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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-28 · Heft 48 (28.11.1913) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 48 (28.11.1913)
Date
1913-11-28
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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Die jüdische Schuljugend empfängt ihren Unterricht zum größten Teil in den öffentlichen Negierungsschulen, die hauptsächlich von jüdischen Schülern besucht werden. Da hier täglich eine Stunde Hebräischer Unterricht erteilt wird, und zwar auf Kosten der Regierung,-können die Juden meist-von der Errichtung eigener Religionsschulen abseh en. Für seminaristisch gebildete jüdische Lehrer bieten sich übrigens in Südafrika vorzügliche Chancen. Die Juden als Glieder eines vielfach unterdrückten Volkes gehören in Südafrika-zu den eifrigsten Verteidigern der Rechte eines Volksstammes, der gleichfalls unter Ausnahmegesetzen zu leiden hat. Im Transvaal besteht nämlich für Ansiedler aus Britisch-Jndien ein Ansiedlungsgebiet ähnlich dem jüdischen Ansiedlungsrayon in Rußland. Die Indier sind auf.die Provinz Natal angewiesen und haben sogar hier eine Kopfsteuer zu bezahlen. Diese Maßregel soll angeblich aus wirtschaftlichen Gründen notwendig sein, um ein Herabdrücken der Löhne zu verhüten, und soll ferner einer weiteren Nässenmischung etttgegenwirken. Zwei jüdische Bürger von Johannesburg sind nun kürzlich verhaftet worden, weil sie Indiern widerrechtlich zur Einwanderung in außerhalb des Ansiedlungsgebiets liegende Provinzen verholfen haben. Obwohl die Betreffenden unstreitig gegen das Gesetz verstoßen haben, bringt die öffentliche Meinung ihrer Handlungsweise lebhafte Sympathie entgegen. Es ist hierbei daraus zu verweisen, daß die jüdischen Ansiedlerr in Südafrika ja meistens russische Auswanderer sind, die in ihrem Herkunftslande die Schrecken von Ausnahmegesetzen am eigenen Leibe erfahren haben. Aus Amerika wird uns geschrieben: Friedrich S. .Spiegel wurde zum Mayor von Cincinnati gewählt. Cincinnati hatte nur einmal einen Mann von jüdischer Geburt, der aber dem Judentum ganz fernsteht, zum Mayor, einen Herrn Julius Fleischmann. Auch sonst ist es mit Ausnahme von San Francisco kaum vorgekommen, daß ein Jude den kurulischen Stuhl einer Stadt ersten Ranges innehätte.Der jüdische Bürgermeister San Franciscos war Adolf Sutro, ein Neffe des bekannten Führers der Orthodoxie und Rabbiners von Münster. Friedrich Spiegel wurde am 20. November 1858 in Hovestadt, Westfalen, geboren, kam als vierzehnjähriger Knabe nach Amerika, begann als Reporter und trat früh in das öffentliche Leben, füllte verschiedene Aemter, zuletzt das eines Richters am Appellationsgericht, aus und wurde am 4. November zum Mayor gewählt unter Umständen, die ein Zeichen seltener Popularität sind. . Wir haben jetzt eine Epidemie des Idiotentums. Man kann kaum über die Straße gehen und sicherlich keine Zeitung in die Hand nehmen, ohne das Wort „Jschkebibbel" zu vernehmen. Es bedeutet so viel als: „Was liegt mir daran?" Der Ursprung wird aus einer Phrase des russisch-jüdischen Jargon abgeleitet, wo man sagt: „Lo Fillolti (Gen. 48, 11) is nisch gefiddelt". In etwas veränderter Form hat einer der zahlreichen jüdischen Vaudevilleunternehmer diese Phrase aus die Bühne gebracht, und jetzt kann man sich ebensowenig davor retten, als seinerzeit in Berlin vor dem „kleinen Cohn" oder dem „Stuhl da für meine Hulda". Aach dem jfrirdrnslchluh. Von Dr. A l p h o n s I. S u ß n i tz k i. (Schluß.) ie erste Wirkung wäre dabei sogar von internationaler Bedeutung, indem nunmehr die Christensrage von der Tagesordnung' der türkischen Politik verschwinden und den europäischen Mächten endlich ein Grund zur Einmischung genommen werden dürfte. Denn wer will im Ernste daran : zweifeln, daß die channigsachen Ausschreitungen gegen - Griechen und Armenier zum großen Teile doch nur das Ventil der in grimmer Erbitterung'über die eigene Ohnmacht bis zum Ueberkochen gediehenen' Volksleidenschast gewesen s find? Die Christenverfolgungen bildeten ' sozusagen das instinktmäßige Erstreben des 'Prinzips des Gleichgewichts; .eines freilich sehr kläglichen Gleichgewichts. Früher, in den Zeiten unerschütterlicher Reichsstärke, blieben derartige , Vorgänge aus. Blindes Umsich,schlagen ist das traurige Vorrecht des Unterlegenen, wie Großmutüben die fast natürliche Pflicht des Siegessicheren. Mit der wachsenden Konsolidierung des Staates würde also wohl auch die Gefahr einer Wiederkehr jener traurigen Vorkommnisse immer mehr schwinden. Allerdings müßte dann das Kolonisationsverfahren der Regierung radikal und durchgreifend sein; ungleich radikaler und durchgreifender zum mindesten, als es bisher der Fall war. Die Dartaren, Grusier, Lasen, Tscherkessen sind trotz der ziemlich langen Dauer ihrer Ansiedlung nach Sitte, Sprache und Kult«x nicht nur voneinander wie im Anfang gänzlich verschieden geblieben, sondern haben es in dieser Beziehung nicht einmal zu einer einigermaßen nennenswerten Verschmelzung mit den alteingesessenen Volkselementcn, in deren Mitte sie verpflanzt wurden, gebracht. Und damit kommen wir zum eigentlichen Kernpunkt des Problems, von dessen Lösung die künftige Gestaltung, ja das ganze Schicksal des osmanischen Reiches in erster Linie abhängen dürfte: ich meine, die e n d licheRegelung desVerhältnisses zwischen Türkentüm und Arabert um. Eine weite, tiefreichende Kluft trennt, Feinde gleich, diese beiden größten und wichtigsten Völkerschaften des Halbmondreichs voneinander; und kaum minder als der Giaur wird auch der. Türke vom. Araber gehaßt, in dessen Augen die Osmanen als Kalifen nur Usurpatoren sind, und dessen verzückter Geist die dermaleinstige Wiedereinsetzung des alten, in erhöhtem Glanze neuerstrahlenden arabischen Kalifats unablässig träumend schaut. Allein dieser Gegensatz, diese Feindschaft, diese Separationsgelüste müssen unter allen Umständen überbrückt und überwunden werden, wenn die Bemühungen um eine Erstarkung der Türkei nicht lediglich chimären, sondern wirklichen Erfolg haben sollen. Denn die Frage der dauernden Aussöhnung der arabischen Welt mit dem Kalifat der osmanischen Sultane ist für die Machtstellung und Größe des türkischen Reiches unendlich wichtiger, unendlich bedeutsamer als sämtliche Erwägungen, wie weit, ein Streifen mehr oder weniger europäischen Bodens der Hohen Pforte zum Vorteile gereichen könnte. Daß eine solche Schlichtung antagonistischer Tendenzen sehr wohl im Bereiche der Möglichkeit ist, hat gerade der Tripoliskrieg , bewiesen, dessen bedeutsame, bei geschickter Ausnutzung der Situation in ihren Folgen schier unabsehbare Wirkung wctr, daß Türken und Araber zu gemeinsamem Kampfe sich zusammengefunden haben und zum erstenmal seit langem in ganz Arabien ernstlichere Auslehnungsversuche gegen die Zentralregierung während dieser Zeit fast völlig unterblieben waren. Schließlich war es doch vor allem gleißender Goldglanz, in dessen verführerischem Gefunkel den Arabern ihre Kalifenkrone so verlockend und deren Wiedererlangung so Legehrungsvoll erschien. Indem nun England, -in dessen eigenem Interesse, schon mit Rücksicht auf Rußland, eine weitere Gefährdung der Türkei kaum liegen kann, seine bisherige Wühlarbeit in Arabien einer wesentlichen Einschränkung unterziehen dürste, ist damit zugleich die Hoffnung gegeben, daß in Zukunft auch die Hetzwirkung des Kalisatsblendwerks wegfallen, und leichter denn je ein Ausgleich der Beziehungen beider Reichsteile sich' herbeisühren lassen wird. -Gelänge es aber der Türkei, hier Erfolge zu erzielen, dann stünde sie mächtiger als zuvor da. Aüs dem ehemals schwachen byzantinischen Reiche würde sie sich zu einem stärkt türkisch-arabischen wandeln, würde aus dem halb europäischen, halb asiatischen, in seiner Halbheit weder recht europäischen noch recht asiatischen Staatsgebilde

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