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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-12-05 · Heft 49 (5.12.1913) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 49 (5.12.1913)
Date
1913-12-05
Page
Seite 581 (sequence 5)
Language
German
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581 Wer der Ansicht ist, „jüdische" Art schade dem Wandervogel, der sage es offen. Aber er bleibe vornehm und anständig; der Ton der meisten Zuschriften in der ^ührerzeitung ist aber geistig und stilistisch von einer solchen Minderwertigkeit, daß man ihn energisch zurückweisen muß. Wer es fertig bekommt,, derart von seinen Mitmenschen zu schreiben, hat keine Ahnung, was Wandervogel sein heißt." Herr Bergmann verlangt, wie wir es hier getan haben, daß vor allem eine Klärung erfolge. Wie wir im Dienstag-Abendblatt angedeutet haben, sind die ersten Schritte, die zu einer solchen Klärung führen können, soeben unternommen worden. * Einen unglaublichen Beschluß über den Schutz für deutsche Namen hat der „deutschvölkische Akademiker- Verband" gefaßt: - „Die Versammlung erhebt laut und nachdrücklich Einspruch gegen die bisherige Praxis der zuständigen Behörden, in der Verleihung deutscher Eigennamen an Volksfremde. Den Namen und die Ehre rechnen wir zu den höchsten und unveräußerlichen Gütern des deutschgeborenen Mannes, und wenn die Regierungsstellen selbst die Achtung vor dem Eigennamen erschüttern helfen, so wird unser Volkstum an rassischem Halt und innerem Selbstwerte noch stärker zurückkommen wie schon ohnehin. Niemals sollen dem, der einen Namenswechsel beantragt, bestehende deutsche Eigennamen verliehen werden! Das Begehren nach Namensänderung soll überhaupt abgelehnt werden, wo die Verdunkelung rassischer Verhältnisse zu besorgen ist! Wir erwarten, daß die Entscheidung über Namensänderungen nur solchen Beamten anvertraut wird, welchen diese Auffassungsweise eingeboren ist." Daß irgendeine Regierung auf solchen Nonsens eingehe, ist glücklicherweise nicht zu befürchten. * Aus Belgrad meldet die „N. I. Da die Gebiete, die Serbien in den letzten Balkankriegen neu erworben hat, teilweise sehr dünn bevölkert sind, hat die serbische Regierung die jüdische Gemeinde in Belgrad benachrichtigt, daß sie e i n e Ansiedlung von Juden in dem betreffenden Landstrich gern sehen würde und geneigt wäre, jüdischen Ansiedlern Vergünstigungen aller Art zu gewähren. * Folgende sehr befremdliche Notiz aus Dänemark finden wir in antisemitischen Blättern: „Das dänische Parlament habe den Gesetzesantrag der Regierung angenommen, auf Grund dessen von nun an alle Militärärzte jüdischer Herkunft abzuweisen seien, Juden auch im Kriegsfälle keine wie immer gearteten Aemter im Rahmen der Armee übernehmen dürften. Dieses Gesetz wurde unter dem Widerspruche der Juden mit 85 gegen 31 Stimmen angenommen." Hoffentlich läßt die Berichtigung nicht lange auf sich warten. * Ueber Beilis wird immer weiter gesprochen. Einige Zeitungen wußten sogar von „Memoiren" zu melden, die der Freigesprochene geschrieben und verkauft habe. Glaubhafter erscheint nachstehende Notiz: New Jork, 25. November. Ein Gut für Beilis in Amerika. Das Israelitische Komitee in New Dork hat, wie die hiesigen Blätter berichten, eine Sammlung veranstaltet, um einen Fonds von 100 000 Mark aufzubringen, um mit dieser Summe eine Farm zu erwerben, die den: durch den Kiewer Ritualmord bekannt gewordenen russischen Kleinbauern Beilis und dessen Familie geschenkt werden soll. Da könnte der Gequälte endlich die Ruhe finden, die ihm von Herzen zu gönnen ist. IJHajr Meist. Zu seinem 70. Geburtstage. Von AlPhons J. Sußnitzki. -ie Solidarität wird mit Recht (und vielfach auch mit Neid) als besonders charakteristisches Merkmal der Juden bezeichnet. Wo Not und Elend sich bemerkbar machen, Unglück und Verfolgung in die Erscheinung treten, wo es gilt, zu Helsen, zu lindern, zu tun, ist der Jude stets opferbereit dabei. So entstanden die zahlreichen milden Stiftungen, die großzügigen Organisationen v für Wohlfahrt und soziale Fürsorge, und bekanntlich nimmt selbst im Etat der kleinsten jüdischen Gemeinde die Wohltätigkeit einen beträchtlichen Raum ein. Im allgemeinen hat mau ja bei solcher Wertung mehr die materielle als die ideelle Seite der Erscheinung, mehr die äußere Tatsache der Leistung als die inneren Triebkräfte der Handlung im Auge, und man übersieht mitunter dabei sogar, daß der Jude nicht nur Solidarität übt, sondern auch Solidaritäts g e f ü h l besitzt, daß er nicht nur ein offenes Portemonnaie, sondern auch ein offenes Herz hat und nicht nur Geld gibt, sondern auch Persönlichkeit opfert. Nirgends wohl wird so viel im Ehvenamte gewirkt wie im Mischen Gemeinschaftsleben, und an Männern, die Kraft, Zeit und Ruhe freudig in den Dienst der guten Sache stellen, hat es erfreulicherweise hier nie gefehlt. Der Gelehrte, dem jede Minute teuer ist, der Advokat oder der Arzt, der von seinem Berufe völlig absorbiert wird, der Kaufmann, den die Geschäftssorgen scheinbar ganz in Anspruch nehmen, sie alle finden die nötige Zeit und die -erforderliche Muße, wenn es sich darum handelt, den Interessen der Allgemeinheit zu dienen. ' Und zu diesen Menschen zählt Max Weiß. Er ist geboren am 24. November 1843 in Oranienburg bei Berlin als Sohn des dortigen Arztes Dr. Bernhard Weiß. Dieser war durch berufliche Tüchtigkeit und gediegene Charaktereigenschaften gleich ausgezeichnet und in beider Hinsicht von seiner Umgebung hoch geschätzt. Bon einem unbezähmbaren Drang nach Bildung getrieben, kam er in sehr jungen Jahren und gänzlich.mittellos aus dem Osten nach der preußischen Metropole, wo es ihm nur durch eisernen Fleiß und zähe Energie gelang, das Gymnasium und dann die Universität zu besuchen. Denn nicht nur als Student, sondern auch schon als Gymnasiast mußte er für seinen Unterhalt ganz allein sorgen und dabei noch für seine armen Eltern etwas erübrigen. Aber die harte Lebensschule, die er seit seiner frühesten Jugend durchzumachen gezwungen war, hatte seinen auf das Ideale gerichteten Sinn in der Verfolgung des einmal gewählten Zieles nur noch bestärkt. So trat er mit vielen bekannten Persönlichkeiten des vorigen Jahrhunderts in Berührung, mit denen ihn bald enge Freundschaft verknüpfte. Noch heute befindet sich im Besitz der Weißschen Familie eine interessante Korrespondenz aus jener Zeit, so vornehmlich mit dem berühmten Orientalisten Salomon Munk, dem feinsinnigen Prinzen Schönaich-Carolath und anderen mehr. War bei den damaligen Verhältnissen ohnehin die Lage eines Landarztes wenig beneidenswert, so mußte sie für einen Mann wie Dr. Weiß, der auf den Erwerb von materiellen Gütern am wenigsten ausging, sich notwendig ziemlich schwierig gestalten. In der Tat war es auch allein die geistige Sphäre, mit der er sich umgeben hatte, in der er sich wohl fühlte, und deren idealer Gehalt ihm zugleich Entschädigung für die Widerwärtigkeiten des Alltags bot. Und wie er selbst, neben seiner mühevollen Tätigkeit als Arzt, sich noch die Zeit nahm, lateinische und griechische Schriftsteller im Urtexte zu lesen, moderne Sprachen zu studieren und alle neuen wissenschaftlichen und literarischen Strömungen zu verfolgen, so war er bemüht, auch in seiner Kinder Seele frühzeitig die Erkenntnis vom wahren Wert ideeller und von der relativen Wertlosigkeit materieller Güter zu pflanzen. Vor allem suchte er ihr Gemüt in treuer Anhänglichkeit zum Glauben der Väter und in aufrichtiger Liebe zum einzigen Gotte zu erschließend „Nicht zu deinem Verstände, sondern zu Gott

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