Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- Seite 575 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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575 worden sein. Die Berichte des.Verfassers sind sicherlich ohne: jede Schminke, streng wahrheitsgetreu, denn er läßt es ja auch an Tadel nicht fehlen. Allerdings ist es der Tadel eines liebevollen, wohlmeinenden Freundes. Sehr erhebend ist die Schilderung dos vielverheißenden Aufschwunges der Kolonie Tel Awid, Mikwe Israel, Rischon-le-Zion u. a. Die MitteilungemMber das hebräische Gymnasium und die Mittelschule Tachkemoni geben leider nur allzudürftige Aufschlüsse. Mit Recht mißbilligt der Verfasser die in den orthodoxen Talmud-Thoraschulen übliche, ganz veraltete Methode und rügt er den mit völliger Abkehrung vom wirklichen Leben aufrechterhaltenen ausschließlichen Betrieb des Talmudunterrichts. Kennzeichnend äst auch der Hinweis, daß'aus allen den vielen,' mit sehr bedeutenden Mitteln erhaltenen Jeschibot in Jerusalem noch nicht ein bedeutender Rabbiner oder Gelehrter hervorgegangen ist. Niederschmetternd selbst für den fernen Leser wirkt btc Schilderung der Zustände in Jerusalem, der schon seit vielen Jahrzehnten bekämpften demoralisierenden Wirkung der Chaluka, entmutigend die „Verwahrlosung, Zersplitterung, der Mangel an Gemeinsinn, die geschäftsmäßige Ausnützung der Wohltätigkeit, das Fehlen der vorausgesetzten tieferen Religiosität." Den einzigen Lichtblick bildet die zunehmende Entwickelung der Handwerkstätigkeit in Jerusalem, insbesondere des „Bezalel". Ein hohes Verdienst des Verfassers, der Jerusalem zum „Ruhm der ganzen Erde" gestalten möchte, ist die überaus beherzigenswerte Anregung, es möge ein Zentralkomitee der Orthodoxen, Zionisten, Allianzen und Hilssverci'.w gebildet werden, um eine achtungswerte Gesamtgerneinde zu organisieren und den moralischen Zustand der jüdischen Bevölkerung Jerusalems zu heben. Schließlich seien noch die beiden stimmungsvollen hebräischen Gedichte (S. 48 und 69) erwähnt, die uns den Verfasser in den: Elemente zeigen, in dem er sich Heinusch fühlt, und die schöne, ergreifende Ansprache an die Jugend, die seinen unerschütterlichen Glauben an die Zukunft seines Volkes und des heiligen Landes bekundet.' Die statistischen Angaben des Buches sind wissenschaftlich und kulturpolitisch sehr wertvoll. Gewiß, Dr. Kaminkas „Reise nach Jerusalem" verdient mit Interesse gelesen zu werden." W i e n , 6. Oktober 1913. S ch u l r a t D r. A d o l f W e i ß. O- — Revue des Eiudes juives. Publication trimestrielle' de la Society des Etudes juives. Tome LXV. No. 130. 1. Avril 1913. Paris, A La Librairie Durlacher. Wiederum eine sehr anziehende Zusammenstellung.von Abhandlungein die sich auf Altertum, Mittelalter und Neuzeit beziehen; denn das Geschichtliche wiegt in diesen Heften vor. In der Abhandlung über die Apologie des Spinoza, eine verlorene Schrift des Weltweifen, in der sich dieser gegen die über ihn verhängte Exkommunikation verteidigt haben soll, wird mit guten Gründen dargetan, daß die das Judentum betressenden Abschnitte des theologisch-politischen Traktats im wesentlichen die Ideen dieser Apologie wiedergeben. Besonders interessant ist in dieser Abhandlung der Abschnitt, in welchem der Einfluß von Spinozas Betrachtung deZ-Judenttuns; auf die;.Denkev des 18. und 19. Jahrhunderts dargetan 'wird. Auch die übrigen Abhandlungen bieten sehr viel Neues. Recht lesenswert ist der Anfang einer großen Studie über den Finanzmann S. Levy aus dem 18. Jahrhundert. Recht instruktiv ist das Handschriftenverzeichnis aus Livorno, hauptsächlich medizinische, kabbalistische, talmudische Manuskripte; nur wenig Dichterisches findet sich darunter; eine Beteiligung der Juden an der italienischen Renaissance ergibt sich daraus nicht. Das Heft der Zeitschrift ist seiner Vorgänger durchaus würdig. L. G. * Alb. Kellermanns „Sechs liturgische Psalmen" (bei Ed. Bote u. Bock, Berlin W 8, sowie beim Komponisten erhältlich). Wer des Komponisten zielbewußte Arbeit aus dem Gebiete und im Interesse hebräischer Musik kennt, wer insbesondere gleich mir Gelegenheit hatte, die nunmehr im Druck vorliegenden Psalmen im Gottesdienste oder im Konzerte zu hören, ihre Wirkung aus die bei beiden Gelegenheiten gleich andächtige Zuhörerschaft wahrzunehmen, der muß auf das freudigste begrüßen, daß Kellermann, seine bisherige allzu große Zurückhaltung endlich ausgebend, diese Perlen synagogaler Musik in Druck gegeben und — hoffentlich — der allerbreitesten -Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. — Die Psalmen können an Gangbarkeit, an Frische wie an Reichtum der Erfindung, an Lebendigkeit und Ausdruck des Rezitativs den besten. Schöpfungen Sulzers und Lewa'ndowskis verglichen werden;- an Feinheit der Durcharbeitung suchen sie ihresgleichen, dabei nicht nur dem -Kantor und dem Chore, sondern-auch den Solisten und Solistinnen dankbare Ausgaben stellend. Orgelbegleitung ist zwar vorgesehen, aber großenteils entbehrlich. Ganz besonders Nr. 1, Psalm 92, eine klassische Vertonung des wundervollen Sabbatpsalms, dürfte bald zum eisernen Bestände innerhalb des Repertoires der Synagogenchöre gehören. Uebevhaupt ist lebhaft zu wünschen, daß eifrige Nachfrage den Komponisten ermuntere, dieser Neujahrsgabe weitere folgen zu lassen. Oberkantor S. Llllienthal, Posen. Lrlekrüchle. „Im Purimfest (Neujahr) wird Hamann mit -seinen beiden Gesinnungsgenossen gehängt. (Vgl. dazu Jeremias 1905 und Brückner 1908.)" So wörtlich Seite 178 in den Amnerkungm, die Professor Dr. Heinrich Schmidt (Jena), der bekannte Schriftführer des deutschen Monistenbundes, seinem Buche „Die vier Evangelien" (Leipzig, Alfred Kröner). beigefügt hat. Wieder ein Beweis, über jüdische Dinge schreiben zu dürfen in Unkenntnis jüdischer Dinge. In dem sehr interessanten Buche „lieber Religionen'und Religion. Worte zur Verständigung" von Dr. I. Baumann, Professor der Philosophie in Güttingen (Langensalza 1905), finden wir S. 168 folgende Behauptung: „Das Eigentümliche Jesu (im Vergleich mit seinen jüdischen Zeitgenossen Philo und überhaupt dem Judentum) ist die Liebe zu allen Menschen, eine Liebe, die gern Opfer bringt. Mit ihr hat das Christentum die alte Welt erobert (selbst nach Julian dem Abtrünnigen)." Auf Grundlage einer solchen Auffassung, die selbst erleuchtete Theologie-Professoren nicht mehr teilen, kann eine „Verständigung" nicht erzielt werden. Das ist wieder der e n gherzige Standpunkt, das Judentum als Vorbereitung für das Christentum anzusehen. „Schafft den Religionsunterricht ab mit den jüdischen Geschichten von Eva, Kain, Isaak, Joseph und wie die Mörder und Schwindler, die alle rein ausgehen, nicht alle heißen" — so zu lesen auf Seite 11 der „Kleinen Zeitschrift für Bücher- und Kunstfreunde S e i a u s d e rwacht", herausgegeben von Georg Dietrich in München (Heft 2, Jahrgang 1913), in dem Aufsatz von Dr. Guido Hoffmann über „Lehrergelüste — Dürerbundbestrebungen". Dagegen vergleiche man die Ansicht des berühmten Professors Dr. Paul Deussen-Ki-el in der Vorrede seiner „Philosophie der Bibel", wo von den „ethisch so wertvollen Erzählungen von Abraham, Isaak und Jakob" die Rede ist. Was bedeutet Hoffmann gegen Deussen?! Der geistreiche Schriftsteller Dr. W. Ahrens in Rostock schreibt am Schlüsse seiner Abhandlung „Seltsame Dissertationen" (Montagsblatt, wissenschaftliche Wochenbeilage der „Magdeburgischen Zeitung" Nr. 32 vom 11. August 1913): „Auch andere Orientalisten sollen ähnliche seltsame Tit-elgewohnheiten gehabt haben; so wird zum Beispiel ein Werk, eine Einleitung in den Talmud — Verfasser und Werk sind mir unbekannt — angeführt, das den an Seltsamkeit kaum zu überbietenden Titel führen soll: „Das Bein Josephs". Jch'versuchte derr'Verfasser aufzuklären,- daß das „Bein" sicherlich durch Transskription des hebräischen xbea" (Sohn) entstanden sei. Herr Dr. A. erwiderte mir u. a., daß er den Titel in einem Aussatz von Heinrich Meisner „Büchertitelmoden" in der „Zeitschrift für Bücherfreunde" (8. Jahrgang 1904/05, 1. Bd. S. 39) gesunden habe und daß er an der Nichtigkeit meiner Erklärung keinen Zweifel hege. Er selbst sei des Hebräischen völlig unkundig. Der liebenswürdige Autor bemerkt dann noch des weiteren, daß er bei sich darbietender Gelegenheit den Irrtum verbessern würde. Dr. Spanier, Magdeburg. Mcheremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Dokumente zur Geschichte der Juden in Karlsbad (1791—1869). Veröffentlicht von Dr. I..Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. Karlsbad, Rudolf Hengstenberg, 1913. Tragische Momente. Drei Lebensbilder von Bertha Pappenheim. 1913. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Preis 1.20 Mark broschiert; 2.00 Mark gebunden. : Vom Judentum. Ein Sammelbuch. Herausgegeben vom Verein jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag. Erste Auflage. 1913. I Kurt Wolfs Verlag, Leipzig.