Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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573 - Ebenso wird Josef in demselben Theaterstücke als mustergültiger Sohn dargestellt, der alles Mögliche ausbietet, um seinen greisen Vater vergnügt und glücklich zu machen. Es sind jetzt eben zwanzig Jahre verflossen, seitdem Rev. M o r i s Josef sein Amt.als erster Prediger an der Hiesigen reformierten Gemeinde angetreten hat, und er benutzte jüngst diese Gelegenheit, in einer von ihm gehaltenen Predigt einen Rückblick auf die Fortschritte zu werfen, die seine Gemeinde in religiöser Hinsicht während" der fraglichen Periode gemacht hat. Diese Fortschritte, sagte er, seien recht befriedigend, und er hoffte, daß sie auch in Zukunft allgemeine Befriedigung erzielen werden. Es sei auch, fügte der Redner-hinzu, erfreulich, zu bemer-, ken, daß viele Mitglieder der Londoner orthodoxen Synagogen, die in früheren Jahren eine gewisse Antipathie gegen den in seiner Synagoge abgehaltenen Gottesdienst zu bekunden pflegten, in neuer und neuester Zeit nach dieser Richtung hin viel toleranter geworden sind. Ja, noch mehr. Es sei nicht zu verkennen, daß letzterer einen beachtenswerten, guten Einfluß aus das allgemeine jüdisch-religiöse Leben in London und im englischen Reiche. überhaupt ausgeübt hat. Der Dntilrmit. Roman von Ernst Theodor Justi.;ggBlfrL6tSjy XXII. das ist Geschmackssache; deshalb schlägt man sich .4^. nicht." — „Gewiß; aber dann kamen sie auf eine Dame zu sprechen, die im Hotel längere Zeit gewohnt hatte und eben abgereist war, eine Dame, die ich nie gesehen, deren Name ich noch heute nicht kenne. Sie sagten ihr vieles Schlimme nach, Koketterie und Aergeres, und schließlich erzählte mein Nachbar, daß der etwas kränkliche Mann der Abgereisten alle Koffer allein habe packen müssen, da die Frau selbst dazu viel zu träge und bequem gewesen. ' Mein vis-ä-vis stimmte lebhaft bei und schloß mit den Worten: „Ja, an der Faulheit erkennt man die Jüdin". — Da schoß mir das Blut zum Kopse; ich gedachte meiner teuren seligen Mutter, die unermüdlich von früh bis spät geschasst und gearbeitet hatte, und ich warf entrüstet dem Herrn die Frage zu, wie viele jüdische Frauen er denn kenne, um einen solchen Vorwurf gegen sie alle zu richten. Er antwortete barsch, daß mich das nichts anginge, da er sich nicht mit mir unterhalten habe; ich replizierte, daß er an offener Wirtstafel eine Verleumdung ausgesprochen habe, die er zurückzunehmen oder zu beweisen habe; ein Wort gab das andere, und schließlich warf er mir ein „unverschämter Judenbengel" an den Kops. Meine Freunde, die den Anfang der Debatte nicht gehört hatten, wurden erst jetzt auf unseren Streit aufmerksam und suchten zu intervenieren; mein Gegner war preußischer Hauptmann a. D.; das Resultat war ein Gang auf krumme Säbel. Hättest du, Onkel, nicht in gleicher Weise gehandelt?" „In meinen Studentenjahren vielleicht. Heute würde ich die Sache ruhiger behandeln und mich nicht, wie du, durch die Einmischung in ein fremdes Gespräch ohne vorangegangene Vorstellung ins formelle Unrecht setzen." „Schweigen hätte ich als Feigheit betrachtet." „Das wäre es nur gewesen, falls sie die Rede an dich gerichtet hätten. Und würdest du heute als getaufter Jude nicht denselben Ingrimm im gleichen Falle empfinden?" „Gewiß, aber ich würde mich nicht mehr für verpflichtet halten, ihm Ausdruck zu geben." Der Doktor lächelte. „So ist der Uebertritt ein wertvolles Mittel zur Zügelung unseres Ingrimms und zur Friedfertigkeit, ein Anlaß, unsere Waffen aus dem Fechtboden niederzulegen." „Verkenne mich nickst, Onkel. Ich habe zwar kein Eisernes Kreuz wie du, habe leider auch wegen meiner starken Kurzsichtigkeit, die du kennst, nicht gedient; aber ich war doch Burschenschaftler und scheue auch heut noch weder Hieb noch Schuß. Aber ich bin in der Tat müde, im Eisenbahncoupe und in der Restauration in jeder jüdischen Anekdote eine Anzüglichkeit zu wittern und beim kleinsten Wörtchen zittern zu müssen; ich mag nicht mit Wucherern und Trödlern in einen Topf geworfen werden; ich mag auch nicht bei der Ausstellung des Passes oder als Zeuge oder sonst bei der Frage nach der Konfession das Wort „jüdisch" mühsam herauswürgen; ich wollte nicht den Namen David Hirscheles mehr tragen, der an Palästina und Galizien erinnert, während mein ganzes Denken und Fühlen wie meine Sprache und meine Bildung, deutsch und nur deutsch sind, und ich für Palästina nichts, aber gar nichts empfinde." Ich will meinen Kollegen als gleichwertig erachtet werden, ich mag nicht gesellschaftlich hinter anderen zurückstehen, die vor. mir nichts voraus haben als ihre christlichen Vorfahren." „Du bistdoch aber im Judentum aufgewachsen und als Jude konfirmiert worden?" „Was verstand der 13 jährige Knabe viel davon, als er zur Thora ausgerufen wurde? Das vorgesprochene Wort wurde nachgelallt und erst vier Jahre später ging mir das Lessingsche Wort vom verlorengegangenen echten Ringe auf." „Ja, muß man denn einen Ring'am Finger tragen?" fragte der Doktor. „Hättest du nicht auch konfessionslos werden können? Ist das denn dem Beamten verboten?" „Verboten allerdings nicht," sagte der Assessor, „aber der Konfessionslose ist oben noch unbeliebter als der orthodoxe Jude." „81 non e vero, e ben trovato,“ sagte der Doktor. „Und gibt es nicht," fuhr der Assessor lebhaft fort, „Hunderte von christlichen Naturforschern, Aerzten und Philosophen, deren Stellung zur Religion sich von meiner und wohl auch deiner Auffassung nicht um einen Deut unterscheidet, und die dennoch aus der christlichen Kirche nicht ausgeschieden sind. Stand Goethe, Humboldt, Feuerbach, David Strauß zur Dreieinigkeitsdoktrin und den sonstigen Dogmen etwa anders als wir? Und sie blieben doch nichtsdestoweniger Christen." „Sie blieben es, mein lieber Nesse; sie wurden es nicht." „Ich finde den Unterschied nicht so groß. Kann ich in einem Hause ruhig bleiben, obschon im Bau mir dies oder jenes mißbehagt, — warum sollte ich nicht auch in dieses Haus eintreten dürfen?" „Ja, wenn, um in deinem Bilde zu bleiben, der Eintritt völlig frei stünde, wenn er nicht teuer erkauft werden müßte, erkauft durch das schwerste Opfer, das des Intellekts." „Das kommt doch auf den Geistlichen an, der uns den Eintritt in dies Haus erschließt. Mir ist kein Opfer des Intellekts zugemutet worden; ich habe keinerlei Tausbekenntnis abgelegt." „Ausdrücklich nicht; doch redet ihr Juristen ja so oft von stillschweigenden Willenserklärungen und konkludenten Handlungen; die Handlung, die ich an mir mit meinem freien Willen vornehmen, und die Worte, die ich über meinem Haupte sprechen lasse, sind doch ein Bekenntnis, oder wäre das „ln nomine patris Wi et spiritu8 8aneti" nicht bei deiner Taufe gesprochen, und wäre das apostolische Kredo nicht verlesen worden?"