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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-21 · Heft 47 (21.11.1913) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 Steglitz und Umgegend werden 800 Mark zur Veranstaltung eines Festgottesdienstes und der Jüdischen Neligionsgemeinde Charlottenburg für die Renovierung der Synagoge Schulstraße 7 ein Kostenbetrag bis zu 5000 Mark mit der Maßgabe bewilligt, daß der Rendant des Vereins, Herr Raczinski, seinem Anerbieten gemäß, die etwa über diesen Betrag hinausgehenden Kosten aus seiner Tasche zu bestreiten hat. Schließlich stimmte die Versammlung dem Anträge zu, der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge für die Zeit vom 1. April bis 1. Oktober d. I. 2500 Mark zu bewilligen. Weitere Bewilligungen sollen von der Beseitigung gewisser Mängel, die sich herausgestellt haben, abhängig gemacht werden. Es sei bemerkt, daß Herr Professor Kälischer eine ganze Reihe von Anständen, die erhoben worden sind, aus Grund eingehender Angaben widerlegte. Es wird sich vielleicht Gelegenheit bieten, auf diese Angelegenheit an anderer Stelle zurückzukommen. Der öffentlichen Sitzung folgte noch eine geheime, in der vorzugsweise Personalfragen zur Erledigung gelangten. Bemerkt sei noch, daß in Zukunft auch Beschlüsse allgenieinen Interesses, die in den geheimen Sitzungen gefaßt werden, im Gemeindeblatt zur Veröffentlichung gelangen sollen. <Vt> Berlin, 18. November. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 13. d. M. der Archivar und Dozent Dr. Eugen T ä u b l e r über „Antisemitismus im Altertum". Der Redner führte etwa folgendes ans: „Ueberall in der Geschichte zeigt sich der Antisemitismus, wo sich eine Massenempfindung religiöser, nationaler, wirtschaftlicher oder allgemein kultureller Art findet. Zur Zeit des alten Israels macht sich kein ins Persönliche umgesetztor, durch Verachtung verschärfter Volkshaß geltend. Im babylonischen Exil wird nichts von Antisemitismus berichtet, auch die persische Herrschaft ist hiervon frei. Anders in Aegypten, in der Diaspora. Nach neu aufgefundenen Papyrusurkunden sind dort schon im 7. Jahrhundert vor Christi Juden nachweisbar, Militärkolonisten, eine Landsmannschaft bildend, nebenbei Ackerbau treibend, eine erbliche Genossenschaft, in der Grenzfeste Elephantine. Aus Anstiften ägyptischer Priester wird ihr Gotteshaus von einem persischen Heerführer zerstört, diese Tat wird aber bestraft und ist ganz vereinzelt. Um 130 vi Chr. berichten die Sibyllinischen Bücher von zahlreichen ägyptischen Juden, welche durch ihre Souderart und ihren Haß gegen die Landessitte, d. h. gegen den Götzendienst und die damit verbundenen Erscheinungen ausfallen. Eine ähnliche Auffassung der heidnischen Kreise meldet auch das dritte Makkabäerbuch. Mld war die Herrschaft der ptölemäischen Könige in Aegypten: Im Gegensatz zu den Königen war die bunt zusammengewürselte hellenisierte Bevölkerung Won Alexandria den Juden feindlich gesinnt. ' Diese Weltstadt, ein antikes Paris, in welcher alle Adern des wirtschaslichen, politischen und geistigen Lebens von Aegypten zusammenliesen, zählte auch sehr viele Inden. Hier ivie im Reich waren diese Kausleute, Geldverleiher, Pächter, Handwerker, immer noch Soldaten in geschlossenen Gruppen, Tagelöhner, aber auch Wahrsager und Quacksalber. Um das Jahr 80 v. Ehr. werden sogar jüdische Feldherren gemeldet. Wenig beliebt waren die Juden als Steuerpächter, zumal in Aegypten die indirekten Steuern in weitverzweigter, selbst heutenoch geübter Weise durchgesührt wurden. Ferner ist zu beachten, daß die Hellenisierung noch nicht die Masse durchdrungen hatte. Indes bestand neben einer dünn gesäten griechisch-mazedonischen Oberschicht ein hellenisiertes, unruhiges, vom Judenhaß durchsetztes Proletariat, denn durchgängig waren die Juden den Griechen wirtschaftlich überlegen. Jene nahmen schnell die griechische Sprache und auch vielfach die Denkart an, was auch auf ihre Religion nicht ohne Einfluß blieb. Neben dem völkischen Antisemitismus, der sich in manchen Metzeleien austobt, macht sich auch eine literarische Strömung in Aegypten gegen die Juden bemerkbar. Dabei ist zu berücksichtigen, daß, abgesehen von dem Mangel an näherem Verkehr, den vorchristlichen Heiden das jüdische Schrifttum völlig unbekannt war. Der sonst so gelehrte, hellenisierte ägyptische Oberpriester Manetho. brachte allerlei abgeschmacktes Zeug vor, so von dem göttlich verehrten goldenen Eselskopf, dem Aussätze und der schimpflichen Flucht aus Aegypten, eine Fundgrube für die folgenden Judenfeinde. Besondere Nahrung zog der griechische Volkshaß gegen die Juden, weil sie sich in Aegypten als treue Anhänger der römischen Herrschaft zeigten. Unter Augustus und Tiberius blieben sie unangefochten. Sehr bedenklich wurde die Lage, als der halb wahnsinnige Kaiser Caligula ernstlich auf die Ausstellung und göttliche Verehrung seiner Bildsäule im Jerusalemischen Tempel bestand. Er empfing eine judenfeindliche von Apion und eine jüdische Abordnung von dem berühmten Philo, beide aus Alexandria, geführt. Letztere entließ er mit dem Bedauern über ihre gar zu beschränkten, religiösen Meinungen. Als Begründer der wahrhaft gehässigen, verleumderischen, aufhetzenden, antisemitischen Literatur ist der erwähnte Apion anzusehen. Dieser wärmte die alten Fabeln des Manetho wieder aus und versah sie mit eigenem Beiwerk. Er ist der erste, welcher des Ritualmords gedenkt. Apions Schrift wurde bekanntlich' von Josephus widerlegt. Merkwürdigerweise werden in allen judenfeindlichen Aeußerungen des Altertums die Juden niemals des Wuchers bezichtigt. Als der abenteuerliche, tief verschuldete, endlich aus hartem Kerker erlöste Agrippa in Rom die Gunst Caligulas erwarb und mit der königlichen Wurde belohnt wurde, trat er auf der Heimreise in Alexandria mit königlicher Pracht auf. Von Apion aufgehetzt, beschimpfte ihn der dortige Pöbel und richtete ein fürchterliches Blutbad unter den Juden an. Kein Nebeneinander zwischen Griechen und Juden , Sein oder Nichtsein war die Losung." Auf die judenfeindlichen Aeußerungen des Tacitus ging Redner nicht ein, „weil diese, wie spätere, die Juden mit den Christen vermengen. Schließlich, die Geschichte kennt weder Gutes noch Böses, aber sie lehrt sehen und verstehen." Die zahlreiche Zuhörerschaft spendete dem Redner für seine gehaltvollen Ausfi'chrungen lebhaften Beifall. — Aus den auswärtigen Vereinen: In Köln sprach Rabbiner Dr. L. R o s e n t h a l über Menschenopfer und Blutaberglaube in der Geschichte der Religionen; in Hamburg (Gabriel-Rießer-Verein) Prediger Dr. Leimdörser über die Erziehung zur Einheit; in Harburg Frau Dr. Fink über Rembrandt (mit Lichtbildern), Rabbiner Dr. Jampel über: Was hat-die moderne Kultur der semitischen Rasse zu verdanken?; in Cöthen Albert Katz über die Ethik des Talmud; in Ratibor Zahnarzt Block über die Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln; in Breslau (Toynbee-Halle) Prediger Albert W o l f g.a n g - Bernstadt. über die Sabbatäer; in Schivelbein Frau Regina Reißer- Breslau über Pflichten und Aufgaben unserer Frauen; dieselbe in Kolberg und Schlawe über „Bedeutende jüdische Frauen des 19. Jahrhunderts"; in Detmold Rezitator Georg R o s e n t h a l - Berlin: Jüdische Balladen, jüdische Lyrik und jüdischer Humor; in Stuttgart Rabbiner Dr. Tänzer-Göppingen über Arbeit und Arbeiter im Judentum; in Köslin königl. Bibliothekar Dr. Heinrich Löwe über: Was sich das jüdische Volk erzählt; derselbe in Bernburg über Palästina; in Könitz Rabbiner Dr. T i r s ch t i g e I über: Hat das Judentum Dogmen? Berlin, 18. November. Ein Bericht über die letzte Sitzung des „Kuratoriums desJüdischen Instituts für technische Erziehung in PaIästina " muß in der vergangenen Woche bereits nach Jerusalem gelaugt sein. Auf Grund dieses Berichtes hat das Kuratorium nachstehendes Telegramm aus Jerusalem vom 11. November erhalten: „Das Großrabbinat von Palästina übermittelt den Führern, die so Hervorragendes wirken zum Wohlc der jüdischen Bevölkerung im Heiligen Lande, insbesondere für die Errichtung des Technikums in Haifa, hüfrichtigsten Dank. Wir sind überzeugt, daß die neue Gründung dem Lande zum Segen und dem Judentum zur Ehre gereichen wird, da die Anstalt nach Ihren so bewährten Grundsätzen geleitet sein wird. Möge der Geist wahrer jüdischer Religiosität darin wohnen, wie dies auch Ihr Wunsch ist. Möge die Gnade Gottes Ihre Arbeit begleiten. M o s ch e F r a n c o , Chacham Baschi." . 22 Königsberg i. Pr., 17. November. Unter Leitung des Herrn Waisenhausdirektors P er i tz - Königsberg ist eine „GemeinnützigeAuskunftsstelle für Versicherungsangelegenheiten jüdischer Gemeindebeamten" eingerichtet worden, welche bereit ist, jüdischen Gemeinden, Beamten und Kassen in Angelegenheit der Beamtenverficherung unentgeltlich sachverständige Auskunft zu erteilen. Ihre Mitarbeit haben die Herren Juftizrat H i r s ch b e r g - Breslau und Versicherungsmathematiker Dr. Kupferberg -Berlin-Wilmersdorf zugesagt. Den Anfragen sind 60 Pfennig für Portiauslagen beizusügen. CA) Ratibor, 15. November. Am 26. November begeht die Synagogengemeinde Ratibor die Hund ertjahrfeier ihrer Begründung als jüdische Gemeinde innerhalb der Stadt Ratibor durch einen Festgottesdienst und eine gesellige Veranstaltung. Die alte, im frühen Mittelalter gegründete Gemeinde wurde durch die Austreibung im 16. Jahrhundert vernichtet. Die unter der preußischen Herrschaft' sich wieder ansiedelnden Juden hatten nur in der Vorstadt ein beschränktes Wohnrecht und dursten, in der Stadt selbst

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