Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Einig? SAorte zur „Deutschen Geschichte" von Linhart. Von Sanitätsrat Dr. Scherbe! in Lissa i. P. /^^ m Jahre 1909 erschien in Weimar eine „Deutsche Ge- K schichte" von Einhart, die nach 5erst Vorwort ein „Hausbuch" deutscher Geschichte sein sollte, gleich heimisch in der Hütte des Arbeiters wie im Hause der mittleren und oberen Schichten der Gesellschaft. Das Buch erlebte, dank rührigen Hinweisen, in wenigen Jahren mehrere Auslagen und drang in weitere Schichten des Volkes hinein. In dem Vorwort zur vierten Auslage bekannte der Verfasser, daß er seinerzeit einen Decknamen gewählt habe, um zu erreichen, daß sein Buch nach seinem Wesen, seinen Absichten, seinem Inhalte beurteilt werde, nicht nach der Person des Verfassers, und nannte jetzt seinen Namen: Heinrich Claß in Mainz. Seitdem dieses Buch eine so bemerkenswerte Verbreitung und besonders auch Eingang in Lehrevkreisen gefunden hat, seitdem es in Lehrerzeitungen als bestes Geschenk für die Jugend und als Volksbuch im edelsten Sinne empfohlen wird, seitdem es sogar in jüdischen Häusern als Konsirmationsgeschenk gefunden worden ist, ist es an der Zeit, entschiedener und dringender als bisher auf die antisemitische Tendenz dieses Buches hinzuweisen und Eltern und Lehrer vor ihm zu warnen. Heinrich Claß bezeichnet die Juden als eine Gefahr für das deutsche Volk, als Schädlinge des Deutschen Reiches, als Volks- und Rassensremde. Nach ihm suchen sie den Erwerb ohne Rücksicht aus die Mittel und haben ein Netz von Wucherern über das ganze Land ausgebreitet, das den Bauern, den Handwerker — jeden Geldbedürftigen ausplündert. Nach ihm haben die Juden als Glieder der semitischen Rasse andere Anschauungen über Recht, Unrecht, Ehre und Tugend als die arisch-germanischen Deutschen, und der Antisemitismus will nur die daraus hervorgehende sittliche Gefährdung^ des deutschen Volkes abwehren. Heinrich Claß spricht von dem zersetzenden Geist des Judentums in der Literatur, in der Presse, im öffentlichen Leben und in der Politik, er spricht von dem Gift des jüdischen Geistes, der die schlechtesten Früchte in dem deutschen Volksleben gezeitigt hat usw. Es wäre eine undankbare Arbeit, alle diese unbegründeten Verunglimpfungen der Juden und des Judentums, diese Verallgemeinerung von Einzelsällen, diese Entstellung der Wahrheit, zu widerlegen. Sie sind ja nur ein Niederschlag aus den Werken eines Heinrich v. Treitschke, Eugen Dühring, Eduard v. Hartmann, Paul de Lagarde, Houston Stewart Chamberlain u. a. Alle diese Männer haben ebenso wie der Verfasser des obengenannten Buches — der ihnen darin Ruhmeskränze widmet — mit ihren Anwürsen gegen die Juden und das Judentum nur bewiesen, daß sie beide nicht kennen, daß sie den Grund der Dinge.in der Geschichte der Juden und im Wesen des Judentums nicht -erfaßt haben, daß es aber auch eine fast übermenschliche Ausgabe ist, in diesen Wall von Vorurteilen und Unkenntnis Bresche legen zu wollen. Unheilbar blind sind die, die nicht sehen w o l l e n. — Nur einen Satz möchte ich aus dem Buche von Heinrich Claß herausgreisen, weil er das bestätigt, was ich früher einmal (vgl. „Die Angriffe gegen das Judentum" in Nr. 15 d. Bl.) hervorgehoben habe, daß man letzten Grundes immer und immer wieder die Entstehung und die Betätigung der Sozialdemokratie den Juden und dem Judentum zur Last legt und dies als den Urquell aller Uebel bezeichnet. Heinriche Claß sagt: „Die Sozialdemokratie wäre ganz gewiß ohne ihre jüdischen Führer, ohne die Zusammenhänge mit dem Judentum und seinen Geldmitteln nie so schnell groß geworden." Wenn er dann weiter von einer durch die Juden hervorgerusenen Verwirrung der Begriffe. von Recht und Unrecht 561 -- u. dgl. mehr spricht, so möchte man ihm die Frage zurückgeben: Was ist das für eine „Verwirrung der Begriffe § von Recht und Unrecht", die eine aus der sozialen Frage aus der Not der Zeit, aus der Umwälzung aller Werte und Lebensbedingungen entstandene tiefgründige Bewegung wie die Sozialdemokratie den wenigen, jüdischen Begründern des Sozialismus und Führern'der Sozialdemokratie zuschreiben will? Und nochmals muß mit aller Entschiedenheit betont werden, daß das Judentum an sich nicht den geringsten Zusammenhang mit der Sozialdemokratie hat, und daß es in seinen Gesetzbüchern den Sozialismus nicht nur nicht lehrt, sondern ihn sogar aufs strengste verpönt. Aber was hilft es darauf hinzuweisen, dast die überwiegende Mehrheit , der deutschen Juden der Sozialdemokratie fremd gegenübersteht, daß ihre wirtschaftlichen Anschauungen, ihre politische Denkweise ganz andere finb! Nicht nur in den Äugen der Antisemiten, sondern leider bis in höhere, einflußreichere Kreise hinein steht es unverbrüchlich fest, daß die Juden „sozialdemokratisch angehaucht" oder, mehr noch, von sozialistischem Geiste erfüllt sind, und daraus läßt sich wohl alles, alles erklären, was man ihrem Verlangen nach Gleichberechtigung unter immer Neuen, nichtigen Vorwänden entgegentürmt. Vielleicht ist dieses Vorurteil noch mehr als die Abneigung gegen den anderen Glauben der Hauptgrund für die Zurücksetzung der Juden aus fast allen Gebieten des öffentlichen Lebens, und vielleicht wird die Taufe nur deshalb als das „Allheilmittel der semitischen Krankheit" angesehen, weil man glaubt, und hofft, daß mit ihr auch das sozialistische Gift aus Leib und Seele des Juden herausgeschwemmt wird. Damit aber solche Anschauungen nicht noch weiter ins Volk hineingetragen werden, damit unsere Lehrer, die Hüter und Bildner unserer Jugend, nicht mit derartigen irreleitenden Gedanken erfüllt werden, und damit vor allem unsere Jugend selbstsrei Und.gesund erhalten wird von solchem an-? tisemftischen^Difttz mülß^ aus die Gefährlichkeit eines Bucheswie es die „Deutsche Geschichte" von Einhart ist, mit allem Nachdruck und aller Entschiedenheit hingewiesen werden. Ser Antilrmit. Roman von Ernst Theodor Justi. XXI. mag sein, mag sein. Aber der deutsche Charakter und der jüdische Charakter sind doch nun einmal divergent, und Sie werden zugestehen, daß der deutsche Charakter durch Einströmen des jüdischen Blutes verändert werden muß." „Nein, das kann ich ganz und gar nicht einräumen; der Charakter hat mit dem Blute überhaupt nichts zu tun. Die Kinder desselben Elternpaares haben oft die allerverschiedensten Charaktere, ebenso ist dies der Fall bei den Söhnen eines Volkes, sei es nun das deutsche oder hebräische." , „Und was sollte den Charakter denn schassen, wenn nicht das Blut?" „Es ist nicht eine einzige Ursache, sondern meines Erachtens ein ganzer Kornplex derselben: das Klima, der Boden, die Ernährung, vor allem die Erziehung, die Vorbilder, der Beruf, das ganze Milieu, in dem der Mensch heranwächst." Sechzehntes Kapitel. In der Sprechstunde. Im Vorzimmer des Dr. Loewisohn war es leer geworden. Die letzte Bäuerin war soeben entlassen- und der Doktor