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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-28 · Heft 48 (28.11.1913) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 48 (28.11.1913)
Date
1913-11-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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77. Jahrgang Nr. 48 Berlin, 28. November 1913 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»« Unter Leitung des Geheimen Negierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Uuöolk Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementS'preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor- .orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 JTT. — Postscheckkonto 32^. Alle Zusendungen für Redaktion und Lxxedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Ierusalemer Straße $6/t9, zu richten.' Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Ter sozialdemokratische Massenstreik gegen die Staatskirche und — wir Juden. Von Rabbiner Dr. Gelles, Lissa. — Die Woche. - Nach dem Friedensschlnß. Von Dr. Alphons I. Sußnihki. — 2sjähriges Jubiläum der Danziger neuen Synagoge. Von W i i i i n m Vendt. — Ein Werk über den jüdischen Gottesdienst. Von A. K. — Brief aus London. Von I. Cho tzner. — Feuilleton: Der Antisemit. Roman von Ernst Theodor Justi. — Literarische Mitteilungen. — Lesesrüchte. — Büchereinlaus. — Sprechfaul. — Nachtrag zu Seite 560. Der Gemcindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Graudenz, Neumark (Westpr.), Breslau, Dessau. Hannover, Wien, Kiew. — Von Nah und Fern. Der losisldrmokrstilche Msllrnltreik gegen Sie Stsstskirche und — wir Juden. Bon Rabbiner Dr. Geltes. Lissa. n Berlin fanden am 28. Oktober vier Massenversamm- \ lungert statt, in welcher die Sozialdemokraten den Massenstreik gegen die Staatskirche proklamierten. Der Anstritt, aus der Staatskirche wurde zum Politischen Postulat erhoben. Der Hauptredner des Abends, Liebknecht, verstand es, die Zuhörer so hinznreißen, daß noch am gleichen Abend 1328 die Kirchenaustrittserklärung unterschrieben. Gr führte ans: „Die Kirche (speziell die preußische Staatskirche) ist keine religiöse, sondern lediglich eine politische Institution. Sie bedeutet eine Blasphemie gegen die Forderungen des Urchristentums. Sie will keine Verinnerlichung des Menschen schaffen, sondern sie ist bewußtes Instrument der herrschenden Klaffen zur Unterdrückung der Massen und stützt wohlüberlegt unter dem Schutze des Staates die kapitalistische Ausbeutung. . . . Mit den verhängnisvollsten Einfluß übt ans den Staat der preußische Kultusminister ans, dessen Rück-. ständigkeit und Parteilichkeit alles überbieten. Wer der preußischen Kirche angehört, unterstützt dieses Ministerium. . . . Wer innerlich mit der Kirche gebrochen hat und doch noch in ihr verbleibt, ist ein Heuchler. Heraus aus der preußischen Landeskirche! Los von der Kirche und damit von dem preußischen Junkerstaat!" Der Staat wird nicht umhin können, diesen hochbedentsamen Vorgängen seine größte Aufmerksamkeit zu schenken; er wird Mittel und Wege ersinnen müssen, um siegreich den Angriffen der Sozialdemokratie zu begegnen. Werden wir Juden aber mittelbar oder unmittelbar von diesen Vorgängen betroffen? Gewiß! Wie jedes Volk seine besondere Eigenart hat, so galten wir Juden immer als das Volk der Religion. Und wir sind es noch bis auf den heutigen Tag geblieben. Die modernisierenden Bestrebungen in unserer Mitte sprechen nicht dagegen, sondern höchstens dafür. Sie bezeugen, wie lebhaft unser Verlangen nach religiösem Äusleben vorhanden ist, wenn wir die Religion auch in unserem modernen Leben heimisch machen wollen, wenn wir ihr das Gewand erneuern, ohne ihr die Seele umzumodeln. Und als Volk der Religion, als Volk der Bibel muß es uns tief schmerzen, wenn man das Ideal mit Absicht verläßt, zu dessen ersten Verkündern uns die Geschichte gestempelt hat. Nur wo Religion in ihrem wirklichen Wollen begriffen und geübt wird, können wir Juden glücklich leben. Aber vielleicht werden die Vorgänge vom 28. Oktober die Aufmerksamkeit des Staates auch auf uns Juden lenken. Vielleicht wird -er dann endlich erkennen, baß wir ihm die besten Bundesgenossen sein können im Kampfe gegen die Antireligiosität. Wir Juden sind einmal ein konservatives Element: von Natur aus mehr rationell als schwärmerisch angelegt, tauschen wir nicht gern sichere Lebensbedingungen gegen ungewisse ein. Es ist daher entweder Böswilligkeit oder Unkenntnis, ttns „Umstürzler" zu nennen. Wirsind aber auch von Hause aus patriotisch. Ein jeder unter uns wird es bestätigen können, daß er in seiner Jugend mit Vorliebe die Partien der deutschen Geschichte gelesen hat, die in innigster Verknüpfung mit der des Herrscherhauses stehen./ Immer und überall, wo dem Juden die Möglichkeit gegeben war, sein patriotisches Empfinden zu enthüllen, konnte er für Vaterlandsliebe und Königstreue ein Beispiel und Vorbild sein. Mit welcher Begeisterung eilten in diesem Jahre die rumänischen Juden zu den Fahnen, obwohl sie doch wirklich nicht wie Menschen behandelt werden, sondern schlimmer noch als Hunde. Da wir also religiös, konservativ und patriotisch sind, eignen wir uns am besten als Bundesgenossen im Kampfe gegen die Antireligiosität. Der Staat — wir können ihn vor diesem Vorwurf nicht schützen — ist selber schuld daran, wenn der Kampf gegen die Religion solche Ausdehnung angenommen hat. Will der Staat die Religion stützen und fördern, so kann er es nur durch die Mittel, die ihm die Religion selbst in die Hand gibt, indem er sich nicht damit begnügt, Liebe, Gerechtigkeit und Toleranz zu lehren, sondern indem er sie auch lebt. „Religion haben" heißt „gerecht sein gegenüber jedermann". Jetzt hat derStaat die beste Gelegenheit, sein altes Unrecht gutzumachen, indem er endlich auch der jüdischen Religion Gerechtigkeit zuteil werden läßt und dadurch beweist, daß er Achtung vor jedem religiösen Empfinden, vor jeder religiösen Anschauung besitzt. Es mußte die Religion, und zwar die christliche, in den Augen aller gerecht und religiös Denkenden an Wert verlieren, wenn man täglich sah, wie leicht der Staat nicht nur den Uebertritt zum Christentum machte, wie sehr er noch obendrein die Taufe förderte, indem er sie zur Voraussetzung für viele Aemter. machte. Mit der Religion verhält es sich genau so wie mit der Ehre. Der schützt die seinige am besten, der die der anderen hoch und heilig hält. Will der Staat Front

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