Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- Seite 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Rießer unvergessen sein. In ergreifenden Worten feierten sodann ' Herr Rabbiner Dr. L e i m d ö r f e r - Hamburg namens der Tempelgemeinde, Herr Rabbiner Dr. R o s e n b e r g - Thorn namens der dortigen Gabriel-Rieß er-Loge das Andenken des unsterblichen Gabriel Rießer. Mit dem Kaddischgebet schloß die Feier. Um 12 Uhr mittags begann dann die Hauptversammlung. Auto um Auto und Wagen an Wagen rollten schon lange vor Beginn der Versammlung vor das Versammlungslokal; in dichten Scharen strömten die Besucher zu Fuß heran. Bereits eine Viertelstunde vor Beginn der Versammlung war es kaum noch möglich, sich durch die dichten Massen hindurchzudrängen. Der mächtige Raum des Sagebielschen Marmorsaales und die 'Logengalerien durch zwei Etagen waren' dicht gefüllt von Herren und Damen. Die Zahl der Delegierten betrug etwa 410. Unter den Teilnehmern befanden sich ein Reichstagsabgeordneter ünd^ soweit wir bemerkten, vier Land'tagsabgeordnete, Nämlich die Herren Stadtrat Dr. Haas- Karlsruhe, Geheimer Justizrat Cassel-Berlin, Geheimer Kommerzienrat A r o n s och n - Bromberg, Justizrat V ä r w a l d - Bromberg und Dr. C o h n - Dessau. Der Vorstand der Berliner Gemeinde war fast vollzählig erschienen, so die Herren Kommerzienrat Netter,' Justizrat Breslauer, die Geheimen Sanitätsräte Dr. Julius Stern und Dr. Fei lchen selb, Geheimer Baürat Landsborg, Geheimer R e g i e r u n g s r a t D r. P i e ck, sowie der Syn- : dikus der Gemeinde Justizrat Lilienthal, ebenso nahm der größte Teil der Berliner Repräsentanten, mit deren Vorsitzenden Herrn Louis Sachs an der Spitze, an der Tagung teil. Von sonstigen prominenten Persönlichkeiten seien hier nur noch wahllos erwähnt Professor Hermann Cohen, Geheimrat Professor Dr. Geiger, Oberlandesgerichtsrat S ch a p s - Hamburg, Geheimrat Timendorser, der Präsident der Großloge, Professor Kali scher, der Vorsitzende des Gemeindebundes, die Herren Oskar und Georg'Trech, I sowie die Mitglieder der Hamburger Bürgerschaft, Max Warb u r g , Dr. Max Cohen, K. B u n z e l, Phil. W i n t e r, Jacob Alex an der. und .Karl C oh n, auch Herr Dr. I. G i n sber g, der Vorsitzende der Freien Vereinigung der „Alliance Jsraelite Universelle", nahm an der Tagung teil.' Man muß gestehen, daß in der Tat ein großer Teil unserer durch sozialen Rang und. wirtschaftliche Stellung wie geistige Höhe hervorragenden Glaubensgenossen sich hier ein Stelldichein gegeben, zu haben schien. Die hamburgischen Staatsbehörden waren gleichfalls vertreten. Vom Senat war Herr Senator von Melle, von der Bürgerschaft deren Vizepräsident Dr. Bag ge und deren-Schriftführer Hey entsandt worden, Kurz nach 12 Uhr eröfsnete Herr Justizrat Horwitz, der Vorsitzende des Verbandes, die Versammlung und verwies, nach Bildung des Bureaus, darauf, daß der Verband zum erstenmal in einer Stadt ,a u ß e r h a l b Preußens tage. Darin liege zugleich ein Symbol, daß der Verband alle deutschen Juden umfasse. Auf Vorschlag des Ausschusses wurden B e g r ü ß u n g s t e l e g r a m m e an den Kais e r und an König L u d w i g I II. v o n B a y e r n unter freudiger Zustimmung der Versammlung abgesandt. Die Telegramme' lauteten: „An Seine Majestät den König v o n B a h e r n , München. Eurer Majestät, dem Allerhöchsten Schirmherrn unseres Vaterlandes und dem Wahrer des Rechtes im Deutschen Reiche bringen mehr als 400 Abgesandte jüdischer Gemeinden und Vereinigungen aus allen Teilen des Reiches,, in der Freien und Hansestadt Hamburg zur Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Inden vereinigt, alleruntertänigste Huldigung dar und sprechen erneut das Gelöbnis unwmrdelbarer Treue aus." An Seine Majestät den König von. Bayern, München. Ew. Majestät gestatten sich die aus allen Teilen des deutschen. Vaterlandes, mtd) des Königreiches Bayern, zur Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden in Hamburg vereinigten mehr als 400 Vertreter der deutschen Juden ehrsurchtvollste Glückwünsche zur T h r o n b e st e i g n n g darzubriugeu." Sodann streifte der Vorsitzende den B ei li sp r o z es;, indem er etwa ausführte: -Wir leben in einer Zeit der Erinnerungen. Im Vorjahre waren 100 Jahre vergangen, da den Juden die Gleiche berechtigung — sagen wir einmal —Ungesagt worden ist. Vor 100 Jahren, in jenen Tagen der Begeisterung, hätte man nicht geahnt, daß die jüdische Lehre, die der ganzen Menschheit die Bahn gewiesen hat, noch je dem Verdacht ausgesetzt werden würde, daß sie ein scheußliches Verbrechen, den Mord an. Menschen zu religiösen . Zwecken, lehre. Jetzt müssen wir es erleben, daß in einem Staate, der zu zwei Dritteln seines Gebietes in Europa liegt und nicht in Asien, ein Prozeßverfahren sich abspielt zu dem ausgesprochenen^ Zwecke der Feststellung, daß es einen Ritualmord gibt, der von Juden begangen werden müsse. (Stürmische Pfuirufe.) „Wir lehnen es ab," ruft der Redner mit erhobener Stimme, „Proteste in die Welt zu ' senden. Das hat u n s e r e R e l i g i o n nicht nötig. (Brausender Beifall.) Das Unsinnige und-Wahnwitzige einer solchen Behauptung ergebe sich.für» jeden, der sich auch nur einen Augenblick mit unserer jüdischen Lehre beschäftigt." — Sodann begrüßte er besonders die Vertreter des Staates Hamburg und der jüdischen Gemeinde. Dann betrat Herr Senator von Melle die Tribüne und führte etwa folgendes aus: Im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg heiße ich die fünfte Hauptversammlung des „Verbandes der deutschen Juden" herzlich willkommen und verbinde damit zugleich den Dank für die Begrüßung, die mir durch Ihren Vorsitzenden zuteil geworden. In der Enkvicklungsgeschichte Hamburgs haben sich Juden auf wirtschaftlichem wie auf geistigem Gebiete sehr viel betätigt. Es ist nicht eine kleine Anzahl Ihrer Glaubensgenossen, die hier auf wirtschaftlichem imd geistigem Gebiete an Hamburgs Größe mitgearbeitet hat. Nur einen Namen will ich hier nennen: Gabriel Ni es; er. Ergehörte zu den glänzendsten Rednern, den in schicksalsschweren Tagen das Frankfurter -Parlament zu seinem -Präsidenten erkor. ..Erwar eine Zierde des Richterstandes lind ein eifriger Förderer aller geistigen. Interessen. Die Zeiten, wie diejenigen, in denen Rießer zu kämpfen hatte, liegen weit hinter uns. Nicht mehr um erst zu erringende Nechtsgüter handelt es sich, sondern vielleicht nur um. eine- Abwehr von Angriffen gegen längst dauernd gesicherten Besitz. Aber die Folgen jener Känrpfe wirken noch heute nach, und sie finden ihren bezeichnendsten. Ausdruck in der Zusammenfassung aller ihrer Glaubensgenossen. Aber ich bin fest davon überzeugt, daß Sie niemals über den eigenen Interessen ihrer Glaubensgemeinschaft diejenigen des Vaterlandes und der Gesamtheit aller Deutschen vergessen werden. (Brausendes Bravo.) Bleiben wir eingedenk jenes Wortes des weisen Nathan: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als.Mensch? Ah! Wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu heißen!" (Lebhaftes Bravo.) Namens der jüdischen- Gemeinde sprach sodann Herr Rechtsanwalt Dr. Max Coh c n. Sein Willkommensgruß galt dem Verband in seiner Gesamtheit, repräsentiert durch die Leitung, er galt den. Delegierten und den Damen unter ihnen. Wenn man aus allen deutschen Gauen hierher nach Hamburg geströmt sei, so sei das wohl auch in der Erwartung geschehen, daß Hamburg ein geeigneter Nährboden für die Ziele und Zwecke des Verbandes sei, und das treffe .auch zu. In Hamburg war es von jeher Gebrauch und Notwendigkeit, ius Ausland zu gehen und das Ausland zu studieren. Und wenn jemand hinansgegaugen ist, um neue Absatzgebiete zu suchen und zu schaffen, so habe ihn dort niemand gefragt, welcher Religion er augehöre, wenn er nur sonst tüchtig und ehrenhast gewesen ist. Besitzt doch nach Nathan derjenige, der durch sein Handeln und seine. Wirksamkeit es gezeigt hat, jenen echten Ring, der die Wunderkraft besitzt, beliebt zu machen und angenehm vor Gott und den Menschen.' Schon vor Jahrhunderten, als die Nacht der Finsternis unsere Glaubensgenossen aus Spanien und Portugal vertrieb, habe der Rat Hamburgs ihnen Aufnahme gewährt und Privilegien erteilt, und sie konnten durch ihre Mitarbeit an der wirtschaftlichen Entwicklung ihren Dank an die Vaterstadt bekunden. Auch er erinnere an Hamburgs großen Sohn, Gabriel Rießer, der uns gelehrt hat,-daß wir zuerst Deutsche sein u-lüssen bis in Mark und Knochen. Wir alle sind der gleichen Ansicht wie Rießer, und in dieser Gesinnung seien wir uns alle einig, (Lebhafter Beifall.)- > Der Vorsitzende, Justizrat Horlvitz, dankt den Rednern für die freundlichen Begrüßungen und schöpft ans den Umständen, daß beide Redner sich auf Lessing, den großen Apostel der Humanität, berufen haben, die Hoffnung, das; die höchsten Ideen der Humanität hier in Hamburg eine Pflegestätte finden, und sie sich von hier aus über ganz Deutschland verbreiten werden. Der Hamburger jüdischen Gemeinde sage er besonderen Dank für die vortreffliche Leitung und das große