Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Am 27. November fanden die R e P r ä s e n t a n t e n w a tzlen für die jüdische Gemeinde in Berlin statt. Die liberalen und konservativen Gruppen hatten sich auf eine gemeinsame Liste geeinigt. Wenn wirklich stramme Parteidisziplin bei uns herrschte, so hätten alle Kandidaten die gleiche Stimmenzahl auf sich vereinigt. Leidergibt es aber immer ein paar hundert unsichere Kantonisten, die der ausgegebenen Parole nicht folgen. So ist es geschehen, was wir aus Billigkeitsgründen tief bedauern, daß der siebente konservative Kandidat, der von den Liberalen konzediert war, nicht zum Repräsentanten, sondern zum Stellvertreter gewählt worden ist. Die Liste der Neuerkorenen ist, nach der Stimmenzahl, die sie auf sich vereinigten, die folgende: Geh. Sanitätsrat Dr. Julius Blumenthal mit 3538, Fabrikbesitzer Dr. Max Ginsberg mit 3533, Bankier Oscar Loewenberg mit 3517, Justizrat Dr. Ignaz Cohn mit 3506, Fabrikbesitzer Aron Hirsch mit 3497, Professor Dr. S. Kalischer mit 3491, Kaufmann Adolph Lewinski mit 3485, Kommerzienrat Gers o n S i m o n mit 3483, Geh. Justizrat Dr. HermannVeit Simon mit 3483 und <Nadtältester Dr. Max Weigert mit 3474 Stimmen. Als Repräsentanten auf drei Jahre wurden gewählt: Stadtverordneter Redakteur Dr. jur. I. L e v h mit 3435 und Königl. Gewerberat Emil Plotke mit 3431 Stimmen. Als Stellvertreter wurden gewählt: Dr. med. Adolf W e ch - selmann mit 3428, Sanitätsrat Dr. Benno Holz mit 3421, Kaufmann Alexander Hahn mit 3414, Dr. med. Alfred Metzenberg mit 3409 und Zahnarzt M. L i p s ch i tz mit 3408 Stimmen. Bemerkenswert ist, daß die Differenz der Stimmenzcvhl zwischen dem letzten Repräsentanten und dem ersten Stellvertreter nur drei beträgt. # Die Wandervogel affäre, die wir im Sprechsaal Nr. 45 beleuchteten, hat unterdes weitere Kreise beschäftigt. Uns selbst kam von berufener Seite eine Warnung gegen die zionistischen Uebertreibungen zu, die aus Versehen in der vorigen Nummer nicht abgedruckt wurde. (Vgl. unten S. 588). Seitdem ist im Abwehrverein, in einem Leitartikel des „Berliner Tageblatts" und in mannigfachen Zuschriften an den „Berliner Börsen-Courier", viel über die Sache gesprochen worden. Nun enthält das „Berl. Tagebl." vom 28. November folgenden Artikel, den wir hier wiedergeben: Stralsund, 26. November 1913. „Alt-Wandervogel, Kreisleitung Pommern, Bund für Jugendwandern E. V. An die Redaktion des „Berliner Tageblatts" Berlin. Durch die Bemerkungen Ihres Herrn Chefredakteurs in seinem Artikel „Wandervögel" vom 24. November 1913 sowie durch die vom Herrn Reichstagsabgeordneten G o t h e i n in der Generalversammlung zur Abwehr des Antisemitismus getanen Aeußerungen über den Wandervogel ist, wie uns durch zahlreiche Anfragen bestätigt. wird, in weiten Kreisen der Eindruck erweckt worden, daß die Wandervögelbünde in ihrer Gesamtheit antisemitische Tendenzen verfolgten oder duldeten. Dies ist aber ganz und gar nicht der Fall. Einige wenige Elemente haben nur in letzter Zeit, freilich vergebens, versucht, die großen Wandervögelbünde in ein antisemitisches Fahrwasser zu lenken. Tatsächlich ist aber die Wandervogelbewegung viel zu gesund, um unter solchen Anfällenzu leiden. Der Bundesleiter des Wandervogel E. B., Herr Oberrealschuldirektor Edmund Neuendorsf, ist denn auch in seiner in Nr. 599 des „Berliner Tagchlatts" abgedivuckten Erklärung mit 'erfreulicher Deutlichkeit von diesen Treibereien abgerückt. Diese antisemitischen Versuche sind auch auf der Kreisleiter- und Führersitzung des Alt-Wandervogel anläßlich der Körnerfeier in WöbLelin am 4. Oktober zur Sprache gekommen und haben dort eine einmütige, stellenweise entrüstete Ablehnung gefunden. Besonders wurde es mißbilligt, daß man durch Rundschreiben versucht hatte, die friedlichen Scholaren gegen ihre „hebräischen" Mitwanderer aufzuhetzen. Allgemeine Verurteilung fand auch eine in vielen tausend Exemplaren an die Wandervögel versandte Hetzschrift „Der Wandervogel deutsch!" von einem gewissen Herrn Paul Erlach in Berlin. Da nur, diese Sache doch einmal zur öffentlichen Besprechung gekommen ist, teilen wir, um jedein zu zeigen, wie in Wnndervogelkreisen über solche antisemitische Hetzschriften geurteilt wird, eine Abschrift des Schreibens mit, das die Kreisleitung des Alt- Wandervogels für die Provinz Pommern Anfang September schon an den Herausgeber der genannten Flugschrift gerichtet hat: „Bon der uns übersandten Druckschrift „Der Wandervogel deutsch" haben wir mit lebhaftem Bedauern Kenntnis genommen. Auf das entschiedenste mißbilligen wir den Versuch, den dort gepredigten ungebildeten und rohen Nadauantisemiti'smus, der weder dem Christentum noch unserer Natioil zur Ehre gereicht, in unsere schöne Jugendbewegung hineinzuverpflanzen. Mit Genugtuung stellen wir fest, daß in keiner unserer Ortsgruppen nach den von Ihnen geforderten Grundsätzen verfahren wird, und daß allerorten zwischen den christlichen und jüdischen Scholaren das herzlichste Einvernehmen besteht. Nach dem Gesagten werden Sie es begreiflich finden, wenn wir uns die weitere Zusendung solcher Flugschriften höflichst verbitten." Freilich ist diese Bitte nicht erfüllt worden; im Gegenteil, diese Herren versenden noch Fragebogen an die Ortsgruppen, in denell sie nach der Anzahl der „Hebräer" fragen und sich' eine Art von Aufsichtsrecht über die einzelnen Ortsgruppenleiter anmaßeu. Die Männer aber, die in den verschiedenen Wandervögelbünden an leitenden Stellen stehen, werden schon dafür Sorge tragen, daß das Gift des Antisemitismus von den jugendlichen Herzen der Wandervögel ferngehalten wird. Hochachtungsvoll Die Kreisleitung des Alt-Wandervogel für Pommern. A. S ch m i tz, Oberlehrer?' In der neuesten Nummer des „Fahrenden Schülers", Monatsschrift für die deutschen Wandervogelbestrebungen, Organ des Deutschen Wandervogel, Gau Groß-Berlin e. B., befinden sich zwei Artikel, die sich gegen die Versuche richten, in der Wandervogelbewegung antisemitische Tendenzen zur Geltung zu bringen, lieber die „Wandervogelführerzeitung", deren antisemitische Artikel dann in der Broschüre „Deutsch oder national" abgedruckt werden, schreibt Herr Gotthold Ferdinand S t r e m m e : „Mit einer Wandervogelorganisation hat die Zeitung keine offizielle Verbindung, für alles, was hier gedruckt wird, sind nur Privatleute verantwortlich, in keiner Weife irgendein Organ im Wandervogel. Wir konnten also ruhig bleiben, solange die Sportbegeisterung der Führerzeitung harmlos war. Jetzt ist die Harmlosigkeit zu Ende, der neu aufgenommene Sport, die Verhetzung unserer Jugend, verlangt Widerspruch. Dieselben Leute, die hier von dem „hinterhältigen, nie harmlosen, ewig lauernden Juden mit seiner angeborenen Ehr- und Schamlosigkeit sprechen, nehmen gleichzeitig für sich „brüderliche Gemeinschaft und vertrauensvolle Kameradschaft", „hochgespannten Idealismus" und „Ritterlichkeit" in Anspruch. Trotzdem darf man aus diesen zum größten Teil sehr jugendlichen Ergüssen noch kein allgemeines Urteil über den Wandervogel fällen. Solange keine verantwortliche Organisation zu der Frage Stellung genommen hat, darf man dem Wandervogel seine politische und religiöse Neutralität noch nicht absprechen. Die Anhänger der andern Meinung hatten noch keine Veranlassung, sich zu äußern. Jetzt müssen sie Stellung nehmen, und tun es hoffentlich auch. Darum, abwarten! Die Führerzeitung ist nicht der Wandervogel!" lieber „Antisemitismus und Wandervogel" schreibt in demselben Hefte Kammergerichtsreserendar Walter Bergmann: „Ich habe die Nr. 11 der Führerzeitung gelesen. Sie handelt vom „Judentum und Wandervogel". Ich bin Jude und seit 10 Jahren Wandervogel. Ich weiß, daß ich in diesen Jahren im Wandervogel gearbeitet habe so gut ich konnte, und da kommen jetzt Leute, die in unserer Bewegung so wenig geleistet haben wie Herr Dr. Ph. Staufs und behaupten, unser „Geist sei für unsere deutsche Jugend eine große Gefahr". Da findet sich ein Wandervogel, der die Stirn hat, von solchen Leuten Sätze abzudrucken wie folgt: „Das Judentum arbeitet stets zugunsten der Unsittlichkeit und Korruption", es hat eine Lehre, die ihm vorschreibt, „die Nichtjuden als Vieh zu betrachten, sie zu betrügen, zu belügen, zu bewuchern." Ich' habe nie etwas gegen die ehrliche Ueberzeugung eines anderen einzuwenden gehabt.