Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir treten in die Vorhalle und stehen erstaunt vor der Einfachheit der Anlage, der schlichten Teilung der Decke in Quadrate mit Mosaikkreisen und der.einfarbig -grauen Tönung des Ganzen. Zwei wundervolle bronzene Brunnen mit grünen Mosaikbecken zieren die Seiten der Vorhalle. Durch ganz schlichte, scheinbar zu niedrige Türen führt uns der Weg in'den Jnnenraum der Synagog^, und wir stehen diesmal nicht überwältigt, sondern zunächst grenzenlos überrascht. . Während der äußere Bau uns den Eindruck monumentaler Größe gab, versetzt uns das Innere in staunende Rührung, die uns immer deutlicher empfinden läßt, daß uns hier der Hauch der jüdischen Geschichte umweht. Jeder Blick in diesen Raum ist ein Blick in die jüdische Vergangenheit, und wer sich in seine Einzelheiten vertieft — und -er zwingt geradezu zu vertiefendem Nachsinnen —, dem tritt die uralte Geschichte unseres Stammes mit ihrer süßen und herben Größe und ihren reichen Ueberlieferungen ehrfurchtgebietend entgegen. Mit wenigen Worten sei hier versucht,- die fast - undarstellbare Schönheit dieses eigenartigen Raumes den Lesern aufzuzeigen. Man vergegenwärtige sich einen : weitgespannten Kuppelraum von 30 Metern Durchmesser und ebensolcher Höhe ohne jegliche Säule. Nur die Emporen sind durch sechs verschwindend schmale, dabei noch zurücktretende Steinsäulen gestützt, so daß von jedem Platze aus der Blick ungehemmt den weiten Raum durchmißt und frei zum Mittelpunkte des Ganzen, dem Aufbau des Allerheiligsten, schweifen kann. Dieser ist in rötlich poliertem Muschelkalkstein gehalten und fügt mit seiner schlichten Gliederung und massiven Schwere zu dem Eindruck der umfpannenden Freiheit des Ganzen das Bild wuchtiger Ruhe. Der ganze Raum nun mit seinen weiten Flächen und seiner mächtigen, von Fenstern durchbrochenen Kuppel ist in einer einzigen grauen Tönung gehalten und ohne jede farbige Flächenbemalung. Das macht seine Wirkung erstens sehr ruhig und einheitlich, zweitens aber kommen dadurch die kostbaren echten Mosaiken zur vollsten Geltung, die den schönsten Schmuck der Synagoge bilden. In ihnen gerade ruht jene wundersame, Ehrfurcht erweckende Stimmung, die das ganze Innere verbreitet. Sie vermeiden'nämlich jede langweilige Nurornamentierung, schöpfen vielmehr all ihre Ornamente aus; den Emblemen und Symbolen der jüdischen Vergangenheit: Da sehen wir in einzelnen großen Medaillons den Räucheraltar des alten Tempels, das auf Stieren ruhende eherne Becken des Vorhofs, das Eingangstor zum Heiligtum, den siebenarmigeu Leuchter, die Davidsharfe und oben in der Kuppel den Davids- Synagoge in Essen II. steru — alles in kostbaren, glitzernden Mosaiken ausgeführt, jeder Blick eine Erinnerung, jeder Fingerzeig eine Verheißung. Damit nun aber schließlich die weiten grauen Flächen mit' ihren Mosaiken auch ihre Farbe erhalten, rauscht durch sechs mächtige Fenster, an jeder Straßenfront drei, eine wahre Symphonie von Farben in den Raum. An diese Fenster hat die Künstlerhand des Erbauers einen Reichtum an Poesie verschwendet, der kaum seinesgleichen finden dürfte. Jedes der Fensterwerke versinnbildlicht einen Festtag: Wir sehen den Sab b a t mit seinen Symbolen, Licht, Kelch und Sabbatbrot; das Passah mit den Ketten der Knechtschaft, der Seder- und Bitterkrautschüssel; das Wochenfest mit seinen Erstlingsfrüchten und steinernen Tafeln; das H ü 11 e n f e st mit Wüstenzelt, Rauch- und Wolkensäüle; den Neujahrstag mit Widderhorn und Wage des Gerichts; und schließlich den Versöhn u n g s t a g mit den Sinnbildern priesterlicher Entsühnung. Alles in den sattesten Farben und mit den entsprechenden Bibel- Versen versehen. So seltsam diese Darstellung, die von allen Einzelheiten — zum Beispiel dem wundervollen Vorhang, den beiden prunkvollen - siebenarmigen Leuchtern aus tausendkarätigcm Svncgoge in Essen III. Srlber, der Orgel mit ihren 57 Registern sowie der Ampelbeleuchtung des Ganzen — absehen muß, den Leser berühren mag, und so überrascht der Beschauer, der die Synagoge zum erstenmal betritt, auch ist, es muß doch — wenn wir alles zusammenfassen — anerkannt werden, daß hier ein reicher Künstler sein Bestes gegeben hat. Zum erstenmal ist hier der Versuch gemacht worden, den jüdischen Geist in Steinen lebendig zu machen, und dieser Versuch ist gelungen, ohne die geringste Verletzung traditioneller Forderungen. Als der Schreiber dieser Zeilen einmal einem nichtjüdischen Architekten ein Werk über Synagogenbauten vorlegte, ries dieser Künstler beim Anblick der Bilder und Pläne aus: „Das sind ja lauter katholische, protestantische -und maurische Synagogen." Er hatte recht und hat mit seinem Ausruf das ganze Problem modernen Synagogenbaus -aufgerollt. - Es ist eine Tatsache, daß man heute aus zahlreichen deutschen Synagogen einfach durch Verwandlung der Kuppel in einen Turm eine stilgerechte Kirche machen kann. Da ist und bleibt es das unbestreitbare Verdienst Edmund Koerners, aus freier Empfindung und tiefer N a ch empfindung jüdischen Wesens und jüdischen Vergangenheitzaubers einen Bau geschaffen zu haben, der in den fünf Wochen seines Bestehens bereits das Ziel vieler Tausender gewesen ist, die zum