Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229069-3229116--69925-3282253- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
lassen die Kinder so unterrichten, daß sie die Fähigkeit erlangen, mit ihren hörenden Mitmenschen in der Laütsprache zu verkehren. Sic sind dadurch in den Stand gesetzt, je nach ihrer Begabung, einen Berns zu ergreifen und fallen somit im Alter dem Proletariat nicht anheim. Die Aufnahme der Kinder im schulpflichtigen Alter erfolgt nur alljährlich zum 1. April. Anmeldungen hierfür müssen spätestens bis zum 15. Februar bei unserem Schriftführer Herrn Adolph Salomon eingereicht werden. Kindern unbemittelter Eltern gewähren wir Freistellen. Die Dauer der Schulzeit ist gemeinhin acht Jahre. Jedes Kind kostet uns alljährlich inklusive Lehrkräfte über 1000 Mark, so daß sich die Ausgaben pro Kops aus mehr als 8000 Mark belaufen. Daß wir hierzu der Mithilfe aller derjenigen Glaubensgenossen bedürfen, die nicht nur Gutes wollen, sondern auch Gutes tun, bedarf wohl nicht der Erwähnung, und deshalb richten wir die dringende Bitte an Sie: Helsen Sie uns, unser vor 3 0 I a h rennbegonnenes Werk s o r t z u f ü h r e n und bou« e rnd z u erhalten! — Der vor dreißig Jahren von dem unvergeßlichen Marcus Reich ins Leben gerufene Verein „Freunde der Taubstummen", dessen Erziehungsanstalt in Weißensee zu den herrlichsten Schöpfungen des deutschen Judentums gehört, verdient die weitgehendste Förderung. Wir empfehlen obigen Aufruf aufs wärmste der Aufmerksamkeit unserer Leser und bemerken, daß etwaige Postsendungen an Herrn Adolph Salomon, Charlottenburg 2, Knesebeckstraße 35/36 (Postscheckkonto: Berlin 6222), zu richten sind. y. Berlin, l l. November. In den Vierteljahrsheften „Zur Statistik des Deutschen Reiches", die von dem Kaiserlich Statistischen Amt herausgegebeii werden, befindet sich in einem der letzten Hefte auch eine Zusammenstellung der Ergebnisse schulstatistischer Erhebungen. Ans den Ergebnissen ersieht man, daß die Zahl der voll beschäftigten jüdischen L e h r k r ä s t e in den össentlichen Volksschulen (zu denen wohl auch die jüdischen öffentlichen Volksschulen gezählt sind) in ganz Deutschland 531 beträgt. Die Zahl der vollbeschäftigten jüdischen Lehrerinnen in den Volksschulen ist 155. Von den 531 jüdischen Lehrern entfallen aus Preußen allein 311, von jüdischen Lehrerinnen 62. Dazu treten an den Mittelschulen (gehobenen Volksschulen) an voll beschäftigten jüdischen Lehrkräften 36 Lehrer und 91 Lehrerinnen, zum Teil an össentlichen, zu einem größeren Teil an privaten Mittelschulen. Bei den höheren Lehranstalten ist in der amtlichen Statistik leider die Konfession der Lehrkräfte nicht augegebeu, wohl aber die Konfession der diese Anstalten besuchenden Schüler. Sehr -interessant ist die prozentuelle Vergleichung des Verhältnisses zwischen Lehrcrzähl und Volksschülerzahl der gleichen Konfession. Die Anzahl der evangelischen Volksschüler betrug (in dem Jahr 1911) 6 190 953, die Zahl der evangelischen Volksschullehrer 101044. Die Zahl der katholischen Volksschüler betrug 4 041 108, die Zahl der vollbeschäftigten katholischen Vvlksschullehver 45 965. Die Zahl der jüdischen Volksschüler belief sich aus 31314, die Zahl der vollbeschäftigten jüdischen Vvlksschullehrer ans 531. Rein ziffernmäßig betrachtet, ergibt sich, daß aus einen vollbeschäftigten jüdischen Volksschullehrer erheblich weniger Schüler kommen als bei den anderen Konfessionen; eine übrigens bekannte Tatsache. Von weiterem allgemeiilen Interesse erscheint die Tatsache, daß die weitaus übergroße Nt e h r z a h l der jü d i s ch e n Kinder h v h e r e Lehran st alten besucht. Nach dieser das ganze Reich umfassende n und a l l e S ch u l arte n berücksichtigenden offiziellen Statistik besuchten insgesamt 52 235 Kinder jüdischen Bekenntnisses höhere Lehranstalten, dagegen Volksschulen einschließlich der jüdischen nur 31314 jüdische Schüler. Die Zahl der jüdischen Volksschüler betrug daher in der Gesamtzahl der jüdischen Schüler von 83 549 etwa 37,4 Prozent, während 62,6 Prozent der jüdischen Schulkinder höhere Lehranstalten besuchten. Au den Mittelschulen betrug die Zahl der jüdischen Schüler insgesamt 10 877. An den Mädchen gymnas i e n und in den Anstalten, die diesen gleichgestellt sind — es sind deren insgesamt 39 — betrug die Frequenz jüdischer S ch ü l e rinn e n bereits im Jahre 1911 2567. Wenn man bedenkt, daß diese Atädchenwelt doch wohl in die akademischen Berufe übergehen will — dann muß man sagen, daß wir im nächsten Jahrzehnt eine Fülle jüdischer weiblicher Akademiker Vvrsinden werden. Für den außerordentlich großen Bildnngsdrang in den jüdischen Kreisen ist gerade diese Ziffer ein starker Beweis, denn während die jüdische Bevölkerungszisfer nur ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, betrügt der Quotient der jüdischen weiblichen Gymnasiasten über 12 Prozent der gesamten Frequenz der Mädchengymnasien. Weniger günstig stellt sich der Prozentsatz bei der Frequenz der höheren Mädchenschulen, denn hier betrügt die Zahl der jüdischen Schülerinnen nur etwa das Doppelte der Zahl derjenigen Mädchen, die das Gymnasium besuchen. Während von den gesamten Gymnasialschülerinucn von etwa 21500 nicht weniger als 2567 jüdischen Bekenntnisses sind, weist unter der Gesamtsrequenz der höheren Mädchenschulen von rund 211000 die Zahl der jüdischen „höheren Töchter" nur die Ziffer von 13 407 auf. Es ergibt sich hieraus ein außerordentlich starker Zudrang der jüdischen Mädchenwelt zu der höheren akademischen Bildung. Die ganze Statistik zeigt mit unwiderleglicher Deutlichkeit, daß rinseren Glaubengenossen die vom Staate vorgeschriebene Minimalbildnng der Volksschule keine Befriedigung gewährt, daß der Drang zu den Wissensquellen bei der überaus großen Mehrheit unserer Glaubensgemeinschaft ein sehrstarker ist. 2^2 Berlin, 11. November. Der Verein z u r B e k l e i d u n g a r nt er Kinder (E. V.) veranstaltet zum Besten seines Unterstützungsfonds am Sonnabend, den 15. November d. I., in den Gesamträumen des Neuen Königlichen Operntheaters (Kroll) ein Wohltatigkeitsfest mit vorangehenden: Künstlerkonzert. Ihre Mitwirkung haben zu gesagt: Frau Melanie Kurt vom Deutschen Opernhaus, Charlottenburg; Frau Paula Wein bäum, Konzertsängerin; Fräulein Carola Zellenta, Violin-Virtuosin; Herr Königl. Hofschauspieler Carl C l e w i n -g; Herr Opersänger Jean N a d o l v - vitch. Große Tombola. Hauptgewinn: Eine Freikarte 1. Kajüte aus dem „Imperator" nach Southampton und zurück. Eintrittskarten sind zu haben: im Bureau des Vereins, Bülowstraße 105, bei A. Wertheim, Leipziger Straße ttitö Tauentzieustraße 7 b. Berlin, 11. November. In einer Reihe von deutschen Städten fanden jüngst Versammlungen statt, deren Zweck die Förderung des gemeinnützigen Werkes der A. I. K. O. war. Im Anschluß an die Veranstaltungen in M ü n ch e n unb Augsburg, die einen starken Widerhall gesunden hatten, beriefen die führenden Persönlichkeiten der israelitischen Gemeinde in Kassel am 28. Oktober im Lokal der Sinniloge des ll. O. B. B. eine Versammlung ein, zu der die Herren Dr. Isidor G i n s b e r g, Ehrenpräsident der A. I. K. O. und Vorsitzender der deutschen Abteilung der „Alliance Jsvaelite Universelle", sowie Dr. A l f r e d N o s s i g aus Berlin als Referenten erschienen. In seiner Eröffnungsansprache betonte der Vorsitzende, Bankier H. Blumen thal, Mitglied des Vorsteheramtes der Israeliten, daß der einladende Kreis deshalb die Initiative zu der Veranstaltung ergriffen Hütte, weil jeder westeuropäische Jude dem Streben der A. I. K. O., den östlichen Glaubensgenossen dauernd zu helfen, lebhaftes Interesse entgegenbringen müsse. Die Ausführungen der Referenten, welche ein reiches Tatsachenmaterial vorbrachten und die Kolonisationsmethoden der A. I. K. O. beleuchteten, fanden warmen Beifall. Landrabbiner Dr. D o c t o r hob in feiner bedeutsamen Ansprache hervor, daß es eine Pflicht der jüdischen Gemeinden sei, ungeachtet der auf ihnen bereits ruhenden anderweitigen Lasten, das Werk der A. I. K. O. nach Maßgabe ihrer Kräfte zu unterstützen. Kommerzienrat G. Rosenzweig dankte den Referenten dafür, daß sie die Mitglieder der Kasseler Gemeinde mit Heu neuen Gesichtspunkten, nach denen die A. I. K. O. ihre Kolonisntibttsarbeit organisiert, bekanntgemacht hatten. In einer/ längeren-Diskussion regten Dr. Wittgenstein die Frage des Sanitätsdienstes auf dem Kolonisationsgebiete, H. Meckar die der Wanderlehrerstür Kolonisten, Herr Lieb erg und Kommerzienrat Rosenzweig die der Unterrichtssprache in den Schulen der Kolonien an. Hach einen: Schlußwort der Referenten, die auf alle erörterten Punkte eingingen, wurde zwecks weiterer Förderung des A. I. K. O.-Werkes ein Komitee gewählt, den: Lnndrabbiuer Dr. Do ct o r als/Vorsitzender, Fabrikant Bernhard Ai o s b a che r als stellvertretender Vorsitzender, Kommerzienrat Moritz Wert he in: als Schatzmeister, Herr Joses Heß als Schriftführer, Rechtsanwalt Dr. Katzen stein, Kommerzienrat G. R o s e n z w e i g, H. N u ß b a u m und M. F e l dst e i n als Beisitzer angehören. Die meisten der Anwesenden traten der A. I. K. O. als Mitglieder bei, anch wurde in der Versammlung eine namhaftere Anzahl von Aktien der „Orient C o l o n i - fing Comp a n y L t d." gezeichnet. — In Gießen wurde die A. I. K. O.-Versammlung am 29. Oktober unter dem Vorsitze des großherzoglichen Provmzialrabbiners Dr. Sander abgehalten. Die Einladung war von den Leitern der liberalen und der orthodoxer: Gemeinde, Geh. Kommerzienrat S. Heichelheim, Stadtverord-