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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-12-05 · Heft 49 (5.12.1913) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 49 (5.12.1913)
Date
1913-12-05
Page
Seite 586 (sequence 10)
Language
German
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von seiner aus sittlicher Größe stimmenden Milde. Wie ein Patriarchwar er der Mittelpunkt seiner großen, weit verzweigten Familie;-in seinem Hause erwuchsen ihm seine schönsten Freuden. Wie stolz war er auf seine Kinder, denen er bis an sein Lebensende Freund und geistiger Führer geblieben ist — wie sonnte er sich in dem Anblick seiner Großkinder! Mit welch zärtlicher Liebe umfaßte er sie alle, alle! — Und was war er seinen Freunden und 'allen, die seinen. Rat und seine Hilfe erbaten! Mit verschwenderischer Freigebigkeit übte er Wohltaten aus, und sein Haus, in dem seine feinsinnige, ihm ebenbürtige Gattin waltet, war der Sammelpunkt der besten Gesellschaft. Wie verstand er es, diese zu fesseln; welch eine weihevolle Stimmung lag über den Freitagabenden, den Familienfesten, denen er präsidierte, wie gab er immer sein Bestes! Niemand konnte sich dem Zauber seiner Persönlichkeit entziehen! — Er ist nicht mehr, jedoch sein Andenken bleibt, und sein Leben hat uns gezeigt, daß man als guter Jude den höchsten Anforderungen gerecht werden kann, die in unserer modernen Zeit an den Staatsbürger gestellt werden. Leopold Ettlinger entstammt einer alten, angesehenen Karlsruher Familie. Er ist 1844 geboren, besuchte das Gymnasium 'seiner Vaterstadt, erweiterte seine Kenntnisse im Auslande und übernahm 1869 das Geschäft seines Vaters, das sich ünter seiner Leitung zu hoher Blüte entwickelte. Mit 29 Jahren wurde er in den Bürgerausschuß gewählt, dem er nahezu 40 Jahre angehört hat, und zwar seit 1893 als Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes der Stadtverordneten. Seit 1873 war er Mitglied der Handelskammer, Mitglied des Eisenbahnrats seit 1895, Handelsrichter seit 1891. In Anerkennung seiner Verdienste wurde ihm 1900 das Ritterkreuz II. Klasse und 1906 .das Ritterkreuz I. Klasse des Zähringer Löwenordens verliehen. — Getreu den Ueberlieferungen seiner Familie und seiner Herzensneigung folgend, widmete er sich mit Eifer den Angelegenheiten seiner Glaubensgemeinschaft. 1891 trat er in den Karlsruher- Synagogenrat und war Jahrzehnte hindurch einer ihrer führenden' Männer. 1894 wurde er in die damals geschaffene israelitische Landessynode gesandt, deren erste Tagung er durch seine Sachkenntnis wesentlich förderte, und 1895 wurde er zum großherzoglichen Oberrat ernannt. Diesem reichen Leben machte am 7. Dezember 1912 ein Herzschlag ein Ende. .Ehre und Anerkennung folgten ihm über das Grab hinaus.- Bei der Beerdigung konnte die Halle des israelitischen Friedhofs die Zahl der Teilnehmer nicht fassen. Unter ihnen befand sich auch der Kultusminister, ein Vertreter des Ministers des Innern, der Oberbürgermeister, der Präsident der Handelskammer und andere. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Appel, und einen ergreifenden Nachruf widmete ihm sein langjähriger Freund, Professor Dr. Schwarz, Rektor der jüdisch-theologischen Lehranstalt in Wien. Vertreter aller Körperschaften, in denen Leopold Ettlinger gewirkt, sprachen an dem offenen Grabe und würdigten seine Verdienste um die Gesamtheit. Sein Name wird unvergessen bleiben, möge er in Frieden ruhen! Ehre seinem Andenken. J. B. NuMchrs Stimmungsbild. Um und am Tage des Urteils. Von Bertha Katz-Sonnemann. Odessa. November 1913. tfttm grauer, regnerischer Herbstnachmittag beginnt, so grau und trostlos, als ob Mutter Sonne ihren Weg niemals mehr durch all die Wolkenmassen finden könnte, das große Sterben, die Erntezeit Gevatter Tods beginnt,, und je mehr Lücken in den Reihen unserer Freunde entstehen, je näher rücken wir selbst dem ewigen Nichts . Wer heute durch die im allgemeinen ziemlich europäischen Straßen Odessas ging, der erlebte all die Trostlosigkeit, Erbitterung, Mutlosigkeit mit, die 'Heute in Millionen Menschen der ganzen zivilisierten Welt wohnt; denn man richtet ja nicht einen einzelnen namens Beilis., Diese Waffe ist gegen eine Nation, Religion gerichtet, die, trotzdem sie aus ewig geschlagenen Wunden, durch den Religionshaß hervorgerufen, blutet, sich selbst getreu bleibt' und bleiben wird im Herzen; denü'' ein" Glaube, der allen zum Trotz Jahrtausende nicht unterliegt, trägt den Sieg in sich. Die ersten russischen Advokaten wie Grusenberg, Karabschewski, Sarudin, Maklakow, Bobrischew-Puschkin haben in schöner Menschlichkeit auf uneigennützigste Weise sich bereiterklärt, Licht in dieses Dunkel zu bringen, die Verteidigung dieses armen Beilis übernommen, das Märchen vom Ritualmord zu vernichten. Und wenn sie in diesem historischen Prozeß Sieger bleiben, können sie den Dank und die Bewunderung der ganzen zivilisierten Welt entgegennehmen. Dieses Ritualmordmärchen, die Schande des zwanzigsten Jahrhunderts, liegt hier in der Luft, es verpestet die Luft mit seinen lügenhaften Erfindungen, macht Gesunde krank und Menschen zu irren Fanatikern. Auf den Straßen rufen halbwüchsige arme Judenjungen mit dem eigenen R-Laut ihrer Rasse die neueste Depesche ans. Gewöhnlich sind es solche vom früheren Tag, aber Zeitungen, die wirklich neueste Nachrichten brachten, hat man bis zu 5 Rubel das Stück verkauft. Aus einer der Hauptstraßen sah ich eine Volksmenge, und nähertretend gewahrte ich einen alten Mann, der sich nur mit Mühe den Beschimpfungen des ihn umringenden Pöbels erwehren konnte, die in den Ausrufen: „Seht, das ist auch ein Beilis, Kinder, nehmt euch vor ihm in acht, man müßte ihn lynchen!" gipfelten, und das alles, weil dieser Unglückliche zufälligerweise einen schwarzen Bart hatte. Diese Roheitder N niederen Klassen entspricht ja meistens ihrer, gänzlichen Unbildung, die auch die Voraussetzung bei einem veranstalteten Pogrom war . und ist; denn dieser Bestie ist es ganz egal, wen sie, für diesen Rubel,, den sie für Wodki bekommt, tötet,! ob Jude oder Christ, sie interessiert dabei ja'nicht die Glaubensfrage. .. Aber leider hat die fürchterliche Krankheit des Ritualmord- . Märchens auch viele der intelligenten Bevölkerung ergriffen, und leider ist diese Ueberzeugung schwerer zu bekämpfen. Eine! Dame der besten. Gesellschaft kam heute , in eine Privatbank, wo sie ihr Vermögen deponiert hat, um es äbzuheben, weil der Besitzer Jude ist und sie mit einem Glaubensgenossen eines Beilis nichts zu tun haben will. Gegen 6 Uhr abends am Tage, der Urteilsverkündung sind die Straßen und Geschäfte fast menschenleer, nur vor den Redaktionen der Zeitungen staut sich trotz Regen die Menge, darüber diskutierend, was das Schicksal der nächsten Stunden für Tausende bringen kann; ein Sein oder Nichtsein für eine Nation ist hier die Frage, deren Menschenwürdigkeit in einigen Worten bestätigt oder vernichtet werden kann. Es liegt eine; Spannung in der Luft/aller. Gedanken konzentrieren sich auf einen Punkt, es ist die große Krisis des Schwerkranken am nennten Tage. Halleluja! Beilis ist freigesprochen! ' Eine Stunde später, als ich das Vorhergehende schrieb, brachte man uns die Depesche. Trotz Rußlands Unreife hat endlich die Gerechtigkeit so weit gesiegt, daß sie diesen armen Märtyrer nach 2)4jähriger

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