Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- Seite 551 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Wucherer und Betrüger übersteigt den Prozentsatz der jüdischett Bevölkerung doch immerhin erheblich." „Sie Müssen das für die heutigen Verhältnisse besser beurteilen, können als ich, Herr Kreisrichter, obschon mir scheint, es käme auf den Prozentsatz unter den jüdischen Kausleuten, nicht unter der ganzen jüdischen Bevölkerung an. Als Geschichtsforscher möchte ich mir aber doch einige historische Anmerkungen bezüglich der Wucherer gestatten." „Sie können doch nicht bestreiten, daß der jüdische Wucher der Hauptgrund ihrer immer wiederkehrenden Austreibung und des Volkshasses gegen die Juden gewesen ist." „Ganz und gar nicht; aber ich möchte nur bestreiten, daß der. Christ minder dazu neigte. Lombarden und Kawertschen übertrafen bekanntlich im Wucher noch die Juden, wie man heute die Griechen und den Armenier dem Juden im liebervorteilen für überlegen erachtet; und Jakob Wimpheling schrieb: „Gräulich ist der Wucher, wie ihn die Juden ausüben und viele Christen, die noch schlimmer als die Juden sind. So manchen Christen fehlte es zum. Wucher nicht am Willen, sondern nur. am Kapital. Es steht auch fest, daß man dem Juden den Wucher nicht nur erlaubte, sondern durch Ausschluß von fast jedem anderen Gewerbe fast dazu nötigte. In Palästina war der Jude alles eher als Geldleih er oder auch nur als Kaufmann, war Landmann und nur dies. Händler war sprachlich und sachlich ihm nur der Kananiter; Saul pflügte noch als König eigenhändig mit seinem Nindergespann; im Exil auch sprechen sie mit Verwunderung vom Krämerland und der Kaufmannschaft Babylons; auch der Talmud hat kaum ein Wort zu Ehren des Handels, während er Handarbeit und Handwerk anerkennt, die Erlernung eines Handwerks jedermann, geradezu-vorschreibt. Unsere Schuld ist die ausschließliche Neigung der Juden zum Handel,",fuhr der Bibliothekar fort,-„wir schlossen sie. vom Grundbesitze, Zünften und Gilden aus; wir beschränkten' sie auf Trödel und Zinsnehmen; fürwahr, auch den Germanen ' könnten die Juden das Dichterwort Grillparzers zurusen: „Sie lähmen uns und schelten, daß wir hinken." , „Aber wer nötigte ihn im 19. Jahrhundert, wo ihm Handwerk, Fabrikarbeit, Landwirtschaft offen stehen, noch zu schachern und wuchern? Warum macht er sich heute auch so oft des betrügerischen Bankerottes schuldigt Und. warum scheut er auch jetzt noch die schwerere körperliche Arbeit?" „Die Nachwirkung von dreizehn Jahrhunderten", erwiderte der Bibliothekar, „läßt sich nicht mit einem Schlage abschütteln, und Tausende ehrbarer jüdischer Kaufleute, Handwerker, Aerzte und Gelehrten haben sie bereits längst abgeschüttelt. Was aber die angebliche Scheu vor körperlicher Arbeit betrifft, so sorgen bereits etwa 70 Vereine, Stiftungen und Schulen im Deutschen Reich für die Hebung des Handwerks und des Ackerbaues unter den Juden, ganz zu schweigen von den vielen Tausenden israelitischer Handwerker in Warschau, unter denen allein 2000 Schlosser sich befinden, den jüdischen Bauern in Südrußland, den jüdischen Arbeitern in den Zuckerfabriken Kiews, den zahlreichen jüdischen Seeleuten in allen Zonen, den Bergarbeitern in den'Petroleumgruben Galiziens." „So kann ich den Vorwurf der Abneigung der heutigen Juden gegen die harte Arbeit nicht mehr aufrecht erhalten. Aber was Sie vom jüdischen Witz und Geist sagten, bedarf doch auch der Einschränkung." : . „Inwiefern?" „Der jüdische Geist ist gewöhnlich nur „l-osprit des autres nichts Originelles, nur die Ausbeutung oder milde gesagt, der Ausbau sreinder Gedanken; die jüdischen Künstler und Gelehrten haben mehr Talent und Fleiß als wahres Genie. Oder, -welche Entdeckungen oder Erfindungen verdankten wir den Juden?-". „Entdecker zur See.waren sie freilich nicht, obgleich man Kolumbus neuerdings jüdische Abstammung zuschreiben möchte. Aber unter den Erforschern im Innern des dunkeln Erdteils nimmt doch immerhin Emin Pascha, der eigentlich Schnitzer hieß, eine ehrenvolle Stellung ein. Jedenfalls haben sie aber in der^Dhilosophie, den Staatswissenschaften, der Sprachforschung Und auch in der Naturwissenschaft Großes geleistet." „Nun ja, den Philosophen Spinoza und den Sozialisten Marx muß ich als eigenartige Denker anerkennen; auch Oppert will ich seinen Ruhm als Keilschriften-Entzifserer nicht absprechen, obschon doch Grotefend ihm voranging; aber welcher Jude wäre denn in den Naturwissenschaften als ein wirklich ganz großer zu nennen? Zu uns Laien ist wenigstens kein Name gedrungen, der einem Kopernikus, Keppler, Linnö, Helmholtz, Färaday, Berzelius, Bunsen auch nur entfernt sich annäherte." „Ja, die.Namen vergehen, und die Empfindungen bestehen." „Sie sprechen in Rätseln." „Nun, z^ B. die Camera, obscura, die doch heute kein Photograph missen möchte, was ist sie? Eine jüdische Erfindung, die wir dem Levi ben Gerson verdanken, der 1325 lebte, und der nebenbei auch den astronomischen Jakobsstab erfunden hat." „Das habe ich freilich bisher moch nicht gewußt." „Aber den jüdischen Witz werden Sie doch wohl kennen und anerkennen?" fuhr der Bibliothekar fort. „Kennen wohl, aber nicht anerkennen; denn dieser sogenannte Witz ist im Grunde doch nur ein seichtes Witzeln, ein plattes Wortspiel; denken Sie an Saphir." „Ich denke vielmehr an Heinrich Heine, dessen Geist und Witz ich selbst da bewundere, wo sein Spott meine Empfindung-verletzt. Das Wortspiel haben übrigens die Juden erst von den Germanen gelernt; die Psalmen und die Bibel sind frei davon." „Von uns gelernt? Sie scherzen!" „Nein, gewiß nicht. Ist denn die Kapuzinerpredigt im Wallenstein nicht eine Kette von Wortspielen, und. Schiller hat sie bekanntlich der Predigt des Wiener Pfarrers Megerle, alias Abraham a Santa Clara nachgebildet; und der Pfarrer von Kalenberg und ein Thomas Murner, ein Taubmann und so viele andere witzige Köpfe waren Deutsche, nicht Juden." „Das -erkenne ich an; immerhin ist der jüdische Witz giftiger, spitziger, ätzender als der deutsche; der Jude hat mehr Ironie und Satire als Witz und Humor; die Gelehrten des Kladderadatsch, der Wespen und des Ulks sind zumeist doch von anderem Schlage als die der Fliegenden Blätter." „Und doch haben die „Fliegenden" unter ihren gelegentlichen Mitarbeitern so manchen getauften und ungetaufteU Juden." - ' ' (Fortsetzung folgt.) Mchtrug zu drm Lrricht über dir 3. Hauptversammlung drsVrrbsudrs der deutschen Juden. Auf die Telegramme an den Kaiser und an den König von Bayern sind die folgenden Antworten eingegangen: P o t s d a m. Seine Majestät der Kaiser und König lassen den dort versammelten Abgesandten jüdischer Gemeinden und Vereinigungen für den Huldigungsgruß bestens danken. Ans Allerhöchsten Befehl der Geheime Kabinettsrat von Valentini. München. Den zur Hauptversammlung vereinigten Vertretern des Verbandes der deutschen Juden sage ich' für ihre Glückwünsche zn meiner Thronbesteigung besten Dank. Ludwig.