Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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77. Jahrgang Nr. 48 U> November 1913 Vrilsgr zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums". lkorrelponden?rn und Mschrichtkn. Deutschland. Berlin, 25. November. Am Sonntag, den 30. d. M., begeht der Rektor des Berliner Rabbinerfeminars, Herr Dr. D. Hosfman n, seinen siebzigsten Geburtstag. Zu Berbo in Ungarn im Jahre 1-843 geboren, erhielt er als Sohn orthodoxer Eltern seine erste Ausbildung in den Talmudschulen seiner Vaterstadt und trat dann in das Gymnasium zu Preßburg ein, das er im Jahre 1865 verließ, um sich an der Universität in Wien immatrikulieren zu lassen. Später besuchte er auch die Berliner Universität, um hier -seine philosophischen und philologischen Studien fortzusetzen. Nachdem er im Jahre 1871 die Doktorwürde erlangt hatte, nahm er ein Lehramt an der Indischen Realschule zu Frankfurt a. M. an und folgte von hier aus dem Rufe des verstorbenen Dr. Israel Hildesheimer, an dem von ihm begründeten Berliner Rabbinerseminar die Talmuddozentur zu übernehnren. Seit dieser Zeit wirkt Herr Dr. Hossmann an der genannten Anstalt als Lehrer der talmudischen Wissenschaft, und . als Dr. I. Hildesheimer sich infolge seines vorgerückten Alters von der Leitung des Seminars zurückzog, wurde Herr Dr. Hoffmann mit der Leitung der Anstalt betraut, der-er noch heute vorsteht. Von der großen Zahl seiner wissenschaftlichen Werke und Abhandlungen seien hier nur einige erwähnt: „Mar Samuel" (Leipzig 1873)> „Abhandlungen über die pentateuchifchen Gesetze" (Berlin 1878), ,>Der oberste Gerichtshof in der Stadt des Heiligtums" (1878), „Der Schulchan Aruch und die Rabbiner über das Verhältnis der. Juden zu den Andersgläubigen" (Berlin 1885, zweite verbesserte Auslage 3894). Dieses Werk verdiente seines wertvollen apologetischen Inhaltes wegen in sämtliche europäische Sprachen übersetzt zu werden. Es erschien ursprünglich als eine. Serie, von Aufsätzen, die sich gegen den „Judenspiegel" des berüchtigten rumänischen Renegaten Aron Brimann alias Dr. Justus richteten. Bon anderen Werken des bedeutenden Gelehrten seien noch erwähnt: „Zur Einleitung ün die halachischen Midraschim 1838" und „Levitikus". Dieses Werk bildet den ersten Band eines wissenschaftlichen -Kommentars zum Pentateuch in traditionellen Bahnen. Der -im Jahre 1904 veröffentlichte Kommentar, in dem die wissenschaftlichen Theorien Grass und Wellhausens näher beleuchtet werden, erregte seinerzeit in sachwissenschastlichen Kreisen das größte Aufsehen. Den Grundstein zu diesem Werke hatte Dr. Hoffmann schon im Jahre 1879 in einer Abhandlung gelegt, die den Titel führte: „Die neueste lWellhausensche) Hypothese über den pentateuchifchen Priesterkodex." Diese Abhandlung erschien in dem „Magazin für die Wissenschaft de? Judentums", die der Jubilar gemeinsam mit Herrn Professor Dr. A. Berliner von 1886 bis 1893 herausgab. Besonders erwähnt sei noch seine vorzügliche deutsche Uebersetzung eines Teiles der Mischnah lNezikin). Wie wir hören, -wird Herrn Dr. Hoffmann an seinem 70. Geburtstag von ehemaligen Schülern und Freunden eine Festschrist>mit bedeutenden wissenschaftlichen Beiträgen überreicht werden. Mögen dem gelehrten, um die Wissenschaft des Judentums hochverdienten Jubilar noch viele frohe und arbeitsreiche Jahre beschieden fein. y. Berlin, 25, November. . Zum letzten Bericht über die Sitzung der R ep r ä s en t an t en v erf amm lu n g ist noch folgendes nach- Zutragen: Don der Redaktionskommission des „Gemeindeblattes" ist der Antrag gestellt worden, stenographische Verhandlungsprotokolle aufzunehmen, die indessen nicht veröffentlicht, werden, sondern nur als Grundlagen für die im ),Gemeindeblatt" zu veröffentlichenden Repräsentantenberichte dienen sollen. Der Vorstand hat diesen Antrag angenommen, , dem auch die Repräsentantenversammlung nach längerer Debatte ihre Zustimmung erteilte. Das stenographische Protokoll soll einige Tage ausgelegt werden, um den einzelnen Herren Rednern Gelegenheit zu geben, es einzusehen und eventuelle Korrekturen stilistischer oder mildernder Art, die aber natürlich den Sinn der gehaltenen Reden nicht ändern dürfen, vorzunehmen. Es entstand-nun eine Debatte darüber, ob eine Instanz geschaffen werden soll, die befugt wäre, unzulässige nachträgliche Korrekturen zu inhibieren. Herr Louis Sachs und die Mehrzahl der Redner waren der Ansicht, daß eine solche Instanz, die über Repräsentanten- und Vorstandsmitglieder gestellt sein würde, unter keinen Umständen zulässig sei. Jedes Mitglied der Repräsentantenversammlung sei berechtigt, die stenographischen Protokolle einzusehen, und Ueberschreitungen des zulässigen Maßes der Aenderungen könnten in der Versammlung vorgebracht und von ihr rektifiziert werden Auch er selbst würde das Amt eines solchen Zensors nicht übernehmen. Herr Justizrat Jgn. Cohn hielt den Wert stenographischer Protokolle für problematisch und nicht für erforderlich, da bei dem bisherigen Modus irgendwelche besonderen Anstände sich nicht ergeben hätten. Aber er bewilligte trotzdem den hierzu erforderlichen Betrag von 2000 Mark. Die Vorlage wurde sodann angenommen. y. Berlin, 25. November. Der Verein M ä d ch e n h a u s Pankow hielt am letzten Sonntag im Hause des Herrn Theodor P i n c u s seine ordentliche Mitgliederversammlung ab. Herr Justizrat M a k o w e r erstattete der Versammlung, die unter' der Leitung der Frau Landgerichtsrat Löwe stand, zunächst den Jahresbericht. In dem abgelaufenen Jahre betrug die Zahl der Zöglinge durchschnittlich 37. Zurzeit sind im Hause 34 Mädchen, darunter 11 noch schulpflichtige, die in allen Dienstleistungen des Haushalts unterrichtet werden. Die Zöglinge müssen ihre Kleidung selbst anfertigen und in Ordnung halten und — in geringem Umfange — auch für fremde Haushaltungen waschen und plätten. Zurzeit sind einige Stellen für Zöglinge frei. Anmeldungen nimmt die Vorsitzende,. Frau Landgerichtsrat Löwe, Uhlandstraße 30, entgegen. Herr Justizrat M a k o w e r hält es für wünschenswert, daß das Mädchenhaus durch die Arbeit seiner Zöglinge selbst zur Unterhaltung der Anstalt etwas beitrage. Mit dem 1. Januar 1914, da die neue Reichsversicherungsordnung in Kraft tritt, würde auch die Versicherungsfrage der Angestellten und der Zöglinge zu regeln sein. Es werde zu bestimmen sein, ob die Versicherung wie bisher beim Abonnementsverein für Dienstboten oder Lei der offiziellen Pankower Versicherüngsstelle genommen werden solle. Von den Schutzdamen hat Frau S a u l m a n n ihren Austritt erklärt, es soll versucht werden, ihren Entschluß rückgängig zu machen. Im letzten Jahre war auch von einem N e u b a n die Rede, weil das Haus nicht allen Anforderungen entspricht. Soll man einen Umbau oder einen Neubau vornehmen? Auch über diese Frage werde man sich schlüssig werden müssen. Da die Finanzen des Vereins nicht gerade glänzende sind, vielnwhr einer Besserung dringend bedürfen, sollen alle größeren Gemeinden, insbesondere diejenigen, aus denen Zöglinge ausgenommen worden sind, zum Beitritt respektive zur Erhöhung ihrer Beiträge aufgefordert werden. Eine Spende der Frau G a r b a t y - R o s e n t h a l in Höhe von 1500 Mark zur Wiederherstellung der Fassade des Hauses mußte einstweilen zu den lausenden Ausgaben verwendet werden; das Abputzen der Fassade könne, sowieso erst im Frühjahr geschehen. Von größeren Spenden erwähnt der Herr Berichterstatter diejenige des Herrn Kuczinski in Höhe von 500 Mark für die immerwährende Mitgliedschaft seiner-verblichenen Gattin, und eine Gabe von 1000 Mark des Herrn Theodor Vincu.s zum Belohnungsfonds. Frau Gertrud Mosse hat die Kosten einer Treppenrenovation übernommen. Der Fortbildungsunterricht, der der Aussicht des Herrn' Regierungspräsidenten in Potsdam untersteht, wird nach' einem im einzelnen ausgearbeiteten Plan erteilt. Da Fräulein Stiebel, die diesen Unterricht ehrenamtlich erteilt, in nächster Zeit kaum in der Lage fein wird, ihn weiter so zu erteilen wie bisher, so frage es sich, ob man eine bezahlte Lehrkraft anstellen solle, falls nicht, wie er hoffe, eine andere Dame, bereit fein wird, dieses weiter ehrenamtlich zu tun. . Das Ergebnis der eigentlichen Ausbildung war befriedigend. Bis zum 1. Oktober 1912 sind insgesamt 323 Zöglinge ausgenommen worden, im letzten Jahre sind 14 in den . Dienst getreten. Die laufenden Ausgaben betrugen im Berichtsjahre 19 904.80 Mark, mithin für jeden Zögling 540.50 Mark. Die Kosten für Lebensmittel beliefen sich pro Kopf und Tag. auf 57% Pfennig. Das Vermögen des Vereins belief sich auf 130 600 M. gegen 131500 M. im Vorjahre. Dagegen .ist das Bankguthaben gegenüber dem Vorjahre um 2274 M. höher. In der Debatte, die sich an den Geschäftsbericht anschloß, wurde'allseitig betont, daß es sehr schwer möglich sein wird, aus der