprachen, ein Lynchgericht über ihn zu verhängen.' Gestern abend war ein Jubel sondergleichen aus den Straßen. Odessa hat 200 000 Israeliten, und säst alle waren in den Straßen oder Vergnügungsetablissements, um die Befreiung Beilis'zu feiern. Fremde Menschen küßten sich vor Freude, in vielen Familien, in denen -gefastet wurde, bringt man in der Synagoge Dankopfer, man sammelte bei Arm und reich zu wohltätigen Zwecken; denn es gibt, glaube ich, kein Volk der Welt, das in dieser Beziehung selbst über seine Kräfte tut wie das russisch-jüdische! Hier hängen ja das Leben, Ernährung, Erziehung Tausender -von Kindern armer Eltern, da es keinen Schulzwang resp. nicht einmal Möglichkeit dazu gibt, von einigen Dutzend Damen, Patronessen, ab — ictj gehöre schon seit neun Jahren auch dazu. Wir ernähren, kleiden, unterrichten 120 Kinder, und die Summe von 6000 Rubel im .Jahre haben wir aus verschiedene Art, teilweise selbst, teilweise durch Sammeln oder wohltätige Stiftungen aufzubringen. Dieser Art Schulen gibt es hier an 15 bis 20, in allen zahlen wir einen jährlichen Beitrag, wenn auch intensiv eine Dame nur in einer einzelnen Schule arbeiten kann. Ich denke, jede Mutter, die warm behütete eigene Küchlein hat, hat die Pflicht, so viel es ihr nur Zeit und Mittel erlauben, sich um das Gemeindewohl zu kümmern — wir wissen ja nie im voraus, ob unsere Kinder für ewig vom gleichen Schicksal behütet werden. Doch ich bin von meinem Thema abgekömmen. Beilis ist frei, aber warum will man den Schuldigen nicht nennen, trotzdem sie ihn alle kennen; damit nehmen -sie der . jüdischen Religion resp. Nation doch, nicht diesen schrecklichsten Schandfleck. Warum also diese große Freude? Wurde deshalb die unglaubliche Unterdrückung aller Rechte, die das Judentum in Rußland erduldet, gemäßigt? Solange die Telephonstation existiert, soll sich etwas Aehnliches wie bei der Befreiung Beilis' nicht ereignet haben. Alle Apparate waren zu gleicher Zeit ständig besetzt; man ries nach -dem Vorstand, der selbst machtlos diesem Ansturm gegenüberstand. Ein Fräulein, das dort beschäftigt, sagte uns, ein zweites Mal wäre sie nicht imstande, diese Stunden durchzumachen, alle Welt fragte fast gleichzeitig nach Redaktionen, Bekannten, und zwei von den Telephonistinnen brachen ohnmächtig -vor Hast und Arbeit zusammen. Wir riesen die Nummer eines bekannten Redakteurs, weil wir ' nicht sicher waren, ob das Gerücht auch aus Wahrheit beruht, aber kaum sagten wir die Nummer jenes Telephons, antwortete uns die Telephonistin: „Beilis — sreigesprochen!" Sie. wußte schon im voraus, was wir wollten, hatte keine Zeit, uns zu verbinden, und gab wohl Hunderten dieselbe Antwort. lieber kurz ' oder lang wird wohl Beilis wie einst Dreysus und tausend andere seine Memoiren herausgeben mit Hilfe eines anderen. Diese ganze schreckliche Affäre wird ein historisches Erlebnis werden. Da die Menschen aber, immer etwas brauchen, was ihre Nerven in Spannung versetzt, wird bald neues das alte Unheil -vergessen lassen. Für Rußland wollen wir aber damit wenigstens eine Stufe des Fortschritts hervorgerufen wissen: das Näherrücken der Gleichberechtigung, Religionsfreiheit; denn ein Blühen kann nur dort werden, wo der Boden reis pnd kultiviert genug vorbereitet wird. . - Btt Dntikmit. Roman von E r n st Theodor I u st i. XXIII. Siebzehntes Kapitel: Der Taufschein. mft s tocix -ein herrlicher Wintertag, den die Sonntagsglocken einläuteten. Felseck fühlte sich schmerzfrei. Dr. Loewi- . sohn, der zur Morgenvisite erschien, konnte nach sorgfältiger Prüfung der' Beweglichkeit des Fußes, den Patienten für vollständig hergestellt erklären und ihm die Aufnahme der amtlichen Tätigkeit am folgenden Tage gestatten. Mit der entschuldigenden Bemerkung, daß er sofort zu.einem Kranken über Land müsse, verließ er so schnell das Zimmer, daß der Kreisrichter keine Zeit mehr fand, ihm die konventionellen Dankesworte für die ärztliche Hilfe auszusprechen. Um so herzlicher verabschiedete der Freiherr sich von der Diakonissin, deren geräuschlose und liebevolle Pflege er nicht genug anerkennen konnte. Es tat ihm wirklich äußerst leid, daß sie das ihr angebotene Geldgeschenk berufsmäßig unbedingt ablehnen mußte. Die Diakonissin ging. „ i Der Briefträger meldete sich und brachte ein rekommandiertes Schreiben und einen einfachen Brief. Felseck öffnete diesen zuerst. Er war vom Kreisgerichtsdirektor Henke und in freundschaftlichem, fast väterlichem Tone abgesaßt und riet ihm, den unerwünschten Eindruck, den sein Toast bei einem Teile der Gerichtseingesessenen hervorgerufen, durch eine schriftliche Erklärung an den Vorstand der israelitischen Gemeinde zu beseitigen. Felseck geriet in Harnisch. Allerdings hatte sein Urteil über die Juden durch die Unterhaltungen mit Liebig, Sporn, dem Oberstabsarzt und dem Bibliothekar sich sehr verändert, und er hätte die unglückliche Tischrede heute gewiß nicht mehr gehalten. Aber sein Mannes- und Adelsstolz bäumte sich doch gegen alles auf, was einer Revokation oder Deprekation auch nur entfernt ähnlich sehen konnte. Als Antisemit hatte er sich nun einmal bekannt, und wenngleich er sich heute sagen mußte, daß er viel zu generell, ja geradezu falsch über die Juden geurteilt Habe, daß er heute jeden Satz einschränkender, vorsichtiger gefaßt haben würde, er konnte -doch nicht von einem „Mißverständnis" sprechen oder gar an den jüdischen Vorstand von einem solchen Mißverständnis schreiben, wie der Direktor ihm zumutete. Nein, lieber eine Disziplinaruntersuchung erbitten; da würde es sich ja zeigen, daß er Dienst und Geselligkeit ausdrücklich getrennt habe; da hatte er nichts zu befürchten. Lieber den Minister um Versetzung oder Aufhebung der Ernennung ersuchen und eventualissime den Justizdienst quittieren. Das wollte er dem Herrn Gerichtsdirektor schriftlich oder, noch besser, mündlich erwidern. Aber wie recht hatte der gute Vater gehabt, als er ihn vor den Juden immer warnte; von wem kam doch dieses ganze Aergernis, als von dieser fatalen Gesellschaft? Doch nein, nicht den Juden habe ich. es zu verdanken, rief es in ihm laut, nicht den Juden, fondern meinem Judenhaß. Was brauchte ich. auch ungefragt das Bekenntnis des Antisemitismus öffentlich abzulegen! Verdrießlich griff er zu dem rekommandierten Brief; er trug das amtliche-Siegel des Justizrats und Notars Franz Heinrich Schmidt und enthielt folgendes Schreiben: „Euer Hochwohlgeboren beehre ich mich im Aufträge des Herrn Oberst v. Sporn ganz ergebenst mitzuteilen, daß ich auf Veranlassung meines Herrn Mandanten die Kirchenbücher

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