Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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>574 „Allerdings, aber nur der historischen Erinnerung halber. Der Pastor, der mich taufte, .war eines der liberalsten Mitglieder des Protestantenvereins. Mein Unterricht beschränkte sich auf ein halbstündiges Kolloquium und enthielt, ich kann dich dessen versichern, nichts, aber auch gar nichts, was nicht deine und meine vollste Zustimmung gefunden hätte; das Moralitätsprinzip ist ja überdies das. gleiche. „Allerdings." „Und würdest du," fragte der Assessor, „den Schrit an meiner Stelle nicht auch getan haben?" „Nein, lieber Neffe, nun und nimmer." „Aber warum?" „Laß mich noch einmal auf dein Bild vom Haufe zurückkommen. Das, was dein Pastor sagte, war gewiß seine vollste Ueberzeugung; er ließ daraufhin dich in das Haus ein. Aber, mein lieber Neffe, du wohnst in diesem Hause nicht mit deinem Pastor allein; in diesem Hause wohnen Taufende und aber Tausende, die ganz anderer Ansicht sind, und die jene Formel, die du über deinem Haupte sprechen ließest, ganz wörtlich auffassen, und deren Anschauung, weil sie Jahrhunderte die allein herrschende war, auch als von dir angenommen gilt. Wer sich taufen läßt, gilt bei'Jud und Christ als ein Anhänger des in der Kirche herrschenden Glaubensbekenntnisses, nicht als ein Glaubensgenosse eines einzelnen aufgeklärten Pastors." „So sehr vereinzelt sind die aufgeklärten Pastoren doch eben nicht mehr." „Und wären es ihrer hundert und darüber, sie sind doch in der ganz verschwindenden Minderheit, und du hast dich nicht einer Sekte, sondern der großen christlichen Kirche angefchlossen. Schließt man sich irgendeinem Verbände an, so kommt es auf das den Verband zusammenhaltende Moment an, und dies Moment ist heute für das Christentum doch zweifellos das Dogma, wie es im Glaubensbekenntnis von Nizäa sestgeftellt ist." „Mir bleibt die Auffassung dessen maßgebend, der mich zum Christen machte. Die Außenwelt mag meinen Schritt immerhin mißdeuten; du, Onkel, pflegtest ja sonst auch über das Urteil der anderen erhaben zu fein." „Gewiß; doch Hab ich kein Bedürfnis, mir durch Aus- und Umdeutung den Eintritt in ein fremdes Haus zu ermöglichen, und ohne diese Umdeutung des klaren Wortlautes geht es doch einmal nicht." „Ohne die freieste Auslegung geht es doch auch bei den Erzählungen und Wundern des Alten Testaments erst recht nicht ab, und von feinen rituellen Vorschriften hast du dich ja, wie die Mehrzahl aller gebildetem. Juden, - längst, befreit.": „Gewiß; ich müßte kein Naturforscher sein, wenn ich die jahrtausendalten morschen Schalen nicht längst zerbrochen; und weggeworfen hätte." . „So darf ich dir, wenn du es gestattest, die Frage zurückgeben, die du mir vorhin vorgelegt hast: Warum erklärst du dich nicht für konfessionslos? Du hast keine Vorgesetzten, hast auf niemanden Rücksichtzu nehmen, von deinen Patienten würde dich schwerlich ein einziger verlassen, auch hast du durch eigene Kraft dir, wie ich ja weiß, genug erworben, um der Praxis ganz entraten zu können." „Gewiß, mein lieber Neffe, und ich kann auch eine gewisse Berechtigung deiner Frage nicht bestreiten. Aber ich habe doch einen doppelten Grund, nicht formell auszutreten, einen äußeren und einen inneren.. Rein äußerlich ist es die moles inertiae, die mit den Jahren zunimmt; als Fünfziger verändert man sich nicht mehr gern, bleibt lieber, was man war und ist; ich gehöre doch eben ein Lebensalter länger als du dem Judentum an; die tausend Erinnerungen von fünfzig Jahren lasten sich dann nicht so leicht abschütteln. Und dazu kommt noch ein innerer Grund. Es gibt im Judentum einen allerinnersten Kern, den ich auch als Darwinist nie aufgegeben habe und nicht aufgeben möchte." "„Du meinst?" „Die Lehre vom Allerhalter, Allumfasfer." „Die ist faustisch, goethisch." „Und doch auch jüdisch." „Wie sie christlich ist." „Gewiß, doch sieht das Judentum von jedem Mittler ab." „Den du verwirfst?'" „Dessen ich nicht bedarf. Aber nun hast du auch genug katechisiert. Sage mir lieber, was dich eigentlich nach Mondenstein führt." „Ich habe ein Kommissarium, den erkrankten Kreisrichter v. Felseck bis zu feiner Genesung zu vertreten." ,>Dann wird deines Bleibens hier nicht lange sein; er ist so gut wie wieder'hergestellt und will übermorgen die Amtsgeschäfte in vollem Umfange aufnehmen." „Um so besser, Onkel; so reise ich morgen ab, denn, so sehr ich dich schätze und verehre, es ist mir lieb, gerade von stier rasch wieder weg zu kommen; erführe man, daß ich dein Nesse bin, würde es an unerquicklichen Bemerkungen über meinen früheren Namen und Glauben nicht fehlen." „Ah, nun weiß ich auch, welche Krankheit dich in meine ärztliche Sprechstunde führt. Du leidest offenbar an zurückgetretener Verwandtschaft; nun, da brauchst du dich nicht zu beunruhigen; ich hätte dich als Neffen hier nicht reklamiert!" „Aber Onkel!" „Na, ich nehm dir^s ja, nicht weiter übel, mein lieber David, wollte sagen Dagobert Hildebrand. Nun, lebe wohl mein Junge, und ich kann dir nur wünschen, daß der getaufte Jude nicht ebenso schmerzlich an seine Abstammung erinnert werde als der ungetanste. Dein wahren Antisemiten bleibst du doch immer der halbe Jude." „Wer doch auch ihm nicht mehr ein ganzer." „Mit dieser Halbheit wäre mir nicht gedient. Nu, Gott befohlen, Herr Assessor!" (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — ftaminfö, Rabbiner Dr. Armand. „Meine Reise nach Jerusalem." Skizzen aus Aegypten und Palästina. Frankfurt a. M. 1913. I. Kausfmann. Die früher in verschiedenen jüdischen Zeitschriften veröffentlichten Reisebriese hat der Verfasser nunmehr gesammelt und in Buchform erscheinen lassen. Und wahrlich, er hat uns damit eine sehr willkommene Gabe gebracht! Zunächst versteht es der Verfasser, die empfangenen Eindrücke, die die ganze Tiefe seines Gemütes und den Reichtum seines Geistes" offenbaren; - so anziehend und fesselnd darzustellen, daß der Leser'diese Gefühle und Gedanken unwillkürlich als seine eigenen zu erkennen glaubt, vorausgesetzt, daß er an den Schicksalen seines Volkes in Vergangenheit und Zukunft wärmeren Anteil nimmt. Insbesondere finden die ehrwürdigen historischen Reminiszenzen, die sich an die von ihm besuchten Orte knüpfen, einen, wenn auch meist von selbst gegebenen, doch immer unaufdringlichen und würdigen Ausdruck. Jedenfalls ist er ein Meister des Stils, und die skizzenhafte Schilderung seiner Erlebnisse ist meist wirkungsvoll wie in einem Roman. Doch abgesehen von der mustergültigen Form, sind die Berichte, die uns der Verfasser über die wahrgenommenen allgemeinen Verhältnisse gibt, sehr wertvoll. Denn er betrachtete alles, was er sah, nicht als einfacher neugieriger oder vielleicht wissensdurstiger Reisender, sondern mit dem geschärften Blicke des erfahrenen Kenners, der durch viele Reisen in aller Herren Länder, die er im Dienste der Wiener israelitischen Allianz und im Interesse hartbedrängter Glaubensbrüder übernommen, Schein und Wirklichkeit, Spreu-und Weizen genau unterscheiden gelernt hat. Vielleicht wäre es für die Bereicherung seiner und unserer Kenntnisse noch vorteilhafter, wenn sein Erscheinen ein unverhofftes, nicht vorher angesagtes gewesen wäre, denn es mag wohl an einzelnen Stellen, ähnlich wie bei angesagteü Fürstenbesuchen, eine schöne, jedoch täuschende Fassade angelegt