Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- Seite 556 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sonst nahm die Versammlung den würdigsten Verlauf. Die Begrüßungsrede des Vertreters.der deutsch-iisraetttischen Gemeinde in Hamburg bekundete das wärmste Interesse und die Begeisterung, mit der die Gemeinde die zusammengeströmten Fremden aufnahm, der Bericht des Vorsitzenden, der die Schmerzen, an denen er offensichtlich litt, heroisch zu besiegen wußte, entwarf ein treffliches Bild der stillen, großartigen Tätigkeit des Verbandes. Schließlich ist diese Tätigkeit die Hauptsache, der Verbandstag ist eine bloße Heerschau der angesehenen Juden Deutschlands. Es ist gar nicht genug anzuerkennen, daß in dieser Versammlung nicht etwa bloß Hamburger und Berliner, sondern zahlreiche Vertreter aus dem Süden und Westen, aus Mitteldeutschland und zum Teil aus dem fernen Osten teilnahmen. Es bleibt ein erhebendes Gefühl, daß zu einem solchen Tage vielbeschäftigte Männer: Kaufleute, Gelehrte, Beamte, Schriftsteller, Aerzte, Juristen, auch einzelne Künstler, zusammenströmen. Sie gewähren ein glänzendes Bild der jüdischen Intelligenz und konstatieren den rührenden Eifer, den wahrhaften Enthusiasmus, mit dem Hunderte von hervorragenden Männern die Sache des Judentums zu fördern bereit sind. Die deutsch-israelitische Gemeinde in Hamburg hat den Versammelten eine Gastfreundschaft gewährt, die aufs höchste zu Preisen ist. Sie hatte die Delegierten zu einer Theater-' Vorstellung geladen, zu der auch die jüdische Jugend Hamburgs durch zahlreiche Vertreter berufen wurde. Das ganze Haus war bloß für die Teilnehmer am Kongresse und für die Hamburger Gäste reserviert. Die deutsch-israelitische Gemeinde hat durch die vortreffliche Mahlzeit, die sie dieser Vorstellung folgen ließ, eine glänzende Bewirtung, die allzu bescheiden nur als Imbiß bezeichnet war, durch das Frühstück, das sie den Delegierten nach der Hauptversammlung bot, und durch das ausgezeichnete Mittagsmahl, das die Delegierten in den Abendstunden des 9. November in den Räumen des Hamburger- Hofes vereinigte, Zeugnisse einer Munisizenz gegeben, für die jedes Wort des Dankes zu schwach ist. Vielleicht wäre es wünschenswert, daß künftig bei solchen Festmahlen der Redefluß etwas eingeschränkt wird; wozu ist es nötig, daß Vertreter so vieler Verbände bei einem Mahle das Wort ergreifen, bei dem doch das Gespräch vorwiegen soll. Denn die Hauptsache bei solchen geselligen Zusammenkünften foll doch die Persönliche Annäherung sein, die zwischen Männern verschiedener Berufe, entgegengesetzter Richtung, stattfindet, Männern, die sonst selten oder nie Gelegenheit haben, sich kennen zu lernen und ihre Ansichten auszutauschen. - Die deutsch-israelitische Gemeinde beschenkte die Teilnehmer der Hauptversammlung mit einem Stadtplan und einem kleinen Führer durch Hamburg, die Teilnehmer an dem Festmahl mit einem zierlich ausgestatteten Büchlein, das die alphabetische Liste aller Festgenossen mit der Angabe ihrer Plätze enthielt. Von seiten des Verbandes wurde den Teilnehmern ein Buch gewidmet, das den Titel führt: „Soziale Ethik im Judentum, zur fünften Hauptversammlung in Hamburg 1913, herausgegeben vom Verband der deutschen Juden, verlegt bei I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1913". Wir kommen auf die interessante Schrift demnächst zurück. Durch die obige kleine tadelnde Bemerkung gegen den Redeüberschwang soll der Dank an die deutsch-israelitische Gemeinde, der keine Schuld an diesem Uebermaß beizumessen ist, nicht verkümmert werden. Sie und die Leitung des Verbandes werden mit hoher Befriedigung auf den Verbandstag und das Fest zurücksehen. Dem Verband feien für das zweite Jahrzehnt seiner Wirksamkeit, in das er nun eintritt, die herzlichsten Wünsche ausgesprochen. Der beste Wunsch wäre der, daß nach Verlauf dieses zweiten Jahrzehnts feine Wirksamkeit überhaupt unnötig würde, daß im Jahre 1923 jedes Verlangen erfüllt sei, das die deutschen Juden hegen müssen, daß!dann keinerlei Zurücksetzung mehr existiere, daß in jenem Jahre der deutsche Jude wirklich ein vollbürtiger, allen anderen Deutschen gleichgestellter, durch keine gesetzlichen BestimmungenUhinderter, durch''keine Haßäusbrüche belästigter Deutscher sei. * Der Beilisprozeß ist zu Ende. Wir haben schon in voriger Nummer die Entscheidung, die Freisprechung von B e i l i s, mitgeteilt. Sie war keineswegs vorauszusehen. Die Brandreden des Staatsanwalts und der Privatkläger, die Rechtsbelehrung des Vorsitzenden, die Zusammensetzung der Geschworenen ließen die schlimmsten Befürchtungen aufkommen. Freuen wir uns des Resultats, das hoffentlich durch kein trübes Nachspiel beeinträchtigt wird. Wir hegen den herzlichsten Wunsch, daß der arme Beschuldigte, der so lange und so schwer gelitten hat, seines Lebens, seines Eigentums und seiner Freiheit sich erfreuen möge, daß keinerlei Ausschreitung des Pöbels gegen die Juden in Rußland eintrete und vor allem, daß die russische Regierung aus diesem Verdikt der Geschworenen lerne, daß in den Kreisen nicht voreingenommener Männer die Vernunft und die Gerechtigkeit herrschen. Ist auch die Bejahung der ersten von den Richtern den Geschworenen unterbreiteten Frage (Nr. 46, S. 545) derart, daß Juden daraus ein Anerkenntnis des Ritualmordes schließen können, so ist doch die Freisprechung des Angeschuldigten ein Triumph der Gerechtigkeit. Wir tragen im folgenden den Bericht über die letzten Tage des denkwürdigen Prozesses nach. * Kiew, 8. November. Im weiteren Verlaufe seines Plädoyers beschäftigte sich gestern der Verteidiger Maklakow mit den Hauptstützen der Anklage, dem Sachverständigen Professor S i k o r s k i und den sogenannten „gelehrten Autoritäten", wie dem Mönch Neophi t. Welche Schande sei es für die Ankläger, sagte Maklakow, daß sie einen senilen, gebrechlichen Professor der Psychiatrie herbeigeholt und seine von der Psychiatrie weit abgelegene ketzerische Rede als psychiatrisches Gutachten ausgegeben hätten, welche Schande sei es, daß die geschmacklosen Faseleien eines Neophit das russische Gericht hätten entweihen dürfen. Maklakow sprach mit Temperament, eiserner Energie und einer wunderbaren Redekunst. Seine zuerst ruhige Stimme wurde zum Schluß machtvoll und bis ins letzte Winkelchen selbst dann hörbar, wenn dr ganz leise sprach und den Gegner zu zermalmen drohte. Er trat nicht als Verteidiger des Beilis, sondern der Gerechtigkeit ans, und alle die bitteren Vorwürfe, die er den Anklägern machte, trafen. Ergreifend war dann der Schluß der Rede Maklakows, der mit diskretem Pathos die Geschworenen davor warnte, irgendwelche andere Frage als die Frage von der Schuld des Beilis zu lösen oder sich durch irgendwelche Parteistimmung leiten zu lassen. „Hüten Sie sich", ries er ihnen zu, „vor einem Ha st urteil oder gar einem Justizmord. Der Mord des Juschtschinski und Beilis werden vergessen werden, Ihr Urteil aber wird in der Geschichte bleiben." Das von Rechtsanwalt G rufenberg, dem einzigen jüdischen Verteidiger, gestern abend begonnene Plädoyer endete hellte um 1 Uhr mittags mit einem würdigen Bekenntnis, wie das Judentum das Verdikt des Gerichts hinnehmen werde. Grusenberg gab eine erschütternde Darstellung von dem mittelalterlichen Martyrium der Juden und schloß mit den Worten: „Wir haben allK getan, um die Unschuld des Beilis Ihnen vorzuführen. Sollten Sie den Unschuldigen trotzdem verurteilen, so wird auch er der Reihe der Märtyrer mit dem Ruse sich anschließen: „Höre Israel, unser Gott ist einzig!" Ki ew , 9. November. Der Verteidiger Grusenberg schilderte den Hergang des Verbrechens folgendermaßen: Am 22. März wurden mehrere bei Wera Tscheberjak verkehrende Diebe verhaftet; danach fand eine Haussuchung bei ihr statt. Am selben Tage erzählte Eugen Tscheberjak von Juschtschinskis Drohung. Am 25. März besuchte Juschtschinski die Tfcheberjaks und ging mit Eugen Tscheberjak spazieren, ließ aber seinen Paletot in der Wohnung zurück. Als er dorthin zurückkehrte, traf er dort Singajewski, Latyschew und Budsinski, denen Wera Tscheberjak seine Drohung bereits mitgeteilt hatte. Einer der Diebe versetzte