Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- Seite 562 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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562 verlangte, ehe er zu seinen Kranken über Land fuhr, wie üblich, seinen schwarzen Kaffee von der alten Kathrine, die seine Küche und sonstige Bedienung besorgte. „Nichts Neues, Kathrine?" „Ja doch,.Herr Doktor. Es war ein Herr hier, der es sehr eilig hatte. Sie zu sprechen, aber nicht warten und gleich nach der Sprechstunde wiederkommen wollte." „Einer von hier?" „Na, da hätte ich ihn ja gekannt; es war ein Fremder mit schwarzem Rock und hohem Hut. Ich glaube, daß er mit Karten handelt." „Wie kommst du daraus?" „Nu, weil er mir durchaus eine Karte ausdringen wollte; aber ich kaufe nichts, und Geschenke nehme ich nu gar nicht an." „Na, die Karte hättest du schon annehmen können," sagte der Doktor lachend. So sehr er die ländliche Einfalt seiner Kathrine kannte und neben ihrer Kochkunst zu würdigen wußte, diese Unkenntnis der modernen Visitenkarte war doch ein Kasus, der ihn ergötzte; aber freilich, in Mondenstein kannte jeder den anderen, und fremde Besucher verirrten sich sonst nie in das stille Doktorhaus. Die alte Dienstmagd machte ein verdutztes Gesicht und wollte gerade mit einer Antwort herausplatzen, als die Glocke am Korridor geläutet wurde. „Es wird dein Kartenhändler sein, Kathrine, nimm ihm nur die Karte ab und bringe sie mir." Die Köchin ging und kehrte sofort mit der Visitenkarte zurück. Der Doktor nahm sie ihr ab und las überrascht: Dr. Dagobert Hildebrand, Kgl. Gerichtsassessor. Dann überflog sein Gesicht ein schalkhaftes Lächeln. ,Na, warte du," sagte er schmunzelnd vor sich hin. „Kathrine, laß den Fremden nur eintreten." Die Tür öffnete sich, und ein elegant gekleideter Herr von kleiner Statur betrat, den Zylinderhut in der Hand, das Sprechzimmer. Das schwarze Haar war wohtgepslegt, der Scheitel hinten durchgezogen, die Schnurrbartspitzen sorgsam aufgesetzt. Aus der scharf gebogenen Nase wiegte sich ein Zwicker, dessen Schnur hinter die Ohrmuschel gelegt war> so daß ein kräftiger Schmiß, der die fleischige rechte Wange durchquerte, zur vollen Geltung gelangte. Als er sich dem Doktor näherte, schlug dieser mit gut gespielter Ueberraschung die Hände zusammen. „Ist es möglich, Davidchen, du hier in Mondenstein?" „Gewiß, lieber Onkel, aber verzeihe," und er blickte dabei zurück nach der Tür, um zu sehen, ob die Köchin, die ihn eingelassen, sich auch wirklich entfernt habe — „aber nenne mich nicht mehr Davidchen, dem Diminutiv bin ich längst entwachsen." „Ach was, für mich bist du und bleibst du doch das kleine kluge Davidchen, der einzige Sohn meiner unvergeßlichen Schwester Rebekka Hirscheles. Aber entschuldige, du mußt dich noch einen Augenblick gedulden; es hat sich gerade noch ein anderer Besucher angemeldet, merkwürdigerweise auch ein Jurist; wie hieß er doch? Ja richtig, ein Assessor Dr. Dagobert Hildebrand-; kennst Du ihn vielleicht?" „Pardon, Onkel, der Assessor Hildebrand bin ich selbst, ich habe den Namen schon vor drei Jahren gewechselt, wie ich dir damals doch angezeigt habe." „Bor drei Jahren? Richtig, jawohl, da empfing ich deinen letzten Brief; aber du schriebst mir doch nur von deiner Absicht, Namen und Religion zu ändern." j „Und bat dich um freundliche Erteilung deines Rates." „Und ich habe wohl im Drange der Praxis vergessen, dir araus zu antworten." ,-Nein, du antwortetest mir, daß du in ärztlichen Angelegenheiten gern Rat erteilst, aber auch dann nicht schriftlich, niemals aber in religiösen, die müsse jeder mit seinem Gewissen ins reine bringen." „Und so hast du also aus Gewissensbedenken den Glauben gewechselt und mir es nur anzuzeigen vergessen?" „Onkel, ich kann und will dir gegenüber, der du mir seit meiner Kindheit ein treuer Vormund und Berater gewesen, und der du mich überdies auch allezeit übersehen und durchschaut hast, nicht Theater spielen. Der'Uebertritt war für mich keine Gewissensfrage, sondern eine Sache des Verstandes. Daß ich ihn dir gegenüber verschwieg, war sicher unrecht; nur habe ich mildernde Umstände." „Und die wären?" „Ich fürchtete deine Mißbilligung, deinen Spott." „Nun, Offenheit gegen Offenheit. Ich wußte durch meinen Freund Geheimrat Schneider in Berlin längst von deinem Religions- und Namenswechsel; den letzteren kann ich nicht tadeln, den Religionswechsel zwar nicht billigen, doch immerhin begreifen; du bist eben jung und willst Karriere machen." „Gewiß, Onkel, aber allein der Karriere wegen hätte ich mich doch nicht taufen lassen. Da ich mein Examen mit dem Prädikat „gut" bestanden, wäre auch für den Juden die Beförderung nicht total ausgeschlossen gewesen, vbschon sie dem Christen etwas leichter gemacht ist; auch standen mir die Anwaltschaft, der Kommunaldienst, das Banksach, die Presse und die politische Arena offen, so daß wohl auch der Ehrgeiz seine Befriedigung hätte finden können." „So hieße es auch hier cherchez la femme.“ „Nein, Onkel, nein. Ueber ein flüchtiges Gefallen oder ein schnelles Genießen hinaus ist es bei mir den Fauen gegenüber nicht gekommen, und ich erwarte noch immer jene große Leidenschaft, sofern es eine solche gibt, von der die Dichter immer sprechen." „Wie?" ries der Doktor. „Weder Karriere, noch Ueberzeugung, noch Liebe? Quartum non datur.“ „Doch, Onkel, es gibt einen vierten und mächtigeren Grund, der gerade in unserer Zeit mit so vielen anderen auch mich aus dem Judentum hinausgetrieben hat." „Und der wäre?" „Die Mißachtung, die auf dem Juden lastet." „Auf dem Juden lastet? Wirklich auf jedem Juden, istLasker, ist Johann Jakoby mißachtet, oder Cremieux, oder der Mediziner Traube, der Rechtslehrer Goldschmidt, der Botaniker Cohn, der Keilschriftenforscher Oppert? Und bin ich etwa mißachtet?" „Das sind immer nur einzelne,, das Gros ist und bleibt mißachtet. Du wirkst in einem kleinen Ort, wo jeder dich kennt; du hast auch das Relief des Stabsarztes, bist im Feldzuge dekoriert; aber glaube es mir, der ich die letzten Jahre in Berlin verlebt, wo eine neue böse Bewegung sich entwickelt, das Gros ist doch mißachtet und'wird es täglich mehr." „Mit der Berliner Bewegung magst du recht haben; aber was hindert dich, aus dem Gros 31t jenen Ausnahmen, die du mir einräumst, auszusteigen oder doch aufsteigen zu wollen?" „Aufsteigen zu wollen, — sicherlich nichts. Aber ob es mir geglückt wäre, selbst wenn ich eine größere Begabung besäße, als ich in Wahrheit besitze, das ist denn doch unter den jetzigen Verhältnissen sehr fraglich." „Jetzt unterschätzest du dich, schon deine Stellung als Assessor würde dich vor Mißachtung schützen." „Und selbst, wenn ich eine höhere Position in der Gesellschaft errungen hätte, so vertrüge ich doch nicht weiter jenen Hohn, der mir das Blut in die Wangen treibt, wenn von den Juden im allgemeinen gesprochen oder geschrieben wird." „Ja, hat denn dein Uebertritt jenen Hohn ausgetilgt, wird seither weniger über die Juden in Wort und Schrift, in