Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- Seite 547 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ausmaß von Gastfreundschaft, wie man es selten finde. — Von den eingegangenen Begrüßungstelegrammen erwähnt der Vorsitzende besonders dasjenige‘ des Hum an i t ä r en Fr a n e n v e r ei n s , da aus demselben hervorgehe, daß auch die Fraüen für die Vcrbandsziele reges Interesse bekunden. Dann erstattete Herr Justizrat H o r - w i tz den Geschäftsbericht. Zu Ehren der im letzten Jahre Verblichenen, Herren Geh. Justizrat Wöllstein, Löb - Darmstadt'und Regierungsrat Professor Aron, erhebt sich die Versammlung von ihren Plätzen. Da Professor Phi'lipps.vn, einer der Begründer des Verbandes, leider genötigt sei, seine Tätigkeit für den Verband einzustellen, habe der Ausschuß beschlossen, ihn in' Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste zum Ehrenmitglied des -geschäftsführenden Ausschusses zu ernennen. In den geschäftssührenden Ausschuß sind in der Berichtsperivde neu eingetreten die Herren Rabbiner Dr. V o ge l ste i n, Geheimrat T i m e n - dorfer , Hermann G u m p e r tz; Reichstagsabgeordneter Haas, Direktor Holz man und Philipp Schiff. Als neue Mitglieder sind in den Ausschuß eingetreten die Herren Oberlandesgerichtsrat S ch a p s - Hamburg, Landtagsabgeordneter B ä r w a l d - Bromberg und Professor Kalis ch e r. Herr Dr. Max Ginsberg hat wegen Ueberlastung durch andere Ehrenämter das Schatzmeisteramt des Verbandes niedergelegt. Namens des Verbandes spricht ihm Dr. Horwitz warmen Dank aus. Sodann gibt der Vorsitzende eine lieber sicht über die Hauptgebiete der Tätigkeit des Verbandes in den letzten zwei Jahren. Eine sehr umfassende Arbeit fei auf dem Gebiete der Apologetik, insbesondere in der Schaffung des apologetischen Archivs, geleistet worden. Weiter war die Arbeit des Verbandes dem Schutz religiöser Interessen gewidmet, in der Schächtfrage, bei der Frage des Sonntagsruhegesetzes usw. Ferner ist der Verband für die Bereitstellung staatlicher Mittel zur Unterstützung notleidender jüdischer Gemeinden eingetreten. Untersuchungen habe er angestellt über die Verwendung des Schulresolutionsfonds, er ist eingetreten für die Anstellung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen an öffentlichen Schulen; seine Bemühungen in der Schössen- und Geschworenensrage hätten, wie konstatiert werden könne, guten Erfolg gehabt. Dagegen sei aus militärischem Gebiet noch alles beim alten. Auch heute noch sei kein Jude in Preußen zum aktiven oder auchnur zum Reserveoffizier ernannt. Der Vortragende geht näher aus diese Frage ein und erhofft von der Annahme der Resolutionen Dr. Ablaß, Albrecht und Genossen sowie der Gröberschen durch den Reichstag pennoch .eine günstige Einwirkung in absehbarer Zukunft. Schließlich wird noch über die Einwirkung des Verbandes aus die Gestaltung des Gesetzes betreffend Erwerb und Verlust der Staütszugehörigkeit eingehend Bericht erstattet. Zum Schlüsse betont Herr Justizrat Horwitz die Notwendigkeit * fcet zentralen Stellung des Verbandes. Es müsse bei den' Gemeinden und den Organisationen die Ausfassung Platz greisen, daß sie allein machtlos seien und ein wirksamer Erfolg nur zu erhoffen sei, wenn der Verband als die gegebene Zentralstelle überall betrachtet werde. Hieraus hielt Herr Rabbiner Dr. G o l d s ch m i d t - Königshütte den apologetischen Vortrag über die „Soziale Fürsorge in der jüdischen Religion". In sehr ausführlicher, durch Bibelstellen und jüdische Religionsquellen belegter Darstellung gibt er ein klares Bild der sozialen Grundanschauungen des Judentums. Er weist nach, daß unsere ganze moderne Sozialpolitik sich zum großen Teil gedanklich als Fortentwicklung jüdischer Lehre ergebe. Die Grundsätze der Gerechtigkeit und Liebe, die Wertschätzung der Arbeit, die Fürsorge für die Schwachen und Armen, endlich das Gebot der Nächstenliebe seien Postulate der jüdischen Lehre,. Der Kantsche Satz: „Wenn Gerechtigkeit untergeht, hat es keinen Zweck, daß noch Menschen leben", ist jüdischer Gedankengehnlt. . Die Fremdengesetzgebung bei den Juden sei die humanste gewesen, schon zu einer Zeit, als den alten Völkern noch der Begriff des Fremden mit dem des Feindes und des Barbaren identisch war. Die ganze Anlage des Judentums, das war das Ergebnis des Vortrages, ist von Grund aus sozial. Die Armensürsorge sei bei keiner anderen Glaubensgemeinschaft eine so mustergültige, ja zuweilen übergroße, als bei uns Juden. Er schließt mit den Worten: Das j ü di sch e H"e r z ist wach und rege nicht nur für unsere Glaubensgenossen, sondern für die ganze Welt; wir sprechen nicht von der Nächstenliebe, aber wir üben sie. (Lebhafter Beifall.) — Der Vortrag hätte in seinem ungemein wertvollen Gehalte sich noch eindrucks- ' voller gestalten lassen, wenn eine straffere Konzentration : des ' Gedankengeh ciltes vorgenommen worden wäre. Dann erreichte durch den .meisterhaften politischen Vortrag des Reichstagsabgeordneten. Dr. Haas die Begeisterung der Versammlung ihren Höhepunkt. Die treffenden Ausführungen, die an leitender Stelle dieser Nummer zürn Abdruck gelangen, wurden vielfach durch tosenden Beifall unterbrochen, der sicham Schluß immer erneut erhob. Im Anschluß an diesen Vortrag, der eine Diskussion nicht hervorrief, wurde die folgende Resolution einstimmig , angenommen: Resolution. Wir erstreben: Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Religion und dadurch die gerechte Würdigung ihrer' grundlegenden Lehren. ' . Wir bekämpfen: Alle Darstellungen vom Judentum, durch die der Anschein erweckt wird, als entsprächen seine Lehren nicht den höchsten Forderungen der Sittlichkeit. , Wir erstreben: Uneingeschränkte Durchführung der Aerfassungs- und Gesetzesbestimmungen über die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Rücksicht aus ihre Religion. , Wir b ekä mP s en : Jeden Versuch, durch Vorwände die Verletzung jener Bestimmungen zu beschönigen. Wir b ekä mp fen : Amtliche Befragungen und Auszeichnungen über die Religion der Staatsangehörigen, auch der Heeresangehörigen und Beamten, soweit nicht Rechte oder Pflichten gesetzlich von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft abhüngen. Wir e r st r e b e n : Gleichmäßige Zuweisung von Staatsmitteln zu kirchlichen Zwecken au alle Religionsgemeinschaften, solange der Staat an einzelne von .ihnen Zuschüsse leistet. Wir bekämpf e n: > Heranziehung von Vermögen der Juden zugunsten der christlichen Kirchen durch Beitragsleistung aus den auch von I u d e n ausgebrachten Staatssteuern a l l e i n für ch r i stliche Kultuszwecke. W.i r e r st r e b e n : Tatkräftige Stellungnahme der deutschen Behörden gegen die Zurücksetzung deutscher Juden bei Reisen nach Rußland und grundsätzliche Ablehnung jeder Mitwirkung an Religionsunterscheidungen bei Paßerteilung. W i r bekämpfen: •' Alle Maßnahmen, durch welche bei Ausweisung und .Einbürgerung Juden anders behandelt werden als Christen. Nachdem sodann die Ausschußwahlen durch Enblocannahme der 21 vorgeschlagenen Herren: Sanitätsrat Dr. Apfel- Köln, Geheimer Justizrat A r o n s o h n, Ai. d. L., Justizrat Dr. Blau- Frankfurt, Justizrat Breslauer- Berlin, Landtagsabgeordneter Geheimer Justizrat Cassel -Berlin, Landtagsabgeovdueter Dr. Cohn -Dessau, Konnnerzienrat Max Elb- Dresden, Rektor Feiner- Hainburg, Geheimer Justizrat Eugen Fuchs-Berlin, Geheimer Justizrat G e i ge r - Frankfurt a. M>, .Professor Rabbiner Dr. G u t t m a u n - Breslau, Dr. Abraham Hirsch- Halberstadt, Justizrat Berger- Königshütte, Stadtrat Ho mb u r g e r-Karlsruhe, Justizrat Horw i tz - Berlin, Kirchenrat Dr. K r o n e r - Stuttgart, Justizrat L ev i u-Stettin, Justizrat L ö b-Darmstadt, Rabbiner Dr. Munk- Marburg, Justizrat S t e i n h a r d t - Danzig, Rabbiner Dr. W e r - n er-München erfolgt waren, wurde dem Kassierer aus Antrag des Knssenprüsers Herrn Dr. I. Ginsberg Entlastung erteilt. — Die üblichen Dankesworte an die Leitung richtete Herr Dr. Max Cohen- Hamburg, woraus det Vorsitzende Herr Justizrat Horwitz mit der Mitteilung, daß der nächste Verbandstag in München stattfinden werde, die Versammlung schloß. Abends fand dann in den Räumen des „Hamburger Hofes" ein Festmahl statt, das durch eine Fülle von Toasten gewürzt war. — ■ Am Montag werden noch einige Tagungen abgehalten, so mcker anderen die Jahresversammlung des Verbandes d e r Vereine f ü r j ü d i sch e K r a n k e n p f l e ge r i u n e n. Moderne jüdische Grsbmalskunlt. Von Karl Schw arz. dem Begriffe gute Grabmalskunst liegt ein großes H Zukunftsprogramm. Auf diesem Gebiete harrt unserer Künstler noch eine gewaltige Aufgabe, denn nur selten werden heutzutage die Gräber derart geschmückt, daß man in ihnen etwas von Schönheit und künstlerischem Geiste verspürt.