Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- Seite 569 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ZU ernenn in sich geschlossenen islamitischen Kulturstaate emporblühen. Dann könnte in der Tat die Türkei auf den Titel einer Vormacht des Islams Anspruch erheben, der in Vorderasien ungefähr die gleiche Rolle Zufällen würde wie den Japanern im fernen Osten.; * . Was ich imvorangehenden geschildert habe, ist der Weg, den die Türkei in ihrer weiteren Entwicklung zu gehen hätte; der einzige Weg, der hierbei zum Ziele sichren könnte. Wie weit die in dieser Perspektive sich zeichnende Gestaltung der Dinge in der Folge feste Gestalt annehmen wird, läßt sich von vornherein mit Bestimmtheit natürlich nicht sagen. Mehr noch als im Leben, des einzelnen spielt vielfach im Leben der Völker der Zufall eine wichtige Rolle. Eingriffe von außen, Fehlgriffe von irwrett vermögen das in langwieriger und mühseliger Arbeit Errichtete gar leicht über den Haufen zu werfen. Aber alle auf Imponderabilien dieser Art abzielenden Erwägungen, sofern ihnen überhaupt ein mehr als spekulatives Interesse beizulegen wäre, würden den Rahmen der vorliegenden Untersuchung überschreiten, deren Aufgabe allein darin besteht, das Problem der Türkei in seiner inneren Struktur zu prüfen und dabei jene Möglichkeitsmomente bloßzulegen, die nach ihren organischen Voraussetzungen sich im Schoße der Zukunft zu Wirklichkeiten zu gestalten verheißen. Wird aber die Türkei nun diesen Weg auch tatsächlich, geh en, diesen einzigen. Weg, auf den sie äußere und innere Notwendigkeit mit unerbittlicher Konsequenz gedrängt haben? Manches spricht wohl noch dagegen, vieles indessen doch schön dafür. Es ist nicht zu bestreiten, daß die Osrnanen nur wenige Freunde in Europa h allen, und d aß felbst unter diesen .kaum einer ihnen mehr als platonische Liebe entgegenbringt. Der Kreuzzugsgedanke gegen die Moslems war bei den christlichen Völkern immer latent und hat im letzten Kriege nur feste Gestalt gewonnen. Immerhin dürfen wir. annehmen, daß in der europäischen Politik die praktischen, Erwägungen, die auf eine Erhaltung der Türkei gebieterisch Hinweisen, die Oberhand behalten und stark genug sein werden, widerstrebende Gefühle zurückzudrängen. - . Wichtiger noch ist die Frage, wie weit die türkische Regierung selbst den neuen Anforderungen sich gewachsen zeigen wird. Die Politik der Hohen Pforte war bisher ein ewiges Lavieren und Diplomatisieren, nichts als „Ministerium des Aeußeren". Werden ihre Staatsmänner ans sich heraus die Kraft zum Umlernen finden und, statt in der äußeren Politik sich laufzureiben, hinfort im inneren Staatsdienste aufzugehen suchen? Auch hier scheinen sich Anzeichen bemerkbar zu machen, als wenn man endlich aus dem Schaden klug zu werden ansinge. Ein Jrade des Sultans verfügte vor einiger Zeit die Anwendung der arabischen Sprache in den Schulen und Gerichten Arabiens. Es sollen ferner in Zukunft als Verwaltungsbeämte nur noch solche Personen nach Arabien geschickt werden, die der neuarabischen- Sprache kundig sind. Damit'ist ein lang gehegter Wunsch der arabischen Volksstämme erfüllt und die Grundlage für eine selbständigere Ge- . staltung der arabischen Wilajets gelegt. Auch auf administrativem Gebiete.hat die Regierung reformierend vorzugehen beschlossen, wobei ganz besonders den Ansprüchen der armenischen Bevölkerung Rechnung getragen werden soll. So sollen die Machtbesügnisse der Walis erheblich erweitert und in den einzelnen Wilajets Generalräte mit -weitgehenden Kompetenzen eingesetzt werden. Auf diese Weise hofft man, bei Regievungsmaßnahmen in bedeutend höherem Grade als bisher den Lotalverhaltmssen sowie den Wünschen und Bedürfnissen der Ortsbevölkerung Berücksichtigung angedeihen lassen zu können. Bedenkt man nun, daß es gerade die extrem-zentralistische Politik war, die sich >als die Wurzel alles Nebels und die Quelle alles Unheils der letzten Jahre erwiesen hatte, dann kann man sich leicht einen Begriff davon! machen, welcher gewaltige Geistesumschwung den angeführten Maßnahmen vorangegangen sein muß. Indem aber jetzt das Komitee für Einheit und Fortschritt die Forderung eines zentralffierten Regiernngsshstems, die den wichtigsten Punkt seines Programms ausmachte, gänzlich fallen läßt, hat es kundgetan, daß es endlich die Zeichen der Zeit richtig zu deuten versteht. Und glücklicherweise, ist auch noch die Türkei, dieser ewig kranke Mann, kräftig genug, um einige Gewaltkuren selbst ä 1a Dr. Eisenbart, über sich ergehen lassen zu können. Bon Fuad Pascha, dem genialen türtischen Großwesir unter. Alldul- Aziz, wird eine Anekdote erzählt, die wiedergegeben zu werden verdient. Er befand sich eines Tages im Kreise fremder Diplomaten, die' sich über die Widerstandsfähigkeit der von ihnen vertretenen Reiche unterhielten. Auf die Frage, welche Macht er denn-eigentlich für die festeste hielte, antwortete er sarkastisch lächelnd: die Türkei, welche man seit einem halben "Jahrhundert von allen Seiten vergeblich niederzukriegen versucht. Die Machte arbeiten ebenso am Zerstörungswerke von außen wie die Türken von innen. Aber die Türkei widersteht diesen Anstürmen; ja, nicht selteri überrascht sie dabei durch geradezu erstaunliche Jugendkrast und Lebenssülle. Und ich bin überzeugt, schloß Fuad Pascha nachdenklich, daß sie selbst in verstümmeltem Zustande noch lange widerstehen wird, bis ihr mal einst ein kühner Reformer die erwünschte Rettung bringt...' 25 jähriges Jubiläum der Dan-iger neuen Synsgoge. Von..Willi am Ben dt. ^A^ie Schaffensfreudigkeit in Danzig, die zur Zeit der Herr- 3^/ tctjaft des Deutschen Ritterordens im 14. und 15. Jahrhundert, die hohen gotischen Dome, und während der größten Blüte seines Handels im 16. und 17. Jahrhundert die prächtigen Denkmäler der'Renaissance errichtete, lebt weiter triebkräftig fort. Das beweisen Zahl und Ausführung seiner Architekturen aus neuester Zeit. '. . Bei aller Berücksichtigung der modernen Bedürfnisse der verdreifachten Bevölkerung erneute es sich vornehmlich unter Leitung seines früheren verdienstvollen Oberbürgermeisters Winter voll Pietät gegen die herrlichen Vermächtnisse der Vorfahren.. Im Anschluß an dieselben schufen auch vor 2 5 Jahren (1888) die vereinigten israelitischen Gemeinden von Danzig den Prachtbau ihres Tempels. Weithin über den Stadtwall sichtbar, erhebt sich an der Reitbahn die edel geformte, sechzig Meter hohe, von vier Giebeln eingefaßte Kuppel über den reich gegliederten Bau mit der schönen Fensterrosette in der Hauptfastade. Zwei Türme, gleich der Kuppel von Aussätzen gekrönt, wie sie den Alt-Danziger Bauten eigentümlich sind, flankieren die Vorhalle und sind durch überbrückte Bogen mit der Hauptkuppel verbunden. Ebenso zeigt die Prachtvolle Vorhalle mit ihren vier Säulen den Charakter der Danziger Renaissancebauten. Diese Vorhalle dient als Wochentagssynagoge. Von dem zehn Meter tiefen quadratischen Raum unter der Kuppel, der sich als Vorhos betrachten läßt, öffnet sich die Perspektive auf das imposante Innere des Tempels, das aus einer überwölbten Halle mit vorgelegten.Nebenschisfen besteht, deren Gewölbe, Rund- und Korbbögen auf schlanken Granitsäülen,