Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- Seite 558 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229117--69938-3282267- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
558 bis er endlich als Betrüger entlarvt wurde. Er gab sich als Rabbiner aus, obwohl er nicht einmal ein Jude war. Als der Schwindel nicht mehr zog, schrieb er ein Büchlein, in dem er alles Frühere widerrief, und von dem er hoffte, daß es massenhaft von den Juden gekauft werden würde. Auch hierin getäuscht, endete er feine Laufbahn schließlich als Possenreißer in den ordinärsten Kneipen, wo er in Iudenrollen auftrat. Viel zu feiner Entlarvung hat das durch feine Gründlichkeit und wissenschaftliche Objektivität sich auszeichnende Buch beigetragen, das der Petersburger Universitäts-Professor, Akademiemitglied usw. Ehwolson, ein getaufter Jude, 1901 über die Blutanklage veröffentlicht hat. Alles irgendwie Bezügliche ist hier in streng historischer Untersuchung und wissenschaftlicher Bearbeitung zusammengetragen, da das Werk in den Hauptzügen ein auf Befehl des Zaren ausgearbeitetes Gutachten bildet. Hier wird auch eines Erlasses des Zaren Alexander I. gedacht, daß Ritualmordanklagen gegen Juden nicht mehr erhoben werden sollen. Ehwolson weist nun nach, daß Ljutostanski sein Buch gestohlen habe, und zwar aus den „Memoiren" des früheren Direktors des Departements für geistliche Angelegenheiten fremder Konfessionen Skripizy, die auf Befehl des Ministers des Innern 1844 zwecks Unterbreitung an den Zaren Nikolai I. angefertigt wurden. Ehwolson zeigt auch in einwandfreier Weise das völlig Verlogene dieser „Memoiren", die jetzt einem fraglichen Neophyt untergeschoben werden. Dre letztere Tatsache wird deshalb nicht gut zu bezweifeln sein, weil in diesen von Ljutostanski aus dem Wege des Plagiats veröffentlichten Memoiren Wort für Wort und auch der Reihenfolge nach sich all der Unsinn findet, den ein ehemaliger Rabbiner Neophyt verbrochen haben soll." * Die „Kölnische Volkszeitung" bringt folgende sehr merkwürdige Notiz: Zentrum, Rotblock und israelitischer Religionsunterricht. Kulturkampsdebatten sind im Münchener Gemeindekollegium, seit die Liberalen und ihre sozialdemokratischen Waffenbrüder dort die Mehrheit haben, nichts Seltenes mehr. Sie entwickeln sich bei den kleinlichsten Anlässen; ein paar hundert Mark für irgendeinen Kultus- oder konfessionellen Zweck genügen schon, um bei den Genossen einen heftigen Kollaps hervorzurufen. So ging es auch in der Sitzung vom 30. Oktober, wo es sich um die Bewilligung von 2000 Mark für den israelitischen Religio nsunterricht an Volksschulen handelte. Hierüber wird uns aus München berichtet: Der Referent, Rechtsanwalt und Gemeindebevollmächtigter Rumps (Zentrum), begründete die Genehmigung in einem ausgezeichneten Referat, in welchem er auch den zahlenmäßigen Beweis antrat, daß für die Katholiken im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszisfer durchaus nicht zuviel für den Religionsunterricht von der Stadtgemeinde ausgewendet wird. Betragen doch die freiwilligen Aufwendungen der Stadt für Religionsunterricht jährlich für die Katholiken 20 099 Mark bei 60 855 katholischen Schulkindern und für die Protestanten 2736 Mark bei 8017 Schulkindern. In der Debatte erklärte der sozialdemokratische Wortführer, daß seine Fraktion prinzipiell gegen alle Forderungen für konfessionelle Zwecke, also auch gegen dieses Postulat für den jüdischen Religionsunterricht stimme. Der liberale Oberlehrer und G.-B. Gutmann stimmte dem kulturkampfeifrigen Genossen bei in der.prinzipiellen Haltung gegen alle konfessionellen Aufwendungen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß in nicht allzu ferner Zeit der Zeitpunkt gekommen fein möge, an dem die Stadt keinerlei Aufwendungen mehr für konfessionelle Zwecke' mache. Für einen Jugendbildner eine charakteristische Haltung. Der Zentrnmsredner Rumps aber konnte dem Sozialdemokraten sehr treffend erwidern, daß die sozialdemokratische Fraktion damals keine prinzipiellen Bedenken gehabt habe, als sie im vorigen Jahre einen Zuschuß von 300 Mark für den freireligiösen konfessionellen Moralunterricht bewilligte. Das ist in den Augen der Genossen etwas ganz anderes! Die neue Synagoge in Mm. m 25. September dieses Jahres weihte die jüdische Gemeinde in Essen unter lebhafter Beteiligung der Einwohnerschaft ihre neue Synagoge ein. Mit der tiefergreifenden synagogalen Feier am Vormittag, dem darausfolgenden Festbankett und der Festspielaufführung am Abend wurde , ein Werk gekrönt, das nicht bloß in überragender Weise das ganze Stadtbild Essens, der viertgrößten Stadt Preußens, beherrscht, sondern auch von den bedeutendsten Fachleuten sowohl in künstlerisch-architektonischer als auch in städtebaulicher' Hinsicht als hervorragende Leistung anerkannt wird. Erbauer ist der in jugendlichem Alter als Nachfolger des berühmten Olbrich in die Künstlerkolonie nach Darmstadt berufene Professor Edmund Koerner. Er hat mit diesem Synagogenbau den Beweis erbracht, daß der bei dem Wettbewerb im Jahre 1908 auf ihn gefallene Preis den Würdigen betroffen hat. Der Bau (siehe die Abbildungen) liegt im Kerne der Stadt, am sogenannten Steeler Tor, fast vollkommen frei auf stark ansteigendem Gelände, so daß'der auf ihn zuschreitende Beschauer den Eindruck gewinnt, als liege das Gotteshaus auf dem Gipfel eines Berges. Wer aus dem engen Straßengewirr heraustretend mit einem Male vor der Synagoge steht, den Vorhof mit seinen überdeckten Gängen und der gewaltigen Freitreppe von 28 Stufen, die Eingangshalle mit Giebel und Satteldächern, die sich organisch darüber ordnenden Vierungskuppeln und schließlich den in machtvoller Steigerung herauswachsenden Harrptbau erblickt, wird durch den imposanten Anblick einfach umgeschleudert. Durch die zum Bau verwandten schweren Muschelkalksteinquadern wird dieser Eindruck des Trotzigen und Sieghaften noch erhöht. Steigt man die Stufen der Freitreppe hinan, so steht man vor den drei Haupttoren, die wahre Meisterstücke handgetriebener Bronzearbeit sind. Jeder der sechs Flügel ist aus einem Stück nach Zeichnung getrieben. Es versinnbildlichen die zwölf Felder auf den beiden Seitentoren die zwölf Stämme Jakobs. Das Mitteltor trägt allgemein-jüdische Embleme (Kronen, segnende Hände usw.). Hauptansicht der neuen Synagoge in Essen.