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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-11-14 · Heft 46 (14.11.1913) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 46 (14.11.1913)
Date
1913-11-14
Page
Seite 548 (sequence 8)
Language
German
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548 Wenn man die Geschmacklosigkeiten sieht, wie sie vor allem die jüdischen Friedhöfe in den letzten Jahrzehnten gezeitigt haben, so fragt man sich einigermaßen erstaunt, wie es nur möglich ist, daß man den Ort, wo das Andenken 'an ein Liebes Familienmitglied zu stiller Sammlung auffordert, anstatt ihn durch beredte Weihe eines Kunstwerkes zu einem besonders sinnvollen Leben zu erwecken, zu einer Stätte spekulativer Stilwidrigkeiten herabwürdigen kann. Die Friedhöfe in Italien, die jüdische Abteilung des Wiener Zentralfriedhoses und der Begräbnisplatz der Berliner jüdischen Gemeinde zu Weißensee weisen Beispiele zur Genüge auf, die so kunst- und geschmacklos sind, daß man gern zu den anspruchslosen Grabsteinen unserer Vorfahren zurückkehrt, da nur eine bescheidene Platte den Namen des Entschlafenen enthält, und wo wir selbst in dieser einfachsten Form des Denkmals oft eine so feine Verquikkung von Schrist- und Steinform, auch unter Hinzufügung von leichter Ornamentik, antreffen, daß man hier einen viel ausgeprägteren Schönheitssinn entdeckt, als in den großen mausoleumartigen Bauten, deren Steinmassen sich gegenseitig erdrücken. Hoffentlich wenden sich unsere Glaubensbrüder nun bald der Ueberzeugung zu, daß die wahre Kunst gerade da an ihrem Platze ist, wo das Gefühlsleben anü tiefsten und lau-' tersten zum Ausdrucke kommen soll: an den Stätten der Erinnerung für unsere Toten. Dieses Ziel ist aber nur zu erreichen, wenn der Fabrikbetrieb in der Grabmalskunst zurückgedrängt wird und die Aufträge mehr an Künstler als an Steinmetzfabriken vergeben werden. Dann werden auch die Stilwidrigkeiten verschwinden, denen man leider noch so oft begegnet. Die Steinmetzen sind natürlich bemüht, möglichst teueres Material zu verwenden; schwarzer Stein als Symbol der Trauer (!) fein poliert — meistens der kostspielige Labrador — wird bevorzugt. Die Würde des Monumentes wird sodann auch durch Bronzeornamente oder eiserne Bestandteile zu erhöhen gesucht, und so entsteht schließlich ein Konglomerat, das im einzelnen kostspielig und wertvoll, in seiner Gesamtheit jedoch eine Häufung von Stillosigkeiten darstellt. Ein Rundgang in Weißensee belehrt das Auge besser, als Worte es vermögen, denn Gutes und Schlechtes findet man dort oft -in einer Reihe vereint. Auch vor Plagiaten wird nicht zurückgeschreckt, so daß wir manchmal den reizvollen und durchdachten Entwurf eines Künstlers in mehreren illegitimen Mißgeburten wiederfinden. Die jüdische Religion verbietet die Anbringung figürlichen Schmuckes auf den Friedhöfen. In einfacher, ernster, aber würdiger Form sollen wir die Ruhestätten schmücken. Keine Prunkgebäude sollen wir über den Grabhügeln erbauen, sondern den im Tode alles einenden Grundgedanken auch in den Erinnerungszeichen der Verstorbenen zum Ausdrucke bringen. Aber wir sollen die Gräber schmücken, d. h. wir sollen sie so ausgestalten, daß sie würdige Stätten sind, die auch von der kulturellen und ästhetischen Erziehung derer sprechen, die in dem Denkmal ihren Tribut an die Verstorbenen zum Ausdrucke bringen wollen. Alfred Messel, der srühverstorbene große Baumeister, ist auch auf dem. Gebiete der Grabmalskunst als ein Führer zu neuen Zielen tätig gewesen; er führte den Sandstein und Muschelkalk für die künstlerisch wirkende Grabkunst ein und wies den Weg, wie die einfache architektonische Linie genüge, um ein sinn-und kunstvolles Monument entstehen zu lassen. In neuester Zeit sind bereits Künstler erstanden, denen wir manchen herrlichen Friedhofsschmuck verdanken. Ich verweise nur auf den jüdischen Friedhof in Kopenhagen, der durch eine große Anzahl von Grabmonumenten des Bildhauers Siegfried Wagner ein einzigartiges künstlerisches Gepräge erhalten hat. In Deutschland wäre der Düsseldorfer Friedhof zu nennen, doch überwuchert bei uns das massenhafte Fabrikgut noch so sehr, daß man nur selten 31t einem wahren Genüsse des einzelnen Werkes kommt. Um so freudiger ist es zu begrüßen, daß der Friedhof zu Weißensee, dessen gärtnerischer Schmuck mustergültig ist, in letzter Zeit einige Grabdenkmäler erhalten hat, die besondere Beachtung verdienen. Der Berliner Architekt Paul Lewy hat dort eine Reihe von Monumenten ausgeführt,'die den Gedanken der würdigen und einfachen, dabei aber künstlerisch gereiften modernen jüdischen Grabmalskunst versinnbildlichen. Was in allen diesen Werken den einenden Grundakkord bildet, ist die stilvolle Architektonik, die nicht laut redend, sondern wie das Geflüster an der Stätte der Ruhe, da man den Schläfer nicht stören will,-in bescheidener und zurückhaltender Würde die Behausung der Entschlafenen umgibt. Die ernsten, großen Linien sind in den Vordergrund gerückt, das schmückende Beiwerk ist nach Möglichkeit unterdrückt. Als Material werden hauptsächlich Muschelkalk oder Travertin verwendet, da diese Gesteine' in ihren interessanten Zufälligkeiten der Farbe und Musterung Erbbegräbnis Seelig-Borchardt auf dem jüdischen Friedhof zu Weißensee. Architekt Lewy. m'iOMfl

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