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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-21 · Heft 47 (21.11.1913) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 47 (21.11.1913)
Date
1913-11-21
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
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Teil von fernher gepilgert kamen, um diesen Stein gewordenen Gedanken auf sich wirken zu lassen, und in dem Hauche großer Erinnerungen, der ihn umweht, den Atemzug größerer Zukunft zu verspüren*). Emil Cohn-Essen. Nsbbimr Dr. Molk Schmied! l. I. Von Rabbiner Dr. D. Feuchtwang, Wien. m Alter von dreiundneunzig Jahren ist Adolf Schmiedl \ am 7. November in die Ewigkeit eingegangen. Wie ein Patriarch ist er in der Großgemeinde Wien verehrt gewesen, die nun tief und ernst um ihn trauert. Seine engere Gemeinde, die Leopoldstadt, hing mit kindlicher Liebe an ihm. Und er war ihr ein weiser, gütiger Vater. Die Lippen dieses.Priesters hüteten das Wissen, und Thorageist entströmte seinem Munde. Es war der Geist alter,. echter, tiefer jüdischer Wissenschaft, von der er erfüllt, von der er bis in die letzten Tage seines langen Lebens befeuert, getragen gewesen ist. Ein Neunzigjähriger, stand er noch in ungebrochener geistiger Kraft, mit zartem, siechem Leibe auf der Kanzel. Die zitternden Hände umklammerten die Rednerbühne, und die unansehnliche Gestalt des begeisterten Predigers wuchs und ließ den Greis vergessen. Der Geist der Agadah war in ihm lebendig und spann seine Fadennetze um das gefangene Herz der Hörer, die sich in Scharen um den geliebten ^Seelsorger drängten. Der Geist altjüdischer Gleichnisrede, herausgewachsen aus tiefstem Ergrifsensein von der Höhe und Weite des von ihm beherrschten Gebietes, machte ihn, der auf die Kunstform der Rede wenig. Wert legte, zum packenden Volksredner, der nie glatt und flach, immer aktuell und sinnreich war. Verherrlichung des Judentums, Sittlichkeit und Menschenliebe verkündete er mit nie verfehlender Wirkung. Er stieg zum Volke hinab, um es zu sich emporzuheben. — Kein Wunder. War er doch aus der alten Talmudschule hervorgegangen und wußte, daß echte Juden keinen Gefallen finden können und auch nicht sollen an wohlfeilen Feuilletons und seichten Geschichten, die aus der Kanzel nur ernüchternd und' erkältend wirken. Auch der salbungsvoll-pastorale Ton war ihm fremd und halbphilosophierende Betrachtung, welche die Blöße der Unwissenheit auf talmudisch-agadischem Gebiete leicht zudeckt, kannte er nicht. Er war ein ehrlicher Gelehrter, ein echter, jüdischer Prediger, dem man an jedem Worte anmerkte, er schöpfte aus dem Vollen und griff nicht in das Leere. Alte und neue Schule vereinigte sich in ihm zu einem harmonischen Ganzen in Erfüllung des Worts: „Altes und Neues habe ich dir aufbewahrt". Bei der Hohlheit und Nichtigkeit, die sich oft genug aus der Kanzel breit macht, mag dieses besonders hervorgehoben sein. Denn der Mangel an Kenntnissen in klas- *) Wen der Bau der Essener Synagoge besonders interessiert, der sei hier auf eine im Dezember dieses Jahres über ihn erscheinende Publikation des Verlages Wasmuth hingewiesen, die als Sonderheft der „Berliner Architekturwelt" publiziert werden wird. fisch-jüdischen Gebieten wird täglich fühlbarer und die Lücke, die Mctzlner wie Schmiedl einer war, zurückgelassen, immer klaffender und ünausfüllbarer. . . Schon in jungen Jahren, als er noch in Bielitz und Proßnitz wirkte, war er ein gekannter und geschätzter Rabbiner und Prediger. Seine im Jahre 1859 erschienenen „Sansinnim", Betrachtungen über die fünf Bücher Moses, sind heute noch ein vortreffliches Buch und legen Zeugnis ab von seiner, den Geist der Agadah erfassenden und erschöpfenden Gelehrsamkeit und Beredsamkeit. Sein Lieblrngsgebiet war die arabischjüdische Religionsphilosophie und Saadi a, der Liebling seines Studiums. Die arabische Bibelübersetzung dieses unsterblichen Gaon lag fast beständig auf seinem Studiertische, und zu dem Abschnitte der Woche las er beharrlich . die arabische Version Saadias, sich stets aufs neue erquickend an den Jnhaltauffassungen dieses großen Exegeten der Antike. Seine „Studien über jüdische, besonders arabisch-jüdische Religivnsphilosophie"(1860)sindein anerkannt gutes Werk dieses Wissensgebietes und werden ergänzt durch zahlreiche.Aufsätze in der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", deren fleißiger und geschätzter Mitarbeiter Schmiedl durch viele Jahre war. Noch vor wenigen Jahren veröffentlichte er daselbst eine Studie über Saadia, seinen Helden. So wurde er'zu einem der besten Kenner der jüdischen Philosophie und Schriftauslegung. Die Schriftauslegung im besten ^inne des Wortes bildete seine' Kunst auch auf der Kanzel. Da strömten ihm die Gedanken in sprudelnder. Eile aus seinem Wissenschatze zu, und er gab sie, wie sie ihm kamen. Nicht immer kunstgesetzlich und regelrecht; stets aber anregend und 'geisterfüllt, so daß jeder Hörer etwas nach Hause trug; man ging nicht leer von seinem Angesichte weg: weil er nicht leer vor Gottes Angesicht erschien. Unter Schmiedls Arbeiten ragen auch seine „Kollektanen zur Literatur der spanisch-portugiesischen Juden" (1861); „Der philosophische Gottesbegrisf nach arabisch-jüdischen Quellen" (1860); „Verschiedene Theorien über das Wesen der Seele bei einigen arabischjüdischen Religionsphilosophen", hervor. Doch auch in den Kampf um das Recht des Judentums griff er ein. In der Schrift „Die Lehre vom Kampf ums Recht im Verhältnis zum Judentume und dem ältesten Christentume" (1875), setzt er sich mit Jhering auseinander. Zahlreich sind auch seine wissenschaftlichen Artikel in der Zeitschrift „Hammäggid". — Schmiedl wurde von Proßnitz aus nach Wien berufen und wirkte zunächst in der Tempelgemeinde Fünfhaus. Nach Jellineks Tode wurde er als Nachfolger Güdemanns, der das Oberrabbinat übernahm und Jellineks Kanzel bestieg, in den Tempel der Leopoldstadt berufen, und wirkte daselbst bis fast an sein Ende mit ungebrochener Kraft und stets steigend in der Gunst und Liebe seiner großen Gemeinde. Noch am jüngsten Neujahrsfeste sah man ihn im Ornate auf seinem Sitze, und schon seine Anwesenheit im Gotteshause genügte der betenden Gemeinde. Das Andenken Schmiedls wird stets geehrt und gesegnet sein. Rabbiner Dr. Samuel in Essen.

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