Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
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585 über den Mythos der Sündfluth — 2) Moldenhauers Abhandlung über den Einfluß der den Juden in Spanien im' Mittelalter bewilligten Vorrechte auf die Staatsverfassung und das öffentliche Wohl, übersetzt vom ^Professor Ri'chs. Ungemein interessant. Zumal für unsere Tage, wo die Erhebung der Bekenner des Mosaischen Gesetzes zu Staatsbürgern ein viel besprochenes Lieblings-Thema ist. Vielen wird es ganz neu seyn, daß in keinem christlichen Reiche die jüdische Nation seit ihrer Zerstreuung so ausgezeichnete Begünstigungen genossen hat, als in Spaniens fruchtbarsten Provinzen. Schauderhast ist es zu lesen, wie das ganze Reich unter dieseil großen Begünstigungen, deren Mißbräuchen die damalige schlechte Politik weder vorzubeugen noch abzuhelsen wußte, so unsäglich litt, daß man endlich im Jahr 1492 zu der grausamen Maaßregel seine Zuflucht nehmen zu müssen glaubte, 100 000 Familien unter den härtesten ungerechtesten Bedingungen des Landes zu verweisen. Minerva vom October 1812. 2ter Brief aus Berlin vom 6. Octob. 1812, S. 153. Nachdem den Juden im Preußischen Staat die bürgerlichen Rechte im vollen Umfange eingeräumt sind, gehen auch die Vorsteher der Berliner Gemeinden, welche durchgängig Männer von aufgeklärten Grundsätzen sind, mit dem Vorsatz um, ein neues Ritual behm Cultus der Glaubensgenossen zu organisiren. Die Hauptpunkte, die sie dabey im Auge haben, sind: 1) daß der Gottesdienst teutsch abgesaßt werden soll, 2) die allgemeinen und Wcchselgesänge von einer Orgel begleitet werden sollen, und 3) Frauenstimmer, verheirathet sowohl als unverheirathete,, mit den Männern in einem Bezirke den Gottesdienst abhalten können. Obgleich dies Vorhaben, trotz der Fortschritte in der Geistesbildung der Juden, bey ihnen vielen Widerstand finden dürfte, so werden doch die Aeltesten der Inden-Gemeinden gewiß Beharrlichkeit genug haben, ihren Vorsatz nicht aufzugeben, den Keim zu einer Institution zu legen, der gewiß in Absicht der Regierung, die Juden mit der Denkart des Zeitalters zu amalgannren, am ersten befördern wird. Minerva, October 1812, Berlinische Briefe,. 4ter Brief, Berlin, 8 Dec. 1812; S. 509. Die jüd. Glaubensgenossen, welche nach erhaltenem Bürgerrechte verpflichtet find, Familien-Nainen anzunehmen, woran es vielen noch fehlt, werden jetzt überall in den Preuß. Staaten ausgesvrdert, sich über dieselben zu erklären. Politisch esJournal, Jahrgang 1812. Erster B.. 3 St. März, S. 193—204. I über die zur moralischen Besserung der Inden getroffenen Anstalten in den Oesterreichischen Staaten. S. 193. Der politische Zustand einer Nation ist oft der Maaßstab ihres politischen Verhaltens, und hat einen großen Einfluß selbst aus ihre Religionsbegrisse. Freie Entwickelung aller Fähigkeiten, ungehinderte Anwendung der Leibes- und Seelenkräfte, sicherer Genuß des Erworbenen, gleiche Vertheilung der Staatslasten, und Achtung bürgerlicher Freiheit geben dem Volke einen großen Charakter, flößen ihm Vertrauen und Liebe zu seiner Verfassung ein, die er aus eigenem Antriebe zu erhalten sucht, und entheben den Gesetzgeber der traurigen Nothwendigkeit, die Gesetze zu vervielfältigen . . . der Geist einer gebildeten Nation reinigt die Religion von Eigendünkel, Aberglauben und Schwärmerei); er schwingt sich von dem bloß mechanischen Gottesdienste zur inneren heiligen Gottesverehrung. S. 201. Wenn jedoch dieser Wunsch (daß die politischen Schranken dieses noch immer als Fremdling betrachteten Volkes allmählich mehr und mehr erweitert würden) erfüllt würde, dann müßten auch die Inden Beweise geben, daß sie der erweiterten Toleranz vollkommen würdig sind; sie müßten insbesondere die Vorwürfe über ihr Benehmen gegen Christen, weil sie nicht Juden sind, durch Thaten von sich ablehnen — ihren Erwerbsgeist nicht aus den bloßen Handel beschränken, sondern vorzüglich aus die Erzeugung, Verarbeitung und Veredelung der zum Handel geeigneten Producte leiten, grobe Arbeiten nicht meiden, sich an den Sabbathen und jüdischen Festtagen nicht, wie es bisher zwar nach dem Willen der Talmudisten, aber wider den Ausspruch der gesunden Vernunft geschiehet, von Individuen anderer Religionen bedienen lassen, überhaupt aber die Meinung manches eben nicht intoleranten Staatsmannes über' die politische Unthunlichkcit, sie in den bürgerlichen Verhältnissen der herrschenden Nation gleich, oder wenigstens sehr' nahe zu stellen, durch Handlungen zu besiegen suchen. Leopold Lttlingrr, Karlsruhe. Gest, am 7. Dezember 1912. Eine Würdigung. s ist etwas Eigenes um die Gedenkfeier für einen.Toten, dessen Sterbetag ein Jahr nur'zurückliegt; uns lebt er noch, und eine solche Totenfeier ist im Grunde nichts als eine Feier ewigen Lebens; sie ist ein Zeichen dafür, daß beim Zerfall des Staubes etwas geblieben ist, das zum Unzerstörbaren gehört, zum unzerstörbaren Besitz aller derer, denen der Tote gehörte. Und der Tote, Leopold Ettling er, Karlsruhe, für den ich mit den Lesern' dieser Zeitung eine stille Gedenkfeier halten will, gehörte vielen. Weit über die Grenzen seines Hauses, seiner Vaterstadt hat er für die Allgemeinheit gewirkt, hat seine reichen Geistesgaben, seine umfassende Bildung und eine seltene Arbeitskraft in den Dienst der Öffentlichkeit gestellt. Und was er dieser galt, was er als Chef einer großen Firma und als Aufsichtsrat mehrerer industriellen Unternehmungen für die deutsche Handelswelt bedeutet hat, was er seinen Mitarbeitern und Angestellten gewesen ist, welche Dienste er dem öffentlichen Wohl als Stadtverordneter, als Handelsrichter, als Mitglied des Eisenbahnrats geleistet, welche Verdienste er sich als großherzoglicher Oberrat und Karlsruher Shnagogenrat erworben' hat, das läßt sich ziffernmäßig nicht seststellen. Davon zeugt jedoch die Liebe und die Wertschätzung, derer sich der Lebende erfreuen durfte, und die Trauer, die sein Hinscheiden hervorrief. Diese findet ihven wärmsten Ausdruck in einem Nachruf, den Dr. Ludwig Haas in der Karl-Friedrich-Loge seinem väterlichen Freunde widmete. Er sagte darin ungefähr folgendes: Ein seltener Mann, voll Tatkraft, mit viel Stärke des Geistes und doch so weich und gut, ist uns genommen . . . Wir gedenken seiner, weil die Grundlagen seiner Weltanschauung sich mit den Grundsätzen deckten, die wir hier vertreten. Jüdische Selbstachtung und die Anschauung, daß es Ehrenpflicht sei, für seine bedrängte Gemeinschaft einzutreten, erfüllte ihn. Er besaß ein tiefes religiöses Gefühl; aber wenn er es auch nicht besessen hätte, wäre er trotzdem der gute Jude gewesen. Er hatte ein ausgeprägtes Gemeinsamkeitsgefühl, das ihm angeboren war. Dieses beruhte auf seinem Pflichtgefühl, das er in allen Dingen betätigte, beruhte aber auch daraus, daß er Sinn und Verständnis für die Notwendigkeit der Tradition hatte, und daß er im besten Sinne des Wortes Aristokrat war. Er war keiner von den Kleinen und Schwachen, die erröten, wenn -von jüdischen Dingen gesprochen wird; er bekannte sich frei und offen als Jude. Angriffen gegen das Judentum begegnete er schroff und energisch im starken Bewußtsein, daß der Jude dem Vaterland und das Judentum der Menschheit Werte geleistet hat .... Er war das Bild des königlichen Kaufmanns. Das meine ich nicht in dem landläufigen Sinne, der von wirtschaftlichen - Erfolgen ausgeht. Für mich war er der königliche Kaufmann, weil er ein starkes kaufmännisches Selbstbewußtsein hatte, weil er den Wert des Kaufmanns in unserer Zeit erkannte, weil er stolz war auf seinen Berus und wußte, daß seine Arbeit als Kaufmann nationale Arbeit war, die ein Teil der Grundlagen bildet, aus denen unsere nationale Größe beruht." Dieser Charakteristik von Dr. Ludwig Haas ist wenig hinzuzufügen, denn das, was Leopold Ettlinger in der Oefsentlichkeit war, deckte sich stets mit dem, was er als Mensch gewesen. Feinstes Taktgefühl, Größe der Auffassung kennzeichneten sein ganzes Reden und Tun. Wo kleinliche Empfindlichkeit, persönliche Zuspitzung in den Kampf hineingetragen wurde, fand er das milde, versöhnende Wort. Es war in all feinen menschlichen - Beziehungen etwas von Nathans reifer Weltanschauung,