Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- Seite 566 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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566 machen gegen den Abfall von der Landeskirche, so soll er damit beginnen, den Bekennern aller Positiven Religionen die Möglichkeit zu geben, nach ihrem Sinn religiös zu leben, ohne hierdurch in Wirklichkeit in ihrem Vorwärtskommen behindert zu sein. Bit Woche. Berlin, den 25. November 1913. öffentlich haben wir auch in Zukunft nicht nötig, aus den Beilisprozeß zurückzukommen, obgleich einzelne Zeitungen meldeten, daß der Staatsanwalt.sich bei detn Urteile nicht beruhigen wolle. Inzwischen sind dem armen Manne verschiedene Anträge zugegangen, sich öffentlich zu produzieren. Er hat sie vernünftigerweise abgelehnt. Gegen diese, widerlichen Versuche, die Sensationslust des Publikums zu befriedigen, veröffentlicht der „Pester Lloyd" nachstehenden Artikel: Beilis dankt... In Kiew sitzt im verfallenen, ärmlichen Häuschen ein Manu; müde, abgehärmt, krank an Leib Md Seele. Die stärksten Lustgefühle sollten sein Inneres in maßlose Schwingung versetzen: nach langer Hast ist ihm die, seit Unfreiheit besteht, als das höchste Gut gepriesene Freiheit wiedergegeben worden. Alle Bitterkeit, alles unverdiente Leid, alle sinnverwirrende Angst vor dem Laus der irdischen Ungerechtigkeit sollten wie Nebel unter dem Strahl der Sonne von ihm weichen imb einem einzigen Jubelgesühl Platz machen, das der namenlosen Freude Florestans nicht nachzustehen brauchte. Aber seiner Seele hat das Erlebte die Elastizität genommen; sie ist zu müde, um.rasch zu schwingen und hoch zu fliegen. Und, wer weiß, vielleicht bringt der Morgen neue Qual, neue Angst. Jetzt schon fliegen Steine durch die Fenster, von der Straße tönt dumpf das Grollen einer unzufriedeneil Menge, er und die Seinen sind vor ihrer Wllt nicht -übermäßig sicher geschützt. : Der Mann fitzt bleich, mit gebeugtem Nacken und gefurchtem Antlitz in. seinem ärmlichen Zimmer. Da klopft es an die Tür und herein tritt — der Impresario.' Der Westen kommt zu dem Osten, das. zwanzigste Jahrhundert zum Mittelalter. „Komm", spricht der Impresario, „ich führe dich fort von hier und wandle dein Leid in Gold. Dein Name, grau zuerst, dann von blutigem Schimmer beschienen und durch die Welt gellend, -wird dir und mir metallisch glänzen. Dein Schicksal ist Geldeswert, dein Martyrium eine Goldgrube." v And Beilis dankt. Still und müde. Der Osten lehnt den Westen ab.'" Aber auf dem Tisch in der armen Kiewer Vorstadtstube häufen sich die Briese und Depeschen ans dem Westen,. dazwischen blinkt es von dem Gelde der Barmherzigen und Mitleidigen. Es wird immer mehr, bald -wird sein Schein zu dem Auge des. armen Mannes, dringen und'- -es blenden. Und dann wird > eim ^Impresario .kommen^ d,er nicht mehr entschieden abgewiesen wird), und, der: -dx-itte wird die Hütte vielleicht mit einem Kontrakt in der--Tasche .verlassen. Der Kiewer Prozeß ist dann den Impresario zuliebe geführt, Beilis den internationalen Neugierigen zuliebe angeklagt, gepeinigt und freigesprochen worden. So grotesk sich der smarte Amerikaner in der kümmerlichen Kiewer Hütte ausnimmt, so peinigend scharf hebt sich die weitest wirkende technische Errungenschaft der Neuzeit, die Jmpresa, von der mittelalterlichen Atmosphäre dieses Prozesses ab. Es hat hier orthodoxe Theologen gegeben, die im Talmud blätterten und den Ritualmord suchten, und die Inquisition funktionierte wie zur Zeit Jgnatii von Loyola. Die gesamte rabbinische Wissenschaft war aufgeboten, das Märchen vom Ritualmord zu widerlegen. Da kommt der Impresario — was ist der Freispruch neben ihm! — und macht dem Streit ein Ende. Es gibt keinen Ritualmord, es gibt nur die Sensation und das Geschäft. Beilis hat gedankt. Er dankt für Brief und Geld, für Glückwunsch und Beileid. Er ist so müde und möchte ausruhen. Aber der Impresario kommt, reißt ihn vom Stuhl, und Beilis, ob er nun will oder nicht, wird die Reise nach Amerika machen müssen. Die sittliche und geistige Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts hat ihn dem Henker entrissen. Der Geschäftssinn des zwanzigsten Jahrhunderts wird ihn am Nacken fassen und ihn als Schaustück durch die Welt schleppen. Der Impresario ist eine große Macht; wer kann gegen diese Macht aufkouunen? * In Königsberg i. Pr. fand am 18. November eine außerordentlich besuchte Protestversammlung gegen die Ritualmordanklage statt. Der Dekan der Theologie Prof. Lohr schloß seine Ausführungen mit den Worten: Danach ist ein Ritualmord eine reine Fiktion, halb unverständlich, halb böswillig. Und man sollte endlich aufhören, die jüdische Religion, die als die edelste aller vorchristlichen Religionen bezeichnet werden muß, und die Tausende ihrer Bekenner um einer solchen Fiktion willen zu verunglimpfen. Medizinalrat Prof. Puppe referierte über frühere Ritualmordanklagen und sagte am Ende seiner Rede: Das Resümee dieser fünf Fälle ist folgendes: Im Polnaer Falle ist der Täter ermittelt und verurteilt worden, weil er den Mord aus sexuellen Motiven begangen hat. Im Tiszaer Falle handelt es sich vielleicht gar nicht um einen Mord, sondern um einen Unfall. In den drei anderen Fällen ist der Täter nicht ermittelt. Die strafrechtliche Verfolgung dieser Morde halte ich auch für aussichtslos mit dem Moment, wo das Wort „Ritualmord" fällt. Der Ritualmordgedanke konnte einen derartigen Umfang annehmen, weil es sich um eine Massensuggestion handelt. Der Einzelmensch geht unter in der Masse, durch diese Umwandlung des Individuums in ein Herdenwesen kommen Ereignisse zustande, wie sie hier besprochen wurden. Wir sollen individuell urteilen und nicht der Masse folgen und wir wollen uns bemühen, naturwissenschaftliche Kenntnis und Erkenntnis zu pflegen und uns damit trösten, daß die Gerechtigkeit doch an den Tag kommt. Recht muß doch Recht bleiben! Hierauf ergriff das Wort der Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik Medizinalrat Professor Dr. Meyer, um namens der Psychiatrie unserer Hochschule Protest einzulegen gegen das Gutachten von Sikorski, dem langjährigen und früher hochangesehenen Vertreter der Psychiatrie an der Kiewer Universität, das in dem Beilisprozeß eine so hervorragende Rolle gespielt hat. Als Vertreter der Psychiatrie in der Albertina möchte ich besonders hervorheben, wie sehr zu bedauern ist, daß gerade die Psychiatrie, die Lehre von der Erkenntnis und Behandlung der geistigen Störungen, dazu hat herhalten müssen, um das Verfahren zu dem sogenannten Ritualmordprozeß zu stützen, das Fach, das eigentlich berufen war, den Wahn der großen Massen zu zerstören. Sikorski hat sich auf ein Gebiet begeben, das ihm vollkommen fremd war. Seinerzeit sind die Aktenstücke, die zum Kiewer Prozeß Vorlagen, und auch das Gutachten Sikorskis einer ganzen Reihe von Vertretern der Psychiatrie an deutschen, österreichischen, Schweizer, englischen und französischen Universitäten vorgelegt worden, und sie haben sich etwa in dem Sinne geäußert, daß nicht das geringste von dem, was Sikorski vorgebracht hat, haltbar ist. Gerade von Sikorski ist in ansgezeichneter Weise früher beschrieben worden, wie ein Wahn-ganze Massen ergreifen kann. -Man kann es mib den ■■■ russischen Psychiatern, die jetzt einen Protest gegen Sikorski erhoben haben, nur bedauern, daß dieser Mann, dessen Lehren dazu beigetragen haben, den Aberglauben zu zerstören, nun anscheinend demselben Aberglauben wieder verfallen ist, den er früher bekämpft hat. Zum Schluß sprach Herr Rabbiner Dr. Vogelstein. Er setzte auseinander, daß die Bibel den Blutgenuß verpönt, legte dar, wie Fürsten und Päpste gegen die stets erneuerten Anklagen aufgetreten seien und bemerkte dann folgendes: Neuerdings nennt man die Sekte' der Chassidim, die das Verbrechm des Ritualmordes gebiete. Es gibt keine Sekte, keine Richtung innerhalb des Judentums, die den Mord gebietet oder zuläßt. Der Selbstschutz des Judentums würde uns längst zu Anklägern solch einer verruchten Sekte' gemacht haben, wenn daran nur ein einziges Wort wahr wäre. Die chassidische Sekte kann man vielleicht als eine Parallelerscheinung zum Pietismus in der protestantischen Kirche auffassen, der eine Verinnerlichung des gesamten geistigen Lebens bezweckte. Gegen den Aberglauben und den Fanatismus steht die Gesamtheit der Gebildeten, die gesamte Kulturwelt, das haben uns die letzten Monate gelehrt. Die Solidarität der gesitteten Menschheitist notwendig zum. Kampfe gegen die Ausgeburten des Hasses und der Verleumdung. Diesem Moloch sind unerhörte Menschenopfer