Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Anstalt — als gute Juden tüchtige Handarbeiter zu sein — nicht in Vergessenheit geraten zu lasten. Am 1. Januar d. I. beging der Verein den zehnjährigen Gründungstag und überreichte aus diesem Anlaß dem Direktor der 2lhlemer Erziehungsanstalt, Herrn Silberberg, ein Diplom nebst Festschrift, die seine Ernennung zum Ehrenvorsitzenden des Vereins ,mm Ausdruck bringt. Anläßlich des lO jährigen Bestehens des Vereins veranstalteten die Mitglieder des Vorstandes eine Propaganda zwecks Werbung neuer Mitglieder. Es wurden über 70 neue Mitglieder gewonnen, darunter eine große .^ahl ehemaliger Schüler sowie eine Reihe von Gönnern, die dem Verein reges Interesse entgegenbringen. Neben dem Lokal-Verein Hannover sind jetzt zwei weitere Lokal-Vereinigungen hinzugekounnen. Es sind dieses Dresden, das Zentrum der deutschen Gartenbaukunst, und Berlin. Die Begründung eines Lokal-Vereins Frankfurt a. M. dürfte voraussichtlich bald folgen. Neber die erfreulichen Fort- , schritte, die die Anstalt seit ihrer Begründung gemacht hat, teilt deren Vorstand folgendes mit: „20 Jahre sind verflossen, seitdem Konsul Moritz Simon unsere Anstalt ins Leben rief. Während es bei der Errichtung der Anstalt nicht möglich war, das geeignete Schülermaterial zil bekommen — neun Zöglinge befanden sich bei Eröffnung derselben im Hause — ist die Zahl im Laufe der Jahre, trotz beschränkter räumlicher Verhältnisse, auf etwa 100 Knaben und 00 Mädchen im Jahre gestiegen. In allen deutschen Landen hat man die Bedeutung und die Wichtigkeit der Bestrebungen Ahlems erkannt, und so ist es nicht verwunderlich, daß überall das Interesse für die Ideen des verewigten Simon wach und rege wurde, und sich in allen Hauptorten unseres Vaterlandes Lokal-Komitees bildeten, die uns eifrig in unserer Arbeit und vor allem in der Werbearbeit unterstützten. Die beste und wirksamste Propaganda für unsere schöne Sache bewirken aber unsere „Ehemaligen", die sich als Pioniere draußen im Kampfe des Lebens bewähren und den Beweis dafür erbringen, daß die von uns geübte Erziehungsmethode die richtige ist und daß die berufliche Ausbildung den Anforderungen des praktischen Lebens entspricht. Insgesamt sind in unserer Lehrlingsabteilung 229 Gehilfen, darunter 214 Gärtner, ausgebildet worden. Mit besonderer Freude geben wir -unseren Mitgliedern davon Kenntnis, daß wir die hohe Ehre hatten, den Herrn Regierungspräsidenten Graf von Berg-Schönfcld in Begleitung des Königl. Landrats Herrn Noßmann und des Herrn Negierungsassessors von C o rs w a n t bei uns begrüßen zu dürfen. Mehrere Woch'en später besuchten uns Herr Oberregierungsrat Dr. Budde, der Vertreter des Herrn Regierungspräsidenten, sowie Herr Geheimrat Dr. Gürtler und Herr Rcgierungsrat Dr. Dschenfzig. Darauf folgte die Revision unserer Fortbildungsschule, der gewerblichen Betriebe und des Handfertigkeitsunterricht durch beit Herrn Regiernngs- und Gcwerbeschulrat Dr. Thöne. In den letzten Tagen unterzog Herr Geh. Regierungs-. und Schulrat Nickell unsere Volksschule einer eingehenden Revision. Wir befinden uns in der glücklichen Lage, berichten zu dürfen, daß das von den Herren Vertretern unserer staatlichen Behörden abgegebene Urteil für uns ein recht erfreuliches ist." Zum Schluß enthält der Bericht die Mitteilung, daß der einer besonderen Verwaltung unterstehende Hilfsfonds für ehemalige Lehrlinge der Anstalt Llhlem im Jahre 1912 9 Darlehen im Gesamtbeträge von 4268.65 Mark und eine nicht rückzahlbare Unterstützung von 200 Mark gwährt hat. Von früheren Darlehns-Empsängern wurden 285.19 Mark zurückbezahlt. Die gesamten, Ende 1912 ausstehenden Darlehnsbeträge beliefen sich aus zirka 20 400 Mark. S£s> Brrrgkundstadt, 7. November. Das war eine herzliche Abschiedsfeier, welche die hiesige israelitische Kultusgemcinde zu Ehren ihres in den wohlverdienten Ruhestand getretenen Hauptlehrers Herrn I. Löbenstern am verflossenen Samstag im Saale des Hotels Stern veranstaltete. Die Räume konnten die so zahlreich erschienenen Festgäste kaum fassen. Nachdem die wuchtigen Akkorde der „Opernphantasie" über den „Freischütz" verklungen waren, ergriff der Kultusvorstand, Herr M. L o n n e r st ä d t e r , das Wort, um die Festgäste aufs herzlichste zu begrüßen und die Verdienste zu feiern, die sich Herr Hauptlehrer Löbenstern während seiner 49jährigen Dienstzeit in Schule und Gemeinde erworben hat. Er betonte, daß Herr Löbenstern seine gesamte Dienstzeit in Burgkundstadt verbrachte; eine Tatsache, die für sich selbst spricht und dem Lehrer sowohl als 'auch der Gemeinde das schönste Zeugnis ausstellt. Eine von der Kultusgemeinde gestiftete Ehrengabe in Form eines kostbaren Klubsessels wurde dem Gefeierten am vorhergehenden Tage bereits überbracht. Erhebend und ergreifend waren die schlichten Worte des Prologs, gesprochen von der Schuljugend, die ihrem treuen Lehrer auch für die Zukunft den Segen Gottes wünscht und als äußeres Zeichen ihres Dankes einen prächtigen Blumenstrauß überreichte Herr Stadtpfarrer und königlicher Distriktsschulinspektor F r o h n h ö f e r rühmte den Mustererzieher und den vorzüglichen Stand der israelitischen Schule, die unter Herrn Löbensterns Leitung stets zu den besten des Bezirks gehörte, insbesondere das gute Einvernehmen unter den verschiedenen Konfessionen der hiesigen Stadt hervorhebeikd, wozu in erster Linie auch der Gefeierte beigetragen hat. Herr Bürgermeister Agath schilderte in kernigen Worten die liebenswürdige Art und den versöhnlichen, friedfertigen Sinn des ergrauten Schulmannes, der sich solch großer Beliebtheit erfreut und dem mit vollem Recht vor nahezu 25 Jahren die höchste Würde, die die Bürgerschaft zu vergeben hat — das Ehrenbürgerrecht — verliehen wurde Herr Distriktsrabbiner Dr. G o i t e i n sprach von dem — nach talmudischer Auffassung — kostbarsten Kleinode, aus dessen Besitz sein „Freund Löbenstern" stolz sein kann: „Er hat sich einen guten Namen erworben!" Im Aufträge der früheren Schüler des Gefeierten widmete Herr M. K r a u ß dem treuen und hochgeschätzten Jugendbildner warme Worte des Dankes und der Anerkennung Herr Kultusvorstand Lonne rst ä d t e r überreichte nun unter einer kurzen Ansprache die kostbare, künstlerisch aus geführte Urkunde über die vor kurzem erfolgte Ernennung zum Ehrenmitglied der israelitischen Gemeinde und brachte ein Hoch auf den Landesfürsten aus, in das alle Festteilnehmer einstimmten und die Nationalhymne stehend absangen. Bewegt dankte Herr Hauptlehrer Löbenstern für die ihm in so reichem Maße erwiesenen Ehrungen und gab die Versicherung, daß er auch künftig seinem einstigen- Wirkungskreise treu bleiben werde. Bad Dürrheim (Schwarzwald), 7. November. Die sehr günstigen Erfahrungen, die in unserem Friedrich-Luisen- Hvspiz (israelitisches Solbad für Kinder und weibliche Erwachsene) mit Winterkuren gemacht worden sind, haben jetzt durch eine Maßnahme der badischen Regierung eine neue Bestätigung erfahren. Das Ministerium des Innern hat mit der Begründung, daß „der hohe Wert der Winterkuren in Höhenlage in den letzten Jahren immer mehr erkannt worden ist", beschlossen, das Großh. Landessolbad Dürrheim, das unserem Hospitz benachbart ist, auch während der Wiutermonate offen zu halten.. In der bezüglichen Bekanntmachung ist unter Hervorhebung der besonderen Stellung Dürrheims, die ihm seine Lage 705 Meter über dem Meere verleiht, bemerkt: ^,Als hochgelegenes Solbad verbindet es mit einem ausgeprägten schneereichen Schwarzwaldwint-er eine ausgiebige Besonnung, die einen Viele Stunden langen Aufenthalt im Freien fast täglich gestattet. Demcntsprechend ist dann auch der Erfolg der Winterkuren bei Blutarmen, Nervenschwachen, widerstandsfähigen Rheumatikern und besonders bei Rekonvaleszenten ein ausgezeichneter." Wir dürfen hinzufügen, daß auch bei Knochenerkrankungen und offenen Wunden durch die Sol-, Sonnen- und Luftbäder ganz überraschende Erfolge in unserem Hospiz erzielt worden sind. Die Verwaltung desselben hat sich dadurch, daß sie die prächtige Anstalt auf den Rat erster ärztlicher Autoritäten von vornherein für vollen Jahresbetrieb eirwichtete, ein unschätzbares Verdienst erworben. Hierin wie schon durch seine Höhenlage steht das Friedrich-Luisen-Hospiz in Dürrheim unter den jüdischen Solkuranstälten einzig da. 2*2 Strastburg i. E., 7. November. Professor Dr. W. A. Freund, der berühmte Straßburger Gynäkologe, hat Erinnerungen herausgegeben unter dem Titel „Leben und Arbeit, Gedanken und Erfahrungen über Schassen in der Medizin". Wr jüdische Leser dürfte von besonderem Interesse sein, was der hervorragend^ Gelehrte über die konfessionellen Widerstände, die sich den Anfängen seiner wissenschaftlichen Laufbahn in Breslau entgegenstellten, schreibt: „In den Zeiten des Assistententums (an der Breslauer Frauenklinik) habe ich mich der dauernden Gunst Betschlers (des Leiters der Klinik. D. Red.) zu erfreuen gehabt. Zn wiederholten Malen hat er mir nahegelegt, das Hindernis der Konfession zu beseitigen, um akademische Karriere zu machen, und als er im Verein mit dem Physiologen Volkmann mir Aussicht rnachte, den durch Hohls Tod vakanten Hallenser Lehrstuhl zu erhalten, hatte ich schweren Geivissenskamps zu bestehen. Volkmann, der damals bei seinem Schwiegersöhne Heidenhain wohnte,' erzählte mir zum Erweise der Unmöglichkeit der Berufung eines Juden nach Halle, daß